Flavius Stilicho (* um 362; † 22. August 408 in Ravenna) war ein spätantiker römischer Heermeister (magister utriusque militiae) und Politiker. Als Vormund des Kaisers Honorius und damit eigentlicher Regent des Weströmischen Reiches von 395 bis 408 gehörte er zu den zentralen Akteuren der römischen Politik um 400.
Stilicho wurde im Imperium Romanum als Sohn eines romanisierten Vandalen und einer Römerin geboren. Bereits sein Vater hatte unter Valens im römischen Heer gedient und das römische Bürgerrecht besessen; Stilicho war also ungeachtet der Herkunft seines Vaters viel eher Römer als Germane. Er trat als sehr junger Mann in das römische Heer ein und machte in verschiedenen Funktionen im (ost-)römischen Staatsdienst unter Kaiser Theodosius I. (379 bis 395) schnell Karriere, unter anderem wohl als Kommandeur der Leibgarde (comes domesticorum). Im Jahr 383 nahm er bereits an einer römischen Gesandtschaft an den Hof des persischen Großkönigs Schapur III. teil. Aufgrund seiner guten Dienste erhielt Stilicho den Titel eines comes, stieg innerhalb von zwei Jahren zum magister militum auf und kämpfte offenbar erfolgreich gegen Bastarner und rebellische westgotische Söldner. 384 durfte er Serena, die Nichte und Pflegetochter des Kaisers Theodosius, heiraten, mit der er drei Kinder hatte, Eucherius, Maria und Thermantia.
Als der weströmische Kaiser Valentinian II. 392 unter rätselhaften Umständen (wahrscheinlich Selbstmord) starb und Theodosius die Ernennung eines Nachfolgers monatelang verzögerte, ließ der magister militum per Gallias Arbogast schließlich den Hofbeamten Eugenius durch das Heer zum Augustus des Westens ausrufen. Theodosius war aber nicht bereit, den dynastiefremden Kaiser anzuerkennen, sondern führte ihm 394 ein Heer entgegen, zu dem auch ein großes Kontingent westgotischer foederati (unter Alarich?) gehörte, das Arbogast und Eugenius im September 394 in der Schlacht am Frigidus besiegte. Die Elite der weströmischen Armee wurde dabei vernichtet, ebenso viele westgotische Söldner. Stilicho gehörte während der Schlacht zu den Heermeistern des Theodosius, war aber dem dienstälteren Heermeister Flavius Timasius unterstellt.
Nach der Schlacht am Frigidus befanden sich die beiden Reichsteile faktisch zum letzten Mal in einer Hand. Theodosius hatte den 10-jährigen Honorius bereits zuvor zum Augustus des römischen Westens ernannt und setzte nun seinen jungen, aber bewährten magister militum Stilicho zum obersten Heermeister des geschlagenen Heeres des Westreiches ein. Seine Wahl fiel wohl deshalb auf Stilicho, weil dieser ihm erstens durch Heirat verwandt war und zweitens keinerlei Verbindungen zur fränkischen Führungsschicht des Westheeres besaß. Honorius wurde an den kaiserlichen Hof nach Mediolanum (heute Mailand) geholt, wo sein Vater fortan zu residieren gedachte. Als Theodosius aber bereits Tage nach der Ankunft seines Sohnes überraschend starb, war die neue Verwaltung noch nicht konstituiert. Stilicho musste schnell handeln und die Regentschaft auch ohne Zustimmung des nunmehrigen senior Augustus und Kaisers des römischen Ostens Arcadius und dessen mächtigen praefectus praetorio Rufinus an sich nehmen, um seine Machtstellung zu stabilisieren und vielleicht auch zu verhindern, dass das Heer einen eigenen Kandidaten aufstellte. Gegenüber dem Ostreich berief er sich dabei auf Theodosius’ angeblichen letzten Willen, der ihm beide Kaiser anvertraut habe. Es ist allerdings umstritten und unwahrscheinlich, dass Theodosius wirklich Stilicho mit der Vormundschaft über beide Söhne betraute, wie Stilichos Hofdichter Claudian erstmals im Januar 396 behauptete. In der Leichenrede, in der der Bischof Ambrosius das Heer zur Treue gegen den Kindkaiser aufrief, wird Stilichos Name jedenfalls nicht genannt. Höchstwahrscheinlich war der Anspruch Stilichos, Vormund auch des erwachsenen senior Augustus in Konstantinopel zu sein, eine bloße Fiktion, die dazu dienen sollte, einen Vorrang des westlichen Kaiserhofes im Gesamtreich zu begründen.
Nach Theodosius’ Tod im Januar 395 beanspruchte Stilicho also die Stellung eines Vormunds und Reichsverwesers für dessen damals knapp elfjährigen Sohn Honorius, dem nach der faktischen Reichsteilung die westliche Reichshälfte zufiel. Auch Theodosius’ Tochter Galla Placidia stand unter seiner Obhut. Von Anfang an war seine Regentschaft durch zwei Faktoren geprägt: zum einen die Rivalität zwischen den beiden Kaiserhöfen in West und Ost, zum anderen die militärische Bedrohung durch die aufständischen foederati unter Alarich und einfallende barbarische Verbände. Stilicho, der eine illegitime Stellung beanspruchte, musste zudem versuchen, seine Position zu stabilisieren.
395–398: Militärische Siege und Spannungen mit Konstantinopel
Nach Übernahme der faktischen Macht im Westreich sicherte Stilicho demonstrativ die römische Rheingrenze und entließ die überwiegend westgotischen Krieger, die gerade in Niedermösien standen, ohne sie angemessen zu entlohnen. Dort aber meuterten die Krieger, die sich um ihren Lohn für die Beteiligung am Sieg über Eugenius betrogen fühlten, unter ihrem Anführer Alarich, den sie vielleicht zu ihrem rex ausriefen, und wandten sich gegen ihre ehemaligen Verbündeten und Arbeitgeber. Stilicho sah sich gezwungen, seine beiden Heere gegen die aufständischen Westgoten in Mösien und Makedonien einzusetzen. Der oströmische Hof um Arcadius und Rufinus war jedoch nicht gewillt, Stilicho als Regenten auch des Ostens anzuerkennen; daher sah man es als Bedrohung an, als Stilicho im Herbst 395 im Kampf gegen Alarichs Goten, die Konstantinopel belagerten, mit den vereinigten Heeren in das zur Osthälfte gehörende Illyricum einrückte, und forderte die Rückgabe des Ostheeres und Stilichos Abzug aus Illyrien. Stilicho musste schließlich nachgeben und die oströmischen Legionen, die besten Einheiten seines Heeres, abgeben. Alarich nutzte dieses Machtvakuum und verwüstete Griechenland. Rufinus wurde, mutmaßlich im Auftrag von Stilicho, von Gainas, dem Anführer der entlassenen oströmischen Truppen, in Konstantinopel ermordet. Laut Claudian, von dem ein Schmähgedicht gegen Rufinus stammt, das er am westlichen Hof vortrug, war der Mord hingegen eine Reaktion der Truppen darauf, dass Rufinus selbst Barbaren ins Land gerufen habe. Am Hof in Konstantinopel übernahm der Kämmerereunuch Eutropius dessen Macht und Einfluss.
Nach dem Abzug der oströmischen Truppen mangelte es dem weströmischen Heer, das im Bürgerkrieg 394 einen hohen Blutzoll entrichtet hatte, an Männern. Die spätrömischen Rekrutierungsmechanismen waren nicht geeignet, schnell größere Lücken zu füllen. Stilicho musste daher verstärkt auf reichsfremde foederati setzen, um die Schlagkraft seines Heeres zu verbessern. Im folgenden Jahr führte er eine Expedition gegen aufständische Stämme am Rhein durch. Mit den Römern befreundeten Kriegergruppen (gentes), wie den bereits weitgehend christianisierten Markomannen, schloss er Bündnisverträge (foedera) und rekrutierte unter ihnen Soldaten zur Sicherung der von allen Seiten gefährdeten Grenze. 397 führte er einen zweiten Feldzug gegen die rebellischen Westgoten in Illyrien durch, ließ sie aber absichtlich (?) auf das Gebiet des Ostreiches entkommen, was Zweifel daran aufkommen ließ, ob es ihm wirklich um Unterstützung des Ostreiches ging. Arcadius und Eutropius reagierten auf die Bedrohung durch Stilicho, indem sie Alarich als magister militum von Illyrien (erneut) in die (ost-)römische Militärhierarchie aufnahmen. Gleichzeitig erklärten sie Stilicho zum Staatsfeind (hostis publicus), und Eutropius überredete den römischen Statthalter Gildo in Africa zum Abfall, vermutlich um die vom nordafrikanischen Getreide abhängige stadtrömische Bevölkerung zum Aufstand gegen Stilicho zu bewegen. Stilicho konnte den Aufstand aber 398 niederwerfen. Bei der anschließenden, erfolgreichen Vermittlung mit dem Ostreich spielte der römische Senator Symmachus eine wichtige Rolle.
Nachdem Stilicho 398/99 erfolgreich einen Angriff der Pikten auf das römische Britannien zurückgeschlagen hatte, verliefen die folgenden drei Jahre recht friedlich. In dieser Zeit erließ die Regierung des Honorius unter Stilicho etliche Gesetze, die im Codex Theodosianus verzeichnet sind. Um die römische Senatsaristokratie vor allem finanziell in den Staat zu reintegrieren, knüpfte er dabei an Traditionen der Republik an und steigerte so das Ansehen der Stadt Rom, die schon seit 312 nicht mehr Kaiserresidenz war. Die Korruption und die Macht der Hofbeamten schränkte er ein. Kastelle am Donau-Iller-Rhein-Limes wurden neu befestigt. Außerdem wurde in Rom die Ausübung von unter Honorius’ Vorgängern bereits verbotenen heidnischen Kulten geduldet. Angeblich ließ Stilicho sogar den Victoriaaltar, den Gratian 382 aus der Kurie hatte entfernen lassen, wieder aufrichten. In mehreren Provinzen dagegen wurden das Heidentum und von der römischen Kirche abweichende christliche Gruppen wie die Donatisten verfolgt. Die Initiative zu diesen Gesetzen und ihre Durchsetzung scheinen auf Stilicho zurückzugehen, der sich damit als einziger Vertreter des kaiserlichen Willens gab.