Susanne Vill (auch Susanne Strasser-Vill; * 14. Januar 1947 in Heidelberg) ist eine deutsche Musikwissenschaftlerin, Theaterwissenschaftlerin, Regisseurin, Sopranistin und Hochschullehrerin. Von 1988 bis 2012 war sie Professorin für Theaterwissenschaft an der Universität Bayreuth, von 2010 bis 2018 lehrte sie zudem an der Universität Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind das Musiktheater – insbesondere die Werke Mozarts und Richard Wagners –, Stimme und Gesang, das Verhältnis von Theater und Medien sowie das Theater der Gegenwart.
Vill studierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main Musikwissenschaft bei Ludwig Finscher, Philosophie und Soziologie bei Theodor W. Adorno, Germanistik bei Norbert Altenhofer und Psychologie bei Alexander Mitscherlich. Daneben studierte sie Klavier und Gesang einschließlich der darstellenden Fächer, mit den Schwerpunkten Belcanto und Vokaltechniken der Neuen Musik, und besuchte Meisterkurse für Gesang und Operndarstellung, unter anderem an der Internationalen Sommerakademie des Mozarteums in Salzburg sowie bei Elisabeth Grümmer und Carla Henius, außerdem bei den Musikfestspielen Luzern und am Institut für Neue Musik in Darmstadt. Praktische Theatererfahrung sammelte sie als Produktionsdramaturgin bei Operninszenierungen an den Städtischen Bühnen Frankfurt und am Staatstheater Kassel. 1975 wurde sie in Frankfurt – einer früheren Anregung Adornos folgend – mit einer Arbeit über die Vermittlung verbalisierter und musikalischer Inhalte in der Musik Gustav Mahlers im Fach Musikwissenschaft promoviert. Die 1979 veröffentlichte Dissertation wurde in der Revue de musicologie besprochen.
1976 kam Vill zunächst für ein Symposium über Mozarts Così fan tutte an das Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth, wo sie anschließend bis 1979 wissenschaftliche Mitarbeiterin war. Sie gab den Tagungsband „Così fan tutte“. Beiträge zur Wirkungsgeschichte von Mozarts Oper (1978) heraus und wirkte an der Konzeption von Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters mit; in Absprache mit Tanzexperten entwarf sie den Bereich „Ballett“ und verfasste unter anderem den Werkartikel zu Così fan tutte. In dieser Zeit konzipierte sie mit Thomas Siedhoff die Ausstellung „Così fan tutte“ – Werk und Wirkung auf dem Theater, die 1978/79 in zehn Städten gezeigt wurde, von der Bayerischen Staatsoper in München bis zu Mozarts Geburtshaus in Salzburg; Vill gestaltete auch das Begleitheft mit eigenen Beiträgen. 1979 und 1981 unternahm sie Forschungsaufenthalte in New York, bei denen sie das Repertoire von Tanz und Musical studierte.
1979 wechselte Vill an das Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo sie bis 1986 wissenschaftliche Assistentin und von 1986 bis 1988 Akademische Oberrätin war. Dort leitete sie von 1981 bis 1988 die Musik- und Theaterwerkstatt auf der Studiobühne des Instituts, ab 1986 in Kooperation mit der Akademie der Bildenden Künste München. 1986 habilitierte sie sich in München im Fach Theaterwissenschaft; ihre Habilitationsschrift über kommunikative Kompetenz in der Operninterpretation erschien 2018 im Selbstverlag. Zwischen 1981 und 1993 nahm sie Lehraufträge an den Universitäten Marburg, Erlangen, München und Zürich sowie am Mozarteum Salzburg wahr.
Anfang April 1988 wurde Vill – gefördert durch das sogenannte Fiebiger-Programm – Professorin für Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters an der Universität Bayreuth, wo sie bis 2012 lehrte. Sie konzipierte dort die Studiengänge Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters (Magister, 1988), Theater und Medien (Bachelor, erste Fassung 2002) sowie Musiktheater (Bachelor 2004, Master 2006). Von 1988 bis 2006 leitete sie außerdem die Theaterwerkstatt der Universität.
Von 2010 bis 2015 hatte Vill Lehraufträge am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, von 2015 bis 2018 am dortigen Institut für Musikwissenschaft. Ihre Wiener Lehrveranstaltungen behandelten vor allem das Musical und den Musikfilm – etwa Genderrollen, Machtdarstellungen und Sozialkritik im Musical oder Komponistenbiografien in Film und Musical – sowie die europäische Theatergeschichte.
1981 heiratete Vill Hannes Strasser (1924–1998), den Verwaltungsdirektor des Opernhauses Zürich und Präsidenten des Schweizerischen Bühnenverbands.
Ein zentrales Forschungsfeld Vills ist die Interpretation von Opernpartien durch Sängerdarsteller. In ihrer Habilitationsschrift analysierte sie – gestützt auf philosophische, psychologische, semiotische und theaterpraktische Modelle des Ausdrucks – auf der Grundlage von Partitur, gesangstechnischen Anforderungen, Stilkonventionen und Inszenierung die Rollengestaltungen von Plácido Domingo als Andrea Chénier in Umberto Giordanos gleichnamiger Oper, von Francisco Araiza als Des Grieux in Jules Massenets Manon und von René Kollo als Tristan in Wagners Tristan und Isolde. Weitere Arbeiten behandeln Vokaltechniken im zeitgenössischen Musiktheater, den Wagner-Gesang und seine Auswirkungen auf die gegenwärtige Musikkultur („Vom Heldentenor zur Powervoice“) sowie Gesangsstile als Zeichen historischer und sozialer Identitäten.
Einen zweiten Schwerpunkt bildet das Werk Richard Wagners. 1997 richtete Vill in Bayreuth in Kooperation mit den Bayreuther Festspielen den Kongress „‚Das Weib der Zukunft‘ – Frauengestalten und Frauenstimmen bei Wagner“ aus. 1998 folgte das von dem israelischen Komponisten und Musikhistoriker Ami Maayani und der Universität Tel Aviv angeregte internationale Symposion „Richard Wagner und die Juden“, das sie gemeinsam mit den Universitäten Tel Aviv und Heidelberg veranstaltete. Getragen von der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, der Eigentümerin des Festspielhauses, und der Howard Gilman Israel Culture Foundation, fand es aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Staates Israel vom 6. bis 11. August 1998 während der Festspiele in Bayreuth statt; unter der Leitung von Maayani, Vill und dem Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer kamen Wissenschaftler aus Israel, den USA und Deutschland zusammen. 2000 erschienen bei Metzler der von ihr herausgegebene Band „Das Weib der Zukunft“ sowie der gemeinsam mit Borchmeyer und Maayani herausgegebene Tagungsbericht Richard Wagner und die Juden. Der erstgenannte Band enthält neben Vills einleitendem Aufsatz ihre Analysen der Rollengestaltungen von Astrid Varnay (Senta), Deborah Polaski (Brünnhilde), Janis Martin (Kundry), Hanna Schwarz (Fricka, Waltraute) und Uta Priew (Brangäne), überwiegend ergänzt durch Interviews mit den Sängerinnen. Richard Wagner und die Juden wurde unter anderem in der Süddeutschen Zeitung von Albert von Schirnding, in der German Studies Review und im Portal für Politikwissenschaft besprochen; der Rezensent Michael Dreyer nannte die Tagung „umso beeindruckender“, als sich Bayreuth des Antisemitismus Wagners in der Vergangenheit „nicht eben mit großer Offenheit angenommen“ habe.
In weiteren Aufsätzen und Vorträgen befasste sich Vill unter anderem mit Wagners Frauengestalten, den mythischen Quellen von Figuren wie Erda, dem Gral, dem Regietheater in neueren Wagner-Inszenierungen sowie dem Fortleben Wagner’scher Motive in Fantasyfilmen, Musicals und transmedialen Erzählformen; für Das Wagner-Lexikon (2012) verfasste sie die Artikel „Frauen“ und „Gral“. Sie schrieb 1990 für das Programmheft der Bayreuther Festspiele zu Dieter Dorns Neuinszenierung des Fliegenden Holländers und 2001 für die Bayreuther Festspielnachrichten. 2009 veröffentlichte sie eine kommentierte Analyse von Stefan Herheims Parsifal-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen (2. Auflage 2011), die sie im November 2009 auch in einem Gastvortrag an der Universität Wien vorstellte. Vorträge hielt sie zudem bei Richard-Wagner-Verbänden und -Gesellschaften, etwa in Augsburg, Bayreuth, Braunschweig, Ulm und Amsterdam, 2022 beim Symposium „Tendenzen und Perspektiven der Wagner-Regie“ im Richard-Wagner-Museum Bayreuth und 2023 beim Festival „Wagner-Kosmos“ des Theaters Dortmund.