Symon Wassyljowytsch Petljura, auch Petliura oder Petlura (ukrainisch Симон Васильович Петлюра, wissenschaftliche Transliteration Symon Vasyl'ovyč Petljura; * 10. Maijul. / 22. Mai 1879greg. in Poltawa; † 25. Mai 1926 in Paris), war ein ukrainischer Politiker (Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei), Journalist, Literat, Publizist und Heerführer, der für die ukrainische Eigenstaatlichkeit eintrat. Nach dem Zerfall des Russischen Reiches im Ersten Weltkrieg war er Oberbefehlshaber der Ukrainischen Volksarmee, von Juni 1917 bis Januar 1918 Generalsekretär für Militärangelegenheiten der Ukrainischen Volksrepublik sowie ab Februar 1919 als Vorsitzender des Direktoriums ihr Staatsoberhaupt. Nach der Niederlage der Ukrainischen Volksrepublik gegen Sowjetrussland führte Petljura die ukrainische Exilregierung.
Petljura wurde als Sohn von Stadtkosaken geboren. Als solcher konnte er (anders als die Söhne der weitgehend rechtlosen Bauern) studieren. Er war 1905 Mitbegründer der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (USDRP) und von 1905 bis 1909 Herausgeber der Zeitschriften Slowo und Ukrajinskaja Schysn.
Während des Ersten Weltkrieges diente er in der zaristischen Armee.
Nach der Februarrevolution von 1917 wurde er Mitglied des neuen Parlaments, der Zentralna Rada, das im Juni die Ukraine als autonome Republik ausrief. Im Juli wurde er Generalsekretär für militärische Angelegenheiten (Kriegsminister). Er hatte den Oberbefehl über die Ukrainische Volksarmee, die durch die „Ukrainisierung“ von Einheiten der zerfallenden Kaiserlich Russischen Armee gebildet wurde. Weder die Bolschewiki, welche in der Oktoberrevolution die Macht in Russland übernahmen, noch die sie bekämpfenden konservativen „Weißen“ erkannten jedoch die Volksrepublik an und beide Seiten beanspruchten die Ukraine für sich. Im Februar 1918 nahm die Rote Armee erstmals Kiew ein. In der Operation Faustschlag vom 18. Februar bis 3. März 1918 besetzten deutsche Truppen die Ukraine teilweise und installierten mit dem Hetmanat unter Pawlo Skoropadskyj eine Marionettenregierung, welche die Zentralna Rada und ihr Generalsekretariat auflöste.
Am 11. November 1918 unterzeichnete Deutschland den Waffenstillstand von Compiègne. Nach dem Rückzug der deutschen Truppen aus der Ukraine bildeten Petljura, Wolodymyr Wynnytschenko und ihre Verbündeten am 14. November 1918 ein fünfköpfiges Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik, welches den „Hetman“ Pawlo Skoropadskyj wieder entmachtete. Um sich die Unterstützung Frankreichs für die nationale Unabhängigkeit zu sichern, rückte das Direktorium Anfang Februar 1919 von seiner innenpolitisch linken Ausrichtung ab und die USDRP zog ihre Mitglieder aus dem Direktorium zurück, darunter auch den Vorsitzenden Wolodymyr Wynnytschenko. Symon Petljura hingegen trat am 11. Februar aus der USDRP aus und wurde neuer Vorsitzender des Direktoriums und damit Staatsoberhaupt der Ukrainischen Volksrepublik. Für ihn hatte der Kampf um die Eigenstaatlichkeit der Ukraine Priorität vor einer sozialen Revolution.
Die Ukrainische Volksarmee kämpfte unter Petljuras Befehl im Russischen Bürgerkrieg sowohl gegen die Rote Armee der Bolschewiki als auch gegen die konterrevolutionäre Weiße Armee, aber auch gegen die anarchokommunistische Machnowschtschina unter Nestor Machno, die mit ihrer „Schwarzen Armee“ ein Gebiet im Südosten der Ukraine kontrollierte, sowie im Polnisch-Ukrainischen Krieg gegen die im November 1918 wieder unabhängig gewordene Polnische Republik, welche die Westukraine für sich beanspruchte. Einheiten der Ukrainischen Volksarmee verübten 1919 und 1920 Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung der Ukraine.
Angesichts des erneuten Vormarschs der Bolschewiki zog sich Petljura zunächst nach Podolien zurück und floh im Dezember 1919 nach Polen. Dort wurde er als Regierungschef der Ukraine anerkannt und unterzeichnete im April 1920 mit der polnischen Regierung den Vertrag von Warschau, wobei er im Tausch gegen militärische Hilfe die polnischen Forderung nach einer Grenzziehung entlang des Flusses Sbrutsch und damit die Abtretung Galiziens an Polen akzeptierte. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg gelang jedoch nur eine zeitweise Einnahme von Kiew, im Juli 1920 mussten sich die vereinigten polnisch-ukrainischen Truppen wieder zurückziehen und die Wiederherstellung der ukrainischen Unabhängigkeit scheiterte.
Petljura führte nun vorübergehend von Tarnów und Warschau aus die ukrainische Exilregierung an, musste Polen jedoch 1923 aufgrund verstärkten sowjetischen Drucks verlassen und ging über Wien und Genf 1924 nach Paris. Dort gründete er die Zeitung „Tryzub“ („Dreizack“, nach dem ukrainischen Wappensymbol), die über die Aktivitäten der ukrainischen Exilregierung berichtete.
Am 25. Mai 1926 wurde er während eines Einkaufsbummels in Paris von dem aus der Ukraine stammenden jüdischen Anarchisten Scholom Schwartzbard auf dem Boulevard-Saint-Michel mit sieben Schüssen aus einem Revolver niedergestreckt und starb kurz darauf. Der Täter wurde von einem französischen Gericht freigesprochen, weil er in Vergeltung für den Tod von 15 Familienmitgliedern, darunter seinen Eltern, gehandelt habe. Als Entlastungszeugen benannte die Verteidigung Schwartzbards unter anderem Léon Blum, Maxim Gorki und Albert Einstein.
Symon Petljura war der Onkel des späteren Patriarchen der ukrainisch-orthodoxen Kirche Mstyslaw.
Während des Russischen Bürgerkriegs kam es zu einer Reihe brutaler, durch radikalisierte Antisemiten aller Kriegsparteien verübter Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Russland, in Weißrussland und in der Ukraine, die zwischen 35.000 und 50.000 Todesopfer forderten. Dabei wurden 39,9 % aller Pogrome auf ukrainischem Territorium durch Angehörige von unter dem Kommando Petljuras stehenden Milizen verübt; 31,7 % gingen zu Lasten der Grünen Armeen; 17,2 % wurden von Truppen Anton Denikins, 2,6 % von Angehörigen der polnischen Armee und 8,6 % durch Angehörige der Roten Armee oder von ihr abtrünniger Einheiten verübt.
Die persönliche Verantwortung Petljuras für die durch Teile seiner Einheiten verübten Verbrechen wird von Historikern unterschiedlich bewertet und ist Gegenstand einer Kontroverse um die historische Einordnung seiner Person geworden.
Auf der einen Seite wird dabei darauf verwiesen, dass die führenden Politiker des Direktoriums der Ukrainischen Volksrepublik keine Antisemiten waren. Sie gewährten Juden ebenso wie Russen und Deutschen national-personale Autonomie und nahmen Vertreter jüdischer Parteien in die Regierung auf. Weiterhin führte Petljura auch gesetzliche Strafen für Gewalt gegen jüdische Zivilisten ein und ließ einige Verantwortliche wie etwa Semesenko und andere Partisanenführer hinrichten. Gleichwohl hatte aber die Regierung die Kontrolle über die Milizen verloren und konnte deren Gewalttaten nicht verhindern.
Auf der anderen Seite wird angeführt, dass Petljura nicht genug getan habe, um die Pogrome aufzuhalten. Zudem habe er aus Angst, die Unterstützung seiner Kämpfer zu verlieren, verantwortliche Offiziere und Soldaten nicht bestrafen wollen. Schließlich sei Petljura als Anführer (Ataman) für das Morden durch die ihm unterstellten Truppen verantwortlich.
Die Kontroverse zu der Frage, wie viel Schuld Petljura persönlich an den Pogromen trage, begann bereits kurz nach seinem Tod mit dem Gerichtsverfahren gegen den Attentäter Scholom Schwartzbard im Jahr 1926. Einige Beachtung fand vier Jahrzehnte später die Publikation zweier gegensätzliche Sichten zu diesem Thema vertretender Publikationen der Historiker Taras Hunczak und Zosa Szajkowski in der Fachzeitschrift Jewish Social Studies und deren Fortsetzung in Form zweier kommentierender Briefe der beiden Autoren an dieselbe Zeitschrift, auf die bis heute noch häufig Bezug genommen wird.
Ende Mai 2006 wurde in Paris in einer Zusammenarbeit der Bibliothèque ukrainienne Simon-Petlioura de Paris, des Comité représentatif de la Communauté ukrainienne en France und der ukrainischen Botschaft in Paris der 80. Todestag Petljuras begangen. Patrick Gaubert, der Vorsitzende der Ligue internationale contre le racisme et l’antisémitisme (LICRA), bezeichnete die Gedenkfeier in der Zeitung Le Monde vom 27. Mai 2006 als „eine zweite Ermordung, diesmal posthum, der jüdischen Opfer“ („un second assassinat, posthume celui-là, des victimes juives“).