Das Theater am Kärntnertor, auch Kärntnertortheater oder in der alten Schreibweise Kärnthnerthor-Theater, war ein für Oper, Ballett und Schauspiel bestimmtes Theater in Wien. Es kann gemeinsam mit dem Burgtheater am Michaelerplatz als Vorläuferhaus der Wiener Staatsoper gelten.
Die Stadt Wien verfügte zu Beginn des 18. Jahrhunderts über kein eigenständiges Theatergebäude, nachdem 1683 das Theater auf der Cortina wegen der Türkenbelagerung Wiens abgetragen worden war. Wandernde Schauspielergruppen traten stattdessen in Ballhäusern oder provisorischen Hütten auf. Um die verstreuten Theateraktivitäten zu bündeln, nicht zuletzt aber auch aus sicherheitstechnischen Überlegungen (etwa des Feuerschutzes) wurde ein Standort für ein sog. „Komödienhaus“ gesucht, wobei der Wiener Magistrat bereits 1704 den Platz in der Nähe des ehemaligen Kärntnertores (ungefähr an der Stelle des heutigen Hotels Sacher) vorschlug. Zwischenzeitlich war sogar ein zweites Hoftheater an der Freyung im Gespräch, wurde jedoch nicht realisiert.
Das Theater am Kärntnertor wurde nach Entwürfen von Antonio Beduzzi erbaut und Ende 1708 fertiggestellt. Die Eröffnung fand jedoch erst ein Jahr später, am 30. November 1709 unter der Leitung des Grafen Francesco Maria Pecori statt. Über den Spielplan der ersten Jahre ist wenig bekannt, zumal der Theaterbetrieb in dieser Zeit durch die große Pest und eine einjährige Trauerzeit nach dem Tod Josephs I. beeinträchtigt wurde.
Von spätestens 1712 an wurde das Haus von Joseph Anton Stranitzky geleitet, zeitweise unter Beteiligung von Johann Baptist Hilverding. Erfolge feierte die Bühne unter seiner Führung mit Haupt- und Staatsaktionen, in denen Stranitzky die Hauptfigur des Hanswurst verkörperte, ehe er dem Publikum seinen Nachfolger Gottfried Prehauser vorstellte, der diese Rolle noch jahrzehntelang spielte. Das Ensemble wurde in der Folgezeit durch weitere Schauspieler wie Friedrich Wilhelm Weiskern, Anna Maria Nuth und Andreas Schröter, vor allem aber Joseph Felix von Kurz „Bernardon“ (ab 1737) verstärkt.
Nach Stranitzkys Tod (1726) war die Direktion auf seine Witwe übergegangen. Zwei Jahre später übernahmen Joseph Karl Selliers und Francesco Borosini die Leitung des Hauses (Borosini war bis 1742 beteiligt). Ihr Versuch, Opern in den Spielplan aufzunehmen, scheiterte zunächst am ausdrücklichen Verbot Karls VI. und fand erst Jahre später unter Maria Theresia Gehör. Sie räumte Selliers überdies die Nutzung des Hofballhauses ein, das zu einem zweiten vollwertigen Theater ausgebaut werden sollte, vorerst jedoch eher als eine Ergänzung des Hauses am Kärntnertor diente. Die Eröffnung des alten Burgtheaters zu erleben, war Selliers nicht mehr vergönnt. Der Baron Rocco Lo Presti wurde 1748 zum Direktor zunächst des Burgtheaters, 3 Jahre später auch des Kärntertortheaters bestimmt. Mit dem Auslaufen seines Vertrages im Februar 1751 war Selliers finanziell ruiniert, seinen Nachfolger ereilte am Ende des Jahres das gleiche Schicksal. Beide Theater wurden unter die Aufsicht einer Hofkommission gestellt, Eigentümer des Kärntnertortheaters war aber wieder die Stadt Wien. Gleichzeitig wurde die Zensur verschärft, am 11. Februar 1752 ordnete die Kaiserin das Ende der „Bernardoniaden“ an.
1761 wurde das Theater durch einen Brand zerstört und vom Hofarchitekten Nikolaus Pacassi neu aufgebaut und zwei Jahre später als „Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien“ eingeweiht. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sowohl Opern als auch Schauspiele, anschließend ausschließlich Ballette sowie italienische und deutschsprachige Opern aufgeführt. So wurden auch Mozarts Opern hier gespielt. Ur- und Erstaufführungen fanden aber in der Regel im Alten Burgtheater am Michaelerplatz statt, da dieses Haus gleichfalls allen Sparten als Aufführungsstätte diente. Manchmal wurden dieselben Werke an unmittelbar aufeinanderfolgenden Tagen zunächst in dem einen, dann in dem anderen Theater gezeigt.
Von 1811 bis 1814 war Ignaz Franz Castelli Hoftheaterdichter am Kärntnertortheater. Auch der Beamte und Komponist Ignaz Franz von Mosel, Moritz Graf Dietrichstein sowie Georg Friedrich Treitschke und Joseph Kupelwieser wirkten zeitweilig in der Administration oder als Dramaturgen an der Hofoper. Ab Ende 1821 war das Theater an Domenico Barbaja, den Impresario des Teatro San Carlo von Neapel verpachtet, als dessen Sachwalter in Wien der Tänzer Louis Duport fungierte. Während dieser Zeit feierte Gioachino Rossini mit seinen Opern triumphale Erfolge in Wien. Später pachtete auch Wenzel Graf Gallenberg das Haus. Wegen finanzieller und organisatorischer Turbulenzen wurde es in den 1820er Jahren zweimal über längere Zeiträume hin geschlossen.
Zu den Höhepunkten in der Geschichte gehört das Konzert, das Beethoven dort am 7. Mai 1824 veranstaltete. Es erklangen in ihrer Wiener Erstaufführung Teile der Missa solemnis und die Uraufführung der 9. Sinfonie, an der neben den Solisten auch der Chor der Hoftheater und jener des Musikvereins beteiligt war.
Balochino und sein Compagnon Merelli übernahmen das Hoftheater in den 1830er Jahren erstmals als Pächter. Aufgrund der revolutionären Ereignisse in Wien, die ihren Höhepunkt im Rücktritt der Regierung Metternich fanden, blieb das K.K. Hof-Operntheater von 13. bis 17. März 1848 geschlossen. Zwar konnte das Theater am 18. März wieder eröffnet werden, die für 1. April geplante und bereits affichierte Eröffnung der italienischen Stagione musste jedoch unterbleiben, da sich die Stimmung der Bevölkerung nach der Kriegserklärung von Piemonts König Carlo Alberto an Österreich (26. März) gegen Italien wandte. Die Ankündigungen der Italiener wurden von den Wänden herabgerissen, der Pächter Balochino erhielt Drohbriefe und trat zurück. Die Leitung des Theaters übernahm ein Komitee, bestehend aus Mitgliedern des Kärntnertortheaters, darunter einige führende Künstler; der Direktor des Burgtheaters, Franz Ignaz von Holbein, wurde provisorischer Leiter des Komitees, das Kärntnertortheater verlor den Titel „Hofoperntheater“ und wurde ein einfaches, allerdings privilegiertes „Operntheater“, das weiterhin aus der Staatskasse finanzielle Unterstützung fand.
Am 29. April 1848 eröffnete eine Aufführung der Zauberflöte die neue Ära, in welcher u. a. Meyerbeers Hugenotten erstmals in der Originalfassung erklangen. Von 6. Oktober bis 12. November 1848 musste das Theater aufgrund der wieder aufflammenden Unruhen erneut geschlossen bleiben. 1849 kam das Theater wieder unter Hofverwaltung, mit 1. April wurde Holbein – vorläufig für ein Jahr, dann bis 1853 – zum Administrator (Direktor) ernannt.
Ab 28. Februar 1850 wurde dem Theater wieder die Bezeichnung „k.k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore“ gewährt. Die Doppelfunktion als Direktor von Burgtheater und Kärntnertortheater überanstrengte Holbein bald, Ende Dezember 1849 wurde Laube sein Nachfolger als Direktor des Burgtheaters. Herausragendes Ereignis der Ära Holbein war die Wiener Erstaufführung des Propheten, von Meyerbeer selbst dirigiert (1850).
Die Pflege des französischen Repertoires war ein vordringliches Anliegen des Direktors: Vier Opern von Auber erlebten ihre Erstaufführung, zwei von Adam, eine von Halévy. Die deutsche Oper war durch Premieren von Nicolai, Flotow, Hager, Dessauer, Füchs und Ernst Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha vertreten. In deutscher Sprache wurde auch Verdis Macbeth erstaufgeführt.
Gegenüber der Ära Balochino fällt der Rückgang von aus einzelnen Akten verschiedener Werke zusammengestoppelten Abenden auf, die einst so beliebten französischen Vaudevilles wurden nicht mehr gegeben. Wichtige Engagements betrafen die Sopranistinnen Mathilde Wildauer, Louise Liebhart, Rosa Csillag und Anne de Lagrange, die führenden Tänzer waren Elise Albert-Bellon, Katharina Lanner oder Gustav Carey, als Choreographen wirkten Giovanni Golinelli und Domenico Ronzani. Fanny Elßler beendete 1851 ihre glanzvolle Karriere. Ab 1851 war auch wieder eine italienische Stagione (unter der Leitung Merellis) möglich, bis 1859 erfreuten Gesangskünstler wie Giuseppina Medori, Anne Charton-Demeur, Adelaide Borghi-Mamo, Gaetano Fraschini, Emanuele Carrion oder Achille De Bassini ebenso wie die Primaballerinen Fanny Cerito und Carlotta Grisi das Publikum.