An diesem Tag

Stefano Bontade

Italienischer Mafioso

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Stefano Bontade, auch Stefano Bontate, (* 23. April 1938 in Palermo; † 23. April 1981 ebenda) war ein mächtiger sizilianischer Mafioso und langjähriges Mitglied der Sizilianischen Mafia-Kommission. Sein Spitzname war „principe di Villagrazia“ (auf Deutsch: „Fürst von Villagrazia“). Es ist nahezu erwiesen, dass er in Kontakt mit mehreren mächtigen Politikern stand; zudem war er auch Mitglied der Freimaurer und diente als Verbindungsmann zwischen ihnen und der Cosa Nostra.

Stefano Bontade wurde in eine sehr traditionsreiche Mafia-Familie hineingeboren, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Sowohl sein Vater Francesco „Paolino“ Bontade als auch sein Großvater Stefano waren einflussreiche „Ehrenmänner“ in der Mafiafamilie von Santa Maria di Gesù, eines Dorfes vor Palermo, welches nach dem Zweiten Weltkrieg eingemeindet und bald ein Stadtteil Palermos wurde. Francesco Bontade war berühmt dafür, dass er bei einer Gelegenheit einen Abgeordneten öffentlich geohrfeigt hatte. Anders als die meisten Ehrenmänner seiner Generation studierte Stefano Bontade ebenso wie sein Bruder Giovanni Bontade. Sein Vater, der einer der Sargträger beim Begräbnis des mächtigen Don Calò Vizzini gewesen war, litt an Diabetes und war von schwacher Gesundheit; als Stefano sein Studium nahezu beendet hatte, begann er seinen Vater zu pflegen und brach das Studium ab.

1964 starb „Paolino“ Bontade und Stefano Bontade avancierte nach einer internen Wahl mit nur 25 Jahren zum neuen Führer der „Santa Maria di Gesù“-Familie. Dies geschah in dem Moment, als der Erste Mafiakrieg gerade zum Stillstand kam: Der Krieg, der 1962 begonnen hatte, entwickelte eine ganz neue Dynamik; in Palermo kam es zu mehreren Anschlägen, bei denen Autobomben explodierten. Auch der Vize-Repräsentant der Santa Maria di Gesù-Familie, Bernardo Diana, kam bei einem dieser Anschläge ums Leben. Beim sogenannten Massaker von Ciaculli 1963 starben sieben Carabinieri, als eine für den Mafia-Boss Salvatore Greco bestimmte Autobombe beim Versuch der Entschärfung explodierte. Daraufhin ging der italienische Staat zum ersten Mal entschlossen gegen die Cosa Nostra vor und binnen kurzem wurden hunderte Ehrenmänner verhaftet, so auch der Vertreter der Familie Santa Maria di Gesù in der Kommission, Francesco Sorci. Bontade übernahm nun die Führung, als die Cosa Nostra beschloss, sich vorübergehend aufzulösen und alle Geschäfte bis auf weiteres ruhen zu lassen. In der Folgezeit beruhigte sich die öffentliche Meinung und wandte sich anderen Themen zu. Auch die Entschlossenheit des Staates im Kampf gegen die Cosa Nostra erlahmte. Die nachfolgenden Prozesse von Catanzaro gegen die inhaftierten Ehrenmänner gingen 1968 mit einem Sieg für die Cosa Nostra aus, denn es wurden nur wenige Schuldsprüche gefällt, die zudem eher alte Vertreter der Mafia, wie etwa Giuseppe Genco Russo trafen.

Nach diesem Triumph waren Bontade und Salvatore Greco nun die beiden Bosse, die den Verantwortlichen des Ersten Mafiakrieges, Michele „Die Cobra“ Cavataio, unbedingt bestrafen wollten. Innerhalb der Cosa Nostra setzten sie sich schließlich durch und beim berühmten Massaker in der Viale Lazio am 10. Dezember 1969 wurde Cavataio von einem Killerkommando getötet. Nun beschloss man, die „Kommission“ (auch Kuppel genannt), das Regierungsorgan der Cosa Nostra, wieder aufzubauen. Dies geschah zunächst in provisorischer Form. Von 1970 bis 1974 war Bontade, zusammen mit Gaetano Badalamenti und Luciano Liggio, ein Mitglied des Triumvirats, das die Mafia anstelle der regulären 12–14-köpfigen Kommission leitete. Auf Initiative von Badalamenti wurde der Generalstaatsanwalt von Palermo, Pietro Scaglione, 1971 ermordet. Wahrscheinlicher Täter war Luciano Liggio selbst.

1972 wurde Bontade wie die meisten bekannten Mafia-Bosse hierfür verhaftet und vor Gericht gestellt. Er wurde zwar freigesprochen, doch der Ankläger nutzte eine Besonderheit des italienischen Strafrechtes aus und sorgte für eine Verbannung Bontades, der nun gezwungen war, Sizilien für einige Zeit zu verlassen. Er verbrachte diese Zeit in Qualiano nahe Neapel, wo er Kontakte zur neapolitanischen Verbrecherorganisation Camorra knüpfte und den Zigarettenschmuggel von Neapel nach Sizilien organisierte, der die finanziell in Bedrängnis geratene Cosa Nostra am Leben erhielt. Außerdem etablierte er eine Dependance seiner Familie in Neapel. Ab 1974 bis zu seinem Tod 1981 gehörte er der erneuerten regulären Kommission an und war eindeutig einer der führenden Köpfe der Cosa Nostra; im Bündnis mit Badalamenti und der Familie von Passo di Rigano (diese wurde erst von Rosario Di Maggio, dann dessen Neffen Salvatore Inzerillo geleitet) dominierte er die Organisation. Mit ihnen gemeinsam organisierte er auch den Heroinhandel über die sogenannte Pizza Connection, der in den 1970er und 1980er Jahren immer größere Ausmaße annahm und der Cosa Nostra enorme Profite und außerordentlichen Wohlstand bescherte.

Die Familie von Santa Maria di Gesù war in dieser Zeit die mächtigste in Palermo und kontrollierte nicht nur Santa Maria di Gesù, sondern auch Guadagna, La Kalsa und andere Stadtteile. Laut dem späteren Kronzeugen Stefano Calzetta kontrollierte Stefano Bontade „das gesamte Gebiet um Palermo herum, vom Bahnhof bis nach Ciaculli, auch wenn es in diesem Abschnitt einzelne Familien mit beschränktem eigenen Gebiet gab. Alle unterstanden jedoch Stefano Bontade, und wenn Entscheidungen getroffen werden mussten, begaben sich alle auf sein Territorium“.

In dieser Zeit wuchs die Familie personell sehr stark an und vergrößerte sich von rund 50 Mitgliedern in den frühen 1960er Jahren auf mehr als 160 Mitglieder gegen Ende der 1970er Jahre; dazu kamen noch die Mitglieder der kleineren Familien, die von der Familie Santa Maria di Gesú kontrolliert wurden, so dass Bontade über mehr Ehrenmänner als anderen Familien verfügte und als der mächtigste Boss überhaupt galt. Bontade galt als eher moderat und deutlich weniger blutrünstig als beispielsweise die Corleonesi und ihre Verbündeten, die in den 1970er Jahren unter ihren Führern Luciano Liggio, Salvatore Riina und Bernardo Provenzano zunehmend mächtiger wurden und die Alleinherrschaft über die Cosa Nostra anstrebten. Laut seinem engeren Freund und späteren „Pentito“ Antonino Calderone kritisierte Bontade häufig unverhältnismäßig brutale Aktionen; so wandte er sich beispielsweise im Jahr 1976 energisch in der Kommission gegen die kurz zuvor erfolgten grundlosen Morde an vier Jugendlichen. Diese Morde waren vom Boss von Catania, Nitto Santapaola, durchgeführt worden. Bontade war jedoch „das einzige Kommissionsmitglied, das Worte des Tadels fand“.

Ende der 1970er Jahre gab er den Befehl zur Tötung jedes zehnten Diebs in den von ihm kontrollierten Stadtvierteln, um diesen nach einem tödlich verlaufenen Handtaschenraub eine Warnung zukommen zu lassen und sie in die Schranken zu weisen. Dies brachte ihm in der dort ansässigen Bevölkerung eine hohe Popularität ein. All dies brachte ihm auch außerhalb der Cosa Nostra den Ruf ein, der „letzte wahre Ehrenmann“ zu sein.

Überhaupt vertrat Bontade traditionelle Wertvorstellungen; der „Ehrenmann“ Gaetano Grado, der einer der Angehörigen der Todesschwadron gewesen war, die Cavataio 1969 ermordete, „wäre beinahe von seinem Boss Stefano Bontade getötet worden, weil dieser nach seiner Beteiligung am Massaker in der Viale Lazio 1969 in Mailand auf Frauenjagd gegangen war“.

Bontade pflegte weitreichende politische Kontakte; so traf er laut Aussage des Pentito und Kronzeugen Antonino Giuffrè den damaligen Unternehmer und späteren Premierminister Silvio Berlusconi Mitte der 1970er Jahre in Mailand, da dieser sich davor fürchtete, so wie schon viele andere reiche Italiener vor ihm entführt zu werden. Bei diesem Treffen duzte Bontade seinen Gesprächspartner Berlusconi, während er für sich selbst darauf bestand, als Ranghöherer gesiezt zu werden. Auch zum siebenfachen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti und besonders zu dessen rechter Hand Salvatore Lima, hatte er laut der Aussage von mehreren „Pentiti“ wie beispielsweise Tommaso Buscetta und Francesco Marino Mannoia Kontakt. Mannoia sagte aus, Andreotti und Bontade seien 1980 in Palermo zusammengetroffen, weil Andreotti gegen die Ermordung des Vorsitzenden der sizilianischen Christdemokraten, Piersanti Mattarella, protestieren wollte. Bontade habe Andreotti jedoch einen abschlägigen Bescheid erteilt und diesen aufgefordert, ruhig zu bleiben, weil sich sonst „sehr schlimme Dinge“ ereignen würden. Salvatore Lima galt als erster Ansprechpartner der Cosa Nostra, wenn diese Hilfe von staatlichen Stellen suchte.

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