Stuart McPhail Hall (geboren am 3. Februar 1932 in Kingston, Jamaika; gestorben am 10. Februar 2014 in London) war ein britischer Soziologe und zählte zu den wichtigsten Intellektuellen marxistischer Orientierung. Als einer der Begründer und Hauptvertreter der Cultural Studies beschäftigte er sich vor allem mit kulturellen Praktiken und gab antikolonialistischen und antiimperialistischen Bewegungen wichtige Impulse. Er prägte den Begriff „Thatcherismus“ und war Mitbegründer der „New Left“. Stuart Hall galt als einer der führenden Kulturtheoretiker Großbritanniens.
Hall wuchs in einer Mittelklassefamilie in Kingston auf. Seine Vorfahren waren Portugiesen, Juden, Afrikaner und Inder. Sein Vater Herman war der erste Nicht-Weiße, der bei United Fruit in Jamaika eine leitende Position innehatte, die des Hauptbuchhalters. Jessie, seine Mutter, hatte weiße Vorfahren und identifizierte sich mit dem Ethos eines imaginären, weit entfernten Englands. Hall erhielt eine klassische englische Ausbildung am Jamaica College in Kingston. Dort lernte er englische Gedichte zu rezitieren, bevor er die Namen jamaikanischer Blumen kannte; gleichzeitig verbündete er sich mit dem Kampf um die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft. 1951 begann er als Rhodes-Stipendiat an der Universität in Oxford Literatur zu studieren und lebte seitdem in England. Er gehörte zur Windrush-Generation – ein Begriff, der die Einwanderungswellen aus Westindien nach England in den Nachkriegsjahren beschrieb.
1956 brach er seine literaturwissenschaftliche Dissertation über Henry James ab und ging als Gründungsredakteur der marxistischen Zeitschrift New Left Review nach London. Von 1957 bis 1961 gehörte er dem Herausgeberkomitee der Zeitschrift an. In dieser Zeit begann er auch seine Lehrtätigkeit. Tagsüber arbeitete er als Lehrer in Brixton und bis spät in die Nacht für die in Soho ansässige New Left Review. 1961 wurde er Dozent für „Film und Medien“ am Chelsea College der Universität London – der erste Lehrauftrag überhaupt in England für „Film und Medien“ an einer Technischen Hochschule. Brixton und Soho erwiesen sich als anregend für ihn, Oxford hingegen nicht, und er begann mit seiner Arbeit über Populärkultur. The Popular Arts (1964), gemeinsam mit dem Medientheoretiker Paddy Whannel verfasst, eröffnete ein Forschungsfeld, das er in Birmingham weiterentwickeln sollte.
Auf dem Marsch der Kampagne für nukleare Abrüstung 1963 von Aldermaston nach London lernte er Catherine Barrett kennen, sie heirateten im folgenden Jahr. Ab 1964 war er am Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) der Universität Birmingham. Von 1968 bis 1979 war er als Nachfolger von Richard Hoggart der dortige Direktor. 1964 hatte dieser das CCCS gegründet, um kulturelle Praktiken interdisziplinär zu untersuchen. Mit seiner Ernennung zum CCCS zogen sie nach Birmingham, wo ihre beiden Kinder, Becky und Jess, geboren wurden und wo sie bis 1979 lebten. In diesen Jahren wurde Catherine eine anerkannte Historikerin, und die Ehe erwies sich als eine Quelle großer Liebe und gegenseitiger Unterstützung. Ihre Wohnsitze in Birmingham und dann in London waren einladende Orte für ihre vielen Freunde.
1979 wurde er Professor für Soziologie an der Open University, angezogen von der Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die durch das konventionelle Bildungssystem gefallen waren. Dort lehrte er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1997. In den Jahren 1995 bis 1997 war er Präsident der British Sociological Association.
Halls akademische Laufbahn war insofern bemerkenswert, als dass er sich institutionell gesehen immer am Rande des universitären Betriebes bewegte, aber schon bald zu den Big Names der britischen Sozial- und Kulturwissenschaften gehörte. Bezeichnend für seine eigentümliche Position war etwa, dass er nie seine Doktorarbeit vollendete – jedoch 17 Ehrendoktorwürden erhielt. Bekannt wurde Hall vor allem im Zusammenhang der am CCCS begründeten Cultural Studies, als deren bedeutendster Vertreter er angesehen wird.
2005 wurde er zum Mitglied der British Academy gewählt. Er starb am 10. Februar 2014, infolge von Komplikationen nach einer Operation wegen Nierenversagen, eine Woche nach seinem 82. Geburtstag.
Die folgenden Abschnitte stellen die für Hall im Rahmen der Cultural Studies wichtigen Begriffe vor. Im theoretischen Zentrum seiner Arbeit stand die Suche nach einem angemessenen Verständnis der Entstehung und diskursiven Veränderung symbolischer bzw. kultureller Formationen, die für alle Individuen von ihren jeweiligen sozialen Positionen aus kodiert und dekodiert werden. Durch den Sprung von der Kolonialkultur in die imperiale Herrschaftskultur brachte er das nötige Sensorium für solche Fragen mit. Dementsprechend bezeichnete er sich selbst auch als „Diaspora-Intellektuellen“.
In der Art der textlichen Produktion nahm Stuart Hall eine Sonderstellung ein. Er hat keine einzige Monographie verfasst, dafür aber eine große Menge an Artikeln in essayhafter Form, die vielfach disziplinübergreifend und stark philosophisch geprägt sind. Oft war er auch nicht als alleiniger Autor verzeichnet, da er großen Wert auf gemeinschaftliches Arbeiten legte.
Von Terry Eagleton wurde er weniger als ein origineller Denker, denn als brillanter „bricoleur“ bezeichnet, einer der einfallsreich mit den Ideen Anderer bastelt: “He does stand for all the Right Things in the arena of cultural studies: impeccably anti-essentialist, anti-totalising, anti-reductionist, anti-naturalist and anti-teleological.”
„Kultur“ in den Cultural Studies
Der Beginn der Cultural Studies fällt zusammen mit der Gründung des Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS), das Richard Hoggart 1964 ins Leben rief. Als bekanntester Vertreter oder Kopf des Institutes galt aber Stuart Hall. Als Vertreter der Cultural Studies befasste er sich in seinen Schriften mit Fragen der Kultur, Macht und Identität.
Das Forschungsfeld der Cultural Studies ist Kultur im weitesten Sinn. Für einen ihrer Gründungsväter, Raymond Williams, stellt Kultur eines der kompliziertesten Wörter der englischen Sprache dar. In seinem Buch The Long Revolution bricht er mit der Vorstellung einer Entgegensetzung von hoher und niedriger Kultur bzw. mit der Vormachtstellung der hohen Kultur. Für Hall war dies eine wichtige Zäsur, in deren Folge er sich oft mit Populärkultur beschäftigte. Er selbst schreibt, in The Long Revolution würde das Konzept von Kultur demokratisiert werden: Dieses „besteht nicht länger aus der Summe des ‚Besten was je gedacht und geschrieben wurde‘, als Höhepunkt einer entwickelten Zivilisation – das Ideal von Perfektion, nach dem in der früheren Bedeutung alle strebten. […] ‚Kultur‘ in diesem speziellen Sinn, ist etwas ‚Gewöhnliches‘.“
Das sogenannte „magische Dreieck“ der Cultural Studies setzt sich aus der Trias Kultur-Macht-Identität zusammen. Alle Formen von Kultur fungieren als Material individueller Identitäten sowie sozialer Bewegungen und bestimmen ihre Ausprägungen. Eine strenge Definition von Kultur gibt Hall nicht. Er versucht den Begriff so offen wie möglich zu halten und erweitert ihn über seine eigenen Grenzen. So antwortet er auf die Frage, was für ihn das Spezifische an den Cultural Studies sei: „Ich glaube, die Frage der Politik des Kulturellen oder der Kultur des Politischen kommt dem Begriff sehr nahe oder steht im Zentrum der Cultural Studies.“
Für Hall ist ohne theoretische Arbeit keine Intervention in hegemoniale Prozesse bzw. eine Veränderung der sozialen Praxis möglich: „Cultural Studies gehen davon aus, daß es einer Menge an theoretischer Arbeit bedarf, um die Dunkelheit des Offensichtlichen zu erhellen.“ Dabei muss die Theorie den minimalen Abstand zu unserer Alltagskultur vergrößern, denn gerade weil sie uns so nahe ist, bleibt sie in der Regel im Dunkeln. Erst die Distanzierung durch das Instrument der Theorie, so die These der Cultural Studies, kann ein Verständnis der Alltagskultur ermöglichen. Daher die bei Hall unterschiedliche Quellen nutzende Begriffsarbeit, z. B. mit der Repräsentation und Artikulation, mit dem Kodieren und Dekodieren und mit den schwebenden Signifikanten im 'Rasse'-Diskurs.