An diesem Tag

Theben (Böotien)

Antiker Stadtstaat

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Das böotische Theben (mykenisches Griechisch 𐀳𐀣 te-qa, altgriechisch Θῆβαι, Thêbai (f. pl.), lateinisch Thebae, heute Thiva) war im Altertum die größte Stadt in der griechischen Landschaft Böotien. Sie liegt auf den Vorhöhen des Teumessos, wurde schon von Homer als die „Stadt der sieben Tore“ (Thebe Heptapylos) bezeichnet und war in der griechischen Antike der wichtigste Ort des Böotischen Bundes.

Die bisher frühesten Spuren menschlicher Besiedlung in Theben stammen aus der späten Jungsteinzeit, vor allem in Form von Tongefäßen und Tonstatuetten. Aus dem Frühhelladikum (FH; frühe Bronzezeit), besonders dem FH II (ca. 2700–2200 v. Chr.) wurden in Theben und den umgebenden Hügeln bedeutende Siedlungsreste entdeckt. In dieser Phase wuchsen die offenbar teilweise gut organisierten Siedlungen, mit teils mehrstöckigen Gebäuden, und der Reichtum, bezeugt durch viele kostbare Kleinfunde, auch aus einer Reihe von Gräbern um Theben. Bei diesen handelt es sich um Kammergräber mit Dromoi. Schon damals gehörte Theben zusammen mit Eutresis sowie wahrscheinlich Orchomenos und Lithares zu den größten zumindest protourbanen Zentren Böotiens. Während des FH III (ca. 2200–2000 v. Chr.) wurde Theben, wie auch alle anderen Siedlungen Böotiens und vieler anderer Regionen Griechenlands, zerstört; ein Ereignis, das – mittlerweile nicht mehr unumstritten – oft mit einer Einwanderung von Indogermanen aus dem Norden (Balkanindogermanen) in Verbindung gebracht wird. In der Folge ist zunächst ein starker kultureller Abstieg festzustellen. Theben blieb aber auch während des folgenden Mittelhelladikums (mittlere Bronzezeit, ca. 2000–1700/1600 v. Chr.) ununterbrochen besiedelt; dessen erste Hälfte offenbart allerdings weit weniger Reichtum und wesentlich einfachere Siedlungsstrukturen als das Frühhelladikum. Gegen Ende dieser Periode und am Übergang zum Späthelladikum (ca. 1700/1600–1050/00 v. Chr.) kommen reich ausgestattete Kriegergräber auf, in denen sich sowohl Waffen als auch kostbare andere Grabbeigaben unter anderem aus Gold fanden. Typische Keramik des Mittelhelladikums und teils auch noch am Beginn des Späthelladikums sind vor allem die Minysche Keramik, aber auch die sogenannte Mattbemalte Keramik.

In mykenischer Zeit war Theben ein bedeutendes Zentrum, das um 1200 v. Chr. ausweislich der dort gefundenen Linear-B-Texte den südöstlichen Teil Böotiens und womöglich auch den Süden Euböas beherrschte. Möglicherweise wurde Theben auch auf der Ortsnamenliste des altägyptischen Pharaos Amenophis III. (ca. 1385–1351) mit der Bezeichnung di-qa-ja-s erwähnt; jedoch ist diese Gleichsetzung strittig.

Die auf dem Kadmeia genannten Hügel errichtete mykenische Oberstadt („Königsburg“) liegt unter der modernen Stadt, so dass nur an wenigen Stellen systematische Ausgrabungen durchgeführt wurden. Von den Palastgebäuden wurden deshalb bisher nur wenige Räume erforscht. Dabei kamen zwei unterschiedlich ausgerichtete Gebäudekomplexe zu Tage, bei denen ungeklärt ist, ob sie zu zwei verschiedenen, zeitlich getrennten Palästen gehören (dann als altes und neues Kadmeion bezeichnet). Gesichert scheint, dass es insgesamt drei Zerstörungen gab. Die erste ereignete sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr., gegen Ende des Späthelladikums (SH) III A2. Eventuell wurde nach dieser Zerstörung das alte Kadmeion aufgegeben und ein neues errichtet, doch sind die Befunde nicht eindeutig. Eine weitere Zerstörung ereignete sich am Ende von SH III B1 (ca. 1240/25 v. Chr.), nach der einige Räume restauriert, andere hingegen offenbar nicht mehr genutzt wurden. Am Ende von SH III B2 oder der Übergangsphase SH III B zu III C (ca. 1190–80 v. Chr.) ereignete sich eine dritte Zerstörung, nach der (schließlich auch) der (neue) Palast endgültig aufgegeben wurde.

Obwohl große Teile des Palastes wegen der modernen Überbauung bisher nicht erforscht werden konnten, kamen bei den bisherigen Ausgrabungen zahlreiche bedeutende Funde ans Licht, darunter ein Archiv mit vielen Linear-B-Tafeln, die der Palastverwaltung dienten. Einen beachtlichen Fund stellen 42 kostbare, vor allem mesopotamische (meist kassitische) und zyprische Rollsiegel dar. Hinzu kommen neun ungravierte Siegel sowie einige stark abgenutzte, die nicht mehr les- oder bestimmbar sind. Die meisten Siegel stammen aus dem 15. bis 13. Jahrhundert v. Chr., einige altbabylonische Exemplare sind jedoch bedeutend älter. Sie waren ursprünglich in Holzkisten im Obergeschoss gehortet worden und wurden in einer Zerstörungsschicht des sogenannten Schatzraums entdeckt. Allerdings ist unklar, ob diese Zerstörungsschicht der des späten 13./frühen 12. Jahrhunderts entspricht oder einer früheren, kurz nach Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. (am Ende von SH III B1). Viele Siegel waren aus Lapislazuli, einem damals in Griechenland außerordentlich seltenen Material. Aus Lapislazuli waren auch eine Anzahl von Schmuckelementen, wie Lapislazuli-Perlen unterschiedlicher Form und kleine Anthemia aus Lapislazuli für Halsketten, die im selben Raum entdeckt wurden. Zumindest die kassitischen Siegel – deren Gesamtgewicht von 496 g ungefähr einer damaligen Mine entspricht – gelangten wahrscheinlich gleichzeitig nach Theben. Nach Meinung unter anderem der Bearbeiterin Edith Porada könnten sie ein Geschenk des assyrischen Herrschers Tukulti-Ninurta I. gewesen sein, der um 1225 v. Chr. Babylon erobert hatte. Das Geschenk bezeuge gute Beziehungen Thebens zu Assyrien, die Porada auch aus dem sogenannten Šaušgamuwa-Vertrag ableitet. Dabei handelt es sich um den Entwurf eines Schreibens Tudḫaliyas IV. an den Vasallenkönig Šaušgamuwa in Amurru, wonach verhindert werden sollte, dass sich Schiffe Aḫḫijawas (? die Lesung des Worts, dessen Anfang fehlt, ist nicht unstrittig) in amurritischen Häfen mit assyrischen Händlern verbinden sollen. Porada erwähnt allerdings nicht, dass im selben Dokument, das üblicherweise vor die Zerstörung Babylons datiert wird, der Herrscher Aḫḫijawas aus einer Liste der als gleichrangig angesehenen Großkönige durch einen waagrechten Strich getilgt ist. Die Streichung wird mit einem starken Bedeutungsverlust Aḫḫijawas kurz vor dem Vertrag erklärt. Da 1225/1220 v. Chr. als terminus post quem recht spät erscheint und sich auch nur schwer mit einer eventuellen Zerstörung am Ende von SH III B1 vereinbaren ließe, ist diese Theorie jedoch strittig. Der Fund deutet aber in jedem Fall an, dass das Reich von Theben damals nicht unbedeutend war und weitreichende diplomatische Kontakte unterhielt.

Von Teilen der Forschung wird die Ansicht vertreten, dass Theben im 13. Jahrhundert v. Chr. die führende Macht in Griechenland und sein Herrscher der König von Aḫḫijawa war. Aḫḫijawa ist der hethitische Name eines Reichs westlich der Hethiter, dessen Zentrum von Westkleinasien offenbar nur über das Meer zu erreichen war, das im 14. und über weite Strecken des 13. Jahrhunderts v. Chr. aber auch Teile des südlichen Westkleinasiens, insbesondere Millawanda (sehr wahrscheinlich Milet) beherrschte. Es wird mittlerweile von der herrschenden Forschungsmeinung mit einem mykenischen Reich gleichgesetzt. Als Argument dafür, dass Theben dessen Hauptstadt war, wird unter anderem angeführt, dass die Vertreter Böotiens und mit Peneleos ein Thebaner am Anfang des Schiffskatalogs der Ilias stehen, nicht aber Mykene mit Agamemnon, und dass die gesamte Flotte von Aulis in Böotien aufbricht. Jedoch ist das Alter des Schiffskatalogs umstritten. Auch die mesopotamischen Rollsiegel (siehe oben) werden als Indiz angesehen, dass Theben im 13. Jahrhundert v. Chr. die Führungsmacht Aḫḫijawas war. Allerdings gelten in der Forschung auch Mykene oder die ostägäische Region um Rhodos als mögliche Zentren des mykenischen Aḫḫijawa/Griechenlands.

Der Tübinger Altorientalist Frank Starke vertritt die Ansicht, dass ein seit Emil Forrer bekannter Keilschriftbrief (KUB 26.91) der hethitischen Palastkorrespondenz nicht vom hethitischen Großkönig abgesandt worden, sondern ein Brief aus Griechenland an die Hethiter sei. In diesem Brief wird ein Kagamu, Urahn des Königs von Aḫḫijawas und offenbar Zeitgenosse von Tudḫaliya I., genannt, dessen Name Starke als Kadmos deutet, was auf Theben hinweisen könnte; Die Lesung „Kadmos“ ist allerdings strittig und Starke hat seine Umdeutung bis heute nicht wissenschaftlich publiziert. Die – in der Forschung unstrittige – Erwähnung Tudḫaliyas I. sowie des Staatenbündnisses Aššuwa belegen eine lange Beziehung zwischen Aḫḫijawa und den Hethitern, die bis ins späte 15. Jahrhundert zurückreicht. Das Schreiben stammt möglicherweise aus der Zeit des Ḫattušili III., des wahrscheinlichen Verfassers des bekannten Tawagalawa-Briefes. Dieser Brief ist an den als „Großkönig“ angeredeten Herrscher von Aḫḫijawa gerichtet, dessen Name nicht erhalten ist. Jedoch wird dessen Bruder Tawagalawa mehrmals erwähnt, der ebenfalls als Großkönig bezeichnet wird und möglicherweise vor seinem Bruder König war bzw. mit diesem ein Doppelkönigtum bekleidete. Bereits Forrer sah in Tawagalawa die hethitisierende Schreibweise einer Frühform des griechischen Namens Eteokles, was mittlerweile auch Forschungsmeinung ist. Bereits Forrer verband den Namen mit Böotien, allerdings mit dem mythischen Eteokles von Orchomenos; heute wird jedoch aus dem Bereich der griechischen Sagen – mit Vorsicht – auf den Eteokles der thebanischen Mythologie hingewiesen, der mit seinem Bruder Polyneikes ein Doppelkönigtum bekleiden sollte. Ferner wird auf mehrere Linear-B-Tafeln (Fq 177 und 198) aus Theben verwiesen, in denen ein angesehener Mann aus Milet erwähnt wird, der offenbar einst ein hoher Amtsträger in Milet war und nun im thebanischen Palast versorgt wurde. Sofern das bis ins zweite Drittel des 13. Jahrhunderts v. Chr. mykenisch geprägte kleinasiatische Milet – und nicht das kretische Milatos – gemeint ist, würde dies darauf hinweisen, dass Milet ein Außenposten Thebens in Westkleinasien war. Während der Herrschaft des hethitischen Königs Tudḫaliya IV. verlor Aḫḫijawa offenbar die Kontrolle über Millawanda, jedenfalls werden Angaben im Milawata-Brief entsprechend interpretiert; die archäologischen Funde in Milet zeugen von zunehmendem hethitischen Einfluss ab dem späten 13. Jahrhundert. Die ungefähr gleichzeitige Zerstörung Thebens könnte erklären, dass der Einfluss Aḫḫijawas in Westkleinasien um diese Zeit zurückging.

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