An diesem Tag

Taliban

Deobandisch-islamistische Miliz in Afghanistan

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Die sogenannten Taliban, auch Taleban (paschtunisch طالبان, kurz für د افغانستان د طالبان اسلامی تحریکِ DMG Da Afġānistān da Ṭālibān Islāmī Taḥrīk, deutsch ‚Die Islamische Talibanbewegung Afghanistans‘), sind eine im September 1994 gegründete deobandisch-islamistische Terrorgruppe, die von September 1996 bis Oktober 2001 erstmals große Teile Afghanistans beherrschte und seit August 2021 wieder die Kontrolle über das Land ausübt. Der Name (paschtunisch طالبان DMG ṭālibān) ist die persische Pluralform des aus dem Arabischen stammenden Wortes talib (طالب, DMG ṭālib ‚Schüler, Wissen Suchender‘). Das Islamische Emirat Afghanistan der Taliban wurde während seines ersten Bestehens von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt. Nachdem die Taliban im Jahr 2021 de facto wieder die Herrschaft über Afghanistan errungen hatten, riefen sie erneut das Islamische Emirat aus. Die Taliban und ihr selbstproklamiertes Emirat werden Stand Juli 2025 ausschließlich von Russland anerkannt.

Die Taliban bestanden bei ihrer Gründung aus früheren Mudschahedin des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Talibanbewegung hat ihre Rekrutierungsursprünge in religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan. Die Ideologie der Bewegung basiert auf einer extremen Form des Deobandismus und ist zudem stark von der hanafitischen Lehre und dem paschtunischen Rechts- und Ehrenkodex, dem Paschtunwali, geprägt. Der Anführer der Taliban war bis 2013 Mullah Mohammed Omar. Omars Nachfolger Akhtar Mansur wurde 2016 bei einem Drohnenangriff getötet. Mansurs Nachfolger ist Hibatullah Achundsada.

Die Taliban traten erstmals 1994 in der südlichen Stadt Kandahar in Erscheinung. Sie übernahmen die Macht in mehreren südlichen und westlichen Provinzen und nahmen im September 1996 die Hauptstadt Kabul ein. Sie errichteten daraufhin das Islamische Emirat Afghanistan und eroberten weitere Gebiete im Norden Afghanistans. Ihre Herrschaft war dabei unter anderem zunehmend von radikaler Intoleranz gegenüber Minderheiten geprägt. Im Oktober 2001 wurde ihre Regierung von Truppen der afghanischen Vereinten Front in Zusammenarbeit mit amerikanischen und britischen Spezialeinheiten in einer US-geführten Intervention gestürzt. Ihre Anführer konnten sich durch einen Rückzug nach Pakistan halten.

Von 2003 an führten die Taliban von Pakistan aus eine terroristisch-militärische Kampagne gegen die Islamische Republik Afghanistan und die internationalen Truppen der International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan. Hierbei übertraf die Zahl der Anschläge gegen die afghanische Zivilbevölkerung die der Anschläge gegen die afghanischen oder internationalen Truppen offenbar um mehr als das Doppelte. Ein Bericht der Vereinten Nationen zeigt, dass die Taliban in den Jahren 2009 und 2010 für über 75 % der zivilen Todesopfer in Afghanistan verantwortlich waren. Menschenrechtsorganisationen haben den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag dazu veranlasst, eine vorläufige Untersuchung gegen die Taliban wegen systematischer Kriegsverbrechen durchzuführen.

Am Nachmittag des 15. August 2021 eroberten die Taliban Kabul innerhalb weniger Stunden und verkündeten ihren Sieg.

Zusammenbruch der Zentralregierung und Kampf um Kabul (1992–1994)

Nach dem Zusammenbruch des sowjetgestützten Regimes von Präsident Mohammed Nadschibullāh einigten sich bei Verhandlungen der Vereinten Nationen die sieben wichtigsten sunnitischen Mudschaheddin-Parteien 1992 auf einen Friedensvertrag, das Peschawar-Abkommen, das den Islamischen Staat Afghanistan begründete und eine Übergangsregierung einsetzte. Jedoch kam es bereits vor Ort in Kabul zu zahlreichen Kämpfen verschiedener konkurrierender Mudschahedin in wechselnden Allianzen unter den neuen Warlords. Zwei wichtige, jeweils vom pakistanischen Geheimdienst ISI trainierte, konkurrierende Warlords waren dabei Gulbuddin Hekmatyar und Ahmad Schah Massoud, der unter Rabbani Verteidigungsminister wurde. Ebenso führte der zu den Mudschahedin kurz vor dem Ende der Regierung Nadschibullah übergelaufene General Abdul Raschid Dostum Truppen an. Als Hekmatyar Kabul einnehmen wollte, kamen ihm die Truppen von Massoud und Dostum zuvor und übernahmen die meisten Ministerien. Friedensverhandlungen scheiterten und Hekmatyars Truppen, unterstützt von Pakistan, beschossen Kabul. Für die Kämpfe machten sich die verschiedenen Fraktionen gegenseitig verantwortlich.

Zusätzlich eskalierten Mitte 1992 Spannungen zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten radikal-sunnitischen Ittihad-i Islami und der von der Islamischen Republik Iran unterstützten schiitischen Hizb-i Wahdat. Die Hizb-i-Wahdat-Miliz ging Ende 1992 eine Allianz mit Hekmatyār ein. Abdul Raschid Dostum und seine Dschunbisch-i-Milli-Miliz schlossen sich dieser Allianz Anfang 1994 an. Es kam zu zahlreichen Menschenrechtsverbrechen bei diesen Machtkämpfen. Wie Human Rights Watch berichtete, war es praktisch jederzeit möglich, in Kabul getötet zu werden, sowohl der Artilleriebeschuss von Hekmatyars Truppen als auch die konkurrierenden Mudschahedinfraktionen traf viele zivile Einrichtungen. Es kam zudem von den verschiedenen Seiten der Mudschahedin – unter Hekmatyar, Massoud, Dostum als auch weiteren Fraktionen – zu zahlreichen Entführungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Morden. 1993 kam es im Kabuler Stadtteil Afschar etwa zu einem Massaker durch die Truppen unter den Warlords Sayyaf und Massoud, bei dem geschätzt etwa 750 Menschen, hauptsächlich Angehörige der schiitischen Minderheit der Hazara, getötet oder verschleppt wurden. Bereits bis 1993 flohen mehr als eine halbe Million Menschen aus Kabul. Nach Verhandlungen wurde im Juni 1993 Hekmatyar zum afghanischen Premierminister ernannt. Der Frieden hielt jedoch nicht und es kam 1994 und 1995 wieder zu Kämpfen zwischen den konkurrierenden Milizen.

Ursprung der Taliban (1992–1994)

Der Süden Afghanistans war überwiegend weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle der Milizen vom Norden. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden.

1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Als auslösender Moment wird in verschiedenen Quellen die Entführung und Vergewaltigung zweier Mädchen durch einen Milizenführer genannt, zu deren Befreiung sich 30 Männer unter der Führung von Mullah Omar zusammenschlossen. Die Talibanbewegung bestand aus Personen, die früher als Mudschahedin kämpften, und rekrutierte sich weiter aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan. In den Schulen wurde auch den Dschihad glorifizierendes Propagandamaterial verwendet, welches im Kalten Krieg im Kampf der Mudschaheddin gegen die Sowjetunion unter anderem von den USA finanziert worden war. Die Kämpfe zwischen den Milizen der Mudschahedin und die Hoffnung auf Frieden durch eine neue Ordnung gaben den Taliban Auftrieb. Ihr Anführer und späteres Staatsoberhaupt wurde der 1960 geborene Mohammed Omar.

Im Herbst 1994 traten sie erstmals militärisch in Erscheinung und brachten am 5. November 1994 die Stadt Kandahar unter ihre Kontrolle. Bis zum 25. November 1994 kontrollierten sie die Stadt Laschkar Gah und die Provinz Helmand. Im Laufe des Jahres 1994 eroberten sie weitere Provinzen im Süden und Westen des Landes, die nicht unter Kontrolle der Zentralregierung standen.

Weitere Offensive der Taliban und Einnahme von Kabul (1995–1996)

Bis März 1995 hatten die Taliban sechs Provinzen eingenommen und Kabul erreicht. Anfang 1995 führten die Taliban Verhandlungen sowohl mit der Regierung Rabbanis als auch mit der schiitischen Miliz Hizb-i Wahdat, welche jedoch nicht zu einem Frieden führten. Während die Taliban zunächst den Kampf um Kabul verloren, waren sie im Westen des Landes weiter auf dem Vormarsch.

Dabei kam es zu einem vorübergehenden geheimen Bündnis zwischen den Taliban und dem Warlord Dostum (siehe Afghanischer Bürgerkrieg (1989–2001)). Mit logistischer Unterstützung des ISI und neuen Waffen und Fahrzeugen aus Pakistan und Saudi-Arabien reorganisierten die Taliban ihre Truppen nach einigen Niederlagen im Land und planten 1996 auch eine erneute Offensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Verteidigungsminister Massoud einen Rückzug der Truppen in den Norden Afghanistans. Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, das lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde.

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