An diesem Tag

Susan Neiman

US-amerikanische Philosophin (geb. 1955)

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Susan Neiman (hebräisch סוזן ניימן; * 27. März 1955 in Atlanta, Georgia) ist eine US-amerikanisch-deutsch-israelische Philosophin und seit dem Jahr 2000 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam.

Neimans philosophisches Denken kreist wesentlich um die Frage, wie Menschen damit umgehen, dass die erfahrene Lebenswirklichkeit in vieler Hinsicht nicht so ist, wie sie den Hoffnungen und Erwartungen, den Gerechtigkeitsvorstellungen und Vernunftidealen nach sein sollte. Bereits als Jugendliche war Susan Neiman politisch engagiert, seinerzeit gegen das Vorgehen der USA im Vietnamkrieg, in der jüngeren Vergangenheit gegen den Irak-Krieg der Bush-Regierung und als Wahlkampfhelferin für Barack Obama. Ihre philosophisch unterlegte Forderung nach moralischer Klarheit zielt darauf ab, herkömmliche Moralbegriffe für linksliberales Denken und Handeln wieder fruchtbar zu machen, sie also nicht konservativer Vereinnahmung und Deutungshoheit zu überlassen.

Neiman wuchs in einer jüdischen Familie in Atlanta auf. Mit 14 Jahren verließ sie die Schule und lebte und arbeitete in Kommunen. Sie engagierte sich in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, fühlte sich nach der Lektüre von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre zur Philosophie hingezogen, holte neben kleinen Jobs den Schulabschluss nach und studierte Philosophie an der Harvard-Universität, wo sie Assistentin von John Rawls wurde. Von ihm und Stanley Cavell wurde sie 1986 promoviert. Auf der Grundlage eines Stipendiums folgte ein längerer Deutschlandaufenthalt an der Freien Universität Berlin, der vor dem Fall der Berliner Mauer und dem deutschen Wiedervereinigungsprozess endete.

Von 1989 bis 1996 war Neiman Professorin an der Yale University, danach für fünf Jahre an der Universität Tel Aviv. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Moralphilosophie, politische Philosophie und Philosophiegeschichte. Sie ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Im Jahr 2000 wurde sie Direktorin am Einstein Forum in Potsdam. 2021 gehörte sie der Jury für den mit 500.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis Einstein Foundation Award der Berliner Einstein-Stiftung an. Sie ist Mitglied der Grundwertekommission der SPD.

Susan Neiman war nach dem frühen Tod ihres ersten Mannes mit dem Wiener Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn verheiratet, der im Oktober 2016 verstarb. Sie hat drei erwachsene Kinder aus erster Ehe und lebt gegenwärtig in Berlin-Neukölln. Sie besitzt neben der US-amerikanischen auch die israelische und seit 2016 die deutsche Staatsbürgerschaft.

Philosophische Reflexionen und Ableitungen

In ihrem philosophischen Hauptwerk Das Böse denken. Eine andere Geschichte der Philosophie bestimmt Neiman die beiden Hauptstränge ihrer Untersuchung wie folgt: „Die historische Untersuchung bildet eine Achse, die begriffliche Reflexion eine andere.“ Die von ihr ausgewählten Denker werden nicht in strikt chronologischer Folge behandelt, sondern unterschiedlichen Ausrichtungen zugeordnet: einerseits solchen, die nach einer Ordnung hinter den „so bestürzenden Ereignissen“ suchen, andererseits denen, die „nur die Realität“ sprechen lassen wollen.

Vergangenes Denken nachzuvollziehen, kann laut Neiman auch gegenwärtiger Orientierung eine Interpretationshilfe zur Verfügung stellen. So trete die Rolle von Glück und Zufall im Leben deutlich hervor. „Wir fragen uns“, so Neiman in der Einstimmung auf ihren Reflexionsgang weiter, „ob eine Erklärung der Dinge nicht zu nahe an ihre Rechtfertigung herankommt, und wo wir aufhören sollten. Wir fragen uns, wie wir selbst weiterhin Gerechtigkeit üben können, wo doch die Welt im Ganzen so wenig gerecht ist. Wir fragen uns, welchen Sinn es hat, uns die Welt theoretisch zu erklären, wo wir dem Leiden und dem Terror keinen Sinn verleihen können.“

Das Böse – vom Gottesgericht zu vielerlei „Banalem“

Zwei hervorstechende historische Geschehnisse bilden die fast 200 Jahre der neueren Geschichte auseinanderliegenden Fixpunkte, um die und zwischen denen Neimans Reflexionsgang über das Böse gelagert ist: einerseits das Erdbeben von Lissabon 1755 als ein Wendepunkt aufklärerischen Denkens und „Geburtsort der Moderne“; andererseits der Holocaust, für den speziell Auschwitz steht, als „Zusammenbruch der Moderne“. „Lissabon wie Auschwitz“, schreibt Neiman, „ereigneten sich in einer Atmosphäre größter intellektueller Gärung. In beiden Fällen ließ die Katastrophe ein Bündel von Annahmen über Bord gehen, die schon auf der Kippe standen. Doch in beiden Fällen zogen die Ereignisse Grenzen zwischen dem, was gedacht werden konnte, und dem, was nicht gedacht werden konnte.“

Sinnbild des strafenden Gottes in der monotheistischen Vormoderne war die biblische Erzählung von Sodom und Gomorrha, in der eine blühende Stadt wegen des lasterhaft-sündigen Treibens ihrer Bewohner mit Feuer und Schwefel in einen Trümmerhaufen verwandelt wird. Von einem solchen Gottesbild war aufklärerisches Denken abgerückt. Zu grausam, zu eitel und zu kleinlich schien nun der biblische Gott; eine Religion der Gerechtigkeit konnte nicht mit Blutvergießen und Grausamkeit einhergehen. Stattdessen favorisierten aufklärerische Philosophen einen Deismus, der den Gottesbeweis in der Ordnung und Zweckmäßigkeit der Natur selbst fand, gefördert vor allem von Newtons Entdeckungen. „Die Wissenschaft“, so Neiman, „galt nicht als Rivalin, sondern als Dienerin des Glaubens […] Jeder Fortschritt der Wissenschaft war ein weiterer Beweis für die Ordnung der Welt.“

Die weithin verbreitete Schreckensnachricht vom verheerenden Erdbeben in Lissabon machte verstärkt bewusst, dass deistische Vorstellungen von einer gütigen Vorsehung im Naturgeschehen unhaltbar waren. Die mit Lissabon verbundene Zäsur besteht für Neiman in der nachfolgenden Abgrenzung von Natur und Moral in Bezug auf das Böse: „Seit Lissabon hat das natürliche Böse keine passende Beziehung mehr zum moralischen Bösen, und folglich hat es überhaupt keinen Sinn mehr.“ Danach sollte man sich nur noch über das menschengemachte Böse auseinandersetzen.

Einen Begriffswandel von vergleichbarer Tragweite, wie dem auf das Lissaboner Erdbeben folgenden, reflektiert Neiman in Bezug auf Auschwitz: „Läßt sich der Wandel durch die These auf den Punkt bringen, daß die Menschheit in Lissabon den Glauben an die Welt und in Auschwitz den Glauben an sich selbst verloren hat?“ Auschwitz stelle „unsere Begriffe so entsetzlich auf den Kopf“, weil es eine Möglichkeit der menschlichen Natur zeige, die man lieber nicht hätte entdecken wollen. Neiman schließt sich der von Hannah Arendt zum Eichmann-Prozess in Jerusalem gegebenen Sicht an, dass Eichmann schuldig war und die Todesstrafe verdiente, obwohl er nach glaubhaftem eigenen Bekunden ohne bösen Vorsatz gehandelt habe. „Arendts Darstellung liefert die entscheidende Erklärung dafür, warum Auschwitz zu einem Sinnbild für das zeitgenössische Böse wurde, denn sie macht deutlich, daß Verbrechen, die so ungeheuerlich sind, daß die Erde selbst nach Vergeltung schreit, heute von Leuten begangen werden, deren Motive einfach nur banal sind. […] Verbrecher wie Eichmann weisen keines jener subjektiven Merkmale auf, mit denen wir Übeltäter identifizieren, und doch waren ihre Verbrechen objektiv so abscheulich, daß subjektive Faktoren demgegenüber irrelevant sind.“

Verstörend nennt Neiman das Fehlen einer allgemeinen Deutung bzw. Korrelation von Absicht und Bösem: „Das Problem des Bösen begann damit, daß Gottes Absichten durchschaut werden sollten. Nun scheint es, als würden wir nicht einmal aus unseren eigenen Absichten Sinn machen können.“ Arendts Betrachtungsweise, wonach das Böse keine Tiefe habe und keine Dämonie, sondern die ganze Welt verwüsten könne, „gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert“, macht das Böse für Neiman immerhin verstehbar: „Das Böse, davon war Arendt überzeugt, ist nur dann zu überwinden, wenn wir uns klarmachen, daß es uns in winzigen Schritten überwältigt.“ Was uns heute bedrohe, sei trivial und schleichend. Wenn aber so ungeheure Verbrechen wie der Holocaust so kleine Ursachen haben könnten, „dürfen wir vielleicht hoffen, sie zu überwinden.“

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