Stanisław Herman Lem (Aussprache: [staˈɲiswaf lɛm] ; geb. 12. September 1921 in Lwów (damals Polen; deutsch Lemberg); gest. 27. März 2006 in Krakau) war ein polnischer Schriftsteller, bekannt vor allem als Science-Fiction-Autor sowie Philosoph und Essayist. Lems Werke wurden in 57 Sprachen übersetzt und insgesamt mehr als 45 Millionen Mal verkauft. Er gehört zu den meistgelesenen Science-Fiction-Autoren, wobei er sich selbst wegen der Vielschichtigkeit seines Wirkens nicht so bezeichnen mochte. Aufgrund der zahlreichen Wortspiele und Wortschöpfungen gelten seine Werke als schwierig zu übersetzen.
Lem gilt als brillanter Visionär und Utopist, der zahlreiche komplexe Technologien Jahrzehnte vor ihrer tatsächlichen Entwicklung voraussah. So schrieb er bereits in den 1960er und 1970er Jahren über Themen wie Nanotechnologie, neuronale Netze und virtuelle Realität. Ein wiederkehrendes Thema sind philosophische und ethische Aspekte und Probleme technischer Entwicklungen wie etwa der künstlichen Intelligenz, menschenähnlicher Roboter oder der Gentechnik. In zahlreichen seiner Werke setzte er Satire und humoristische Mittel ein, wobei er oft hintergründig das auf Technikgläubigkeit und Wissenschaft beruhende menschliche Überlegenheitsdenken als Hybris entlarvte. Einige seiner Werke tragen auch düstere und pessimistische Züge in Bezug auf die langfristige Überlebensfähigkeit der Menschheit. Häufig thematisierte er Kommunikationsversuche von Menschen mit außerirdischen Intelligenzen, die er etwa in einem seiner bekanntesten Romane, Solaris, als großes Scheitern verarbeitete.
In den 2000er Jahren wurde der vielseitig gebildete Lem zum Kritiker des – von ihm teilweise vorhergesagten – Internets und der Informationsgesellschaft, weil diese die Nutzer zu „Informationsnomaden“ machten, die nur „zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“ würden. Es erweise sich „als immer schwieriger, unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zusammenzubringen, um ein rundes, vollständiges Wissensbild einer Sache zu erhalten.“
Familie und Kindheit: Lemberg, Flucht nach Krakau
Stanisław Lem kam als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie auf die Welt. Sein Vater Samuel Lem war Hals-Nasen-Ohren-Arzt; der Satiriker Marian Hemar war sein Cousin.
Lem hatte eine behütete Kindheit. Er studierte von 1940 bis zur Besetzung Lembergs durch deutsche Truppen 1941 Medizin an der Universität Lemberg. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden seine Studien unterbrochen. Lem konnte mit gefälschten Papieren auf den Namen Jan Donabidowicz seine jüdische Herkunft verschleiern und gab sich als Armenier aus; der Großteil seiner Familie kam im Holocaust ums Leben. Er sagte dazu einmal: „Ich hab Hitler gebraucht, um draufzukommen, dass ich jüdisch bin.“
Während der deutschen Besatzung arbeitete er als Hilfsmechaniker und Schweißer für das deutsche Unternehmen Rohstofferfassung, das Altmaterial aufarbeitete. Er half dem polnischen Widerstand (Armia Krajowa), indem er heimlich Munition und Sprengstoff aus den Depots entwendete und weitergab. Auch sabotierte er eigenen Angaben zufolge zu reparierende Fahrzeuge der SS. Zudem wurde er 1941 im Zuge der NKWD-Massaker und der darauffolgenden Pogrome unter Zwang zur Bergung von Leichen im Lemberger Gefängnis Brygidki herangezogen. Die direkte Konfrontation mit diesen Gewalttaten hinterließ ein Trauma, das sein späteres Werk und seinen anthropologischen Pessimismus tiefgreifend prägte. Lem lehnte in der Folge die Existenz eines gütigen Gottes ab und bezeichnete sich als Atheisten aus moralischen Gründen: Das Theodizee-Problem – die allgegenwärtige Existenz von blindem Leid, grausamer Evolution und die Erfahrungen des Holocausts – machte für ihn den Glauben an einen wohlwollenden Schöpfer unmöglich. Als gegen Ende des Krieges Polen durch die Rote Armee von den Nazis befreit wurde und das Land zum Einflussbereich der Sowjetunion gehörte, setzte er sein Studium in Lemberg fort. 1945 musste er, nachdem seine Heimatstadt an die Sowjetunion gefallen war, nach Krakau ziehen.
Fortsetzung des Medizinstudiums, Psychologie, erste literarische Versuche
An der Jagiellonen-Universität in Krakau nahm er sein Medizinstudium zum dritten Mal auf. Hier arbeitete er zwischen 1948 und 1950 am Konserwatorium Naukoznawcze als Forschungsassistent bei Mieczysław Choynowski an Problemen der angewandten Psychologie. Zur gleichen Zeit lernte er den Redakteur des Tygodnik Powszechny Jerzy Turowicz kennen, der neben Choynowski eine prägende Figur für ihn wurde. Zu seinem damaligen Freundeskreis gehörte auch Wisława Szymborska. In diese Zeit fielen auch seine ersten literarischen Versuche und er begann in seiner Freizeit Geschichten zu schreiben, darunter die Theaterstücke Jacht „Paradise“ (mit seinem Freund Roman Husarski) und das erst nach Lems Tod wiedergefundene und 2009 herausgegebene Korzenie. Drrama wieloaktowe, eine antistalinistische Satire. 1948 entstand sein erster Roman Szpital Przemienienia (dt. Die Irrungen des Dr. Stefan T.), der wegen der Zensur erst acht Jahre später erscheinen konnte. Ebenfalls in dieser Zeit lernte er seine künftige Frau Barbara Leśniak – eine Radiologin – kennen, die er 1953 heiratete.
Lem erlangte 1948 zwar das sogenannte Absolutorium (den Nachweis aller belegten Kurse), verweigerte jedoch bewusst die abschließenden ärztlichen Staatsexamina. Einerseits lehnte er es ab, in den Prüfungen Antworten im Sinne des stalinistisch geprägten Lyssenkoismus zu geben, andererseits wollte er durch das Fehlen des offiziellen Doktortitels einer lebenslangen Zwangsverpflichtung als Militärarzt in der polnischen Armee entgehen.
Da er ohne Examen nicht als Arzt praktizieren konnte, arbeitete er weiter in der Forschung und verlegte sich zunehmend auf das Schreiben.
Lem war polyglott: er beherrschte Polnisch, Latein (aus der medizinischen Schule), Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch und Ukrainisch. Lem behauptete, dass sein IQ in der Schule mit 180 getestet worden sei.
Lem war von 1953 bis zu seinem Tod mit Barbara Lem, geb. Leśniak, verheiratet. Sie starb am 27. April 2016. Ihr einziger Sohn, Tomasz, wurde 1968 geboren. Er studierte Physik und Mathematik an der Universität Wien und machte seinen Abschluss in Physik an der Princeton University. Tomasz schrieb eine Biografie über seinen Vater, Awantury na tle powszechnego ciążenia (deutsche Übersetzung: Zoff wegen der Gravitation, ISBN 978-3-447-11622-0), die zahlreiche persönliche Details über Stanisław Lem enthält. Auf dem Buchumschlag der polnischen Fassung steht, dass Tomasz Lem als Übersetzer arbeitet und eine Tochter, Anna, hat.
1982 zog Lem wegen der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen nach West-Berlin um, wo er ein Fellowship am Wissenschaftskolleg zu Berlin antrat und Briefkontakt zu Siegfried Unseld pflegte. Ab 1983 lebte er in Wien. Ab 1984 bestand Lems Schreibmuster darin, kurz vor fünf Uhr morgens aufzustehen und bald darauf mit dem Schreiben zu beginnen, fünf oder sechs Stunden lang, bevor er eine Pause einlegte. 1988 kehrte er nach Polen zurück.
Lem war ein aggressiver Autofahrer. Er liebte Süßigkeiten (vor allem Halva und mit Schokolade überzogenes Marzipan) und gab sie auch dann nicht auf, als er gegen Ende seines Lebens an Diabetes erkrankte. Mitte der 1980er Jahre hörte er aufgrund gesundheitlicher Probleme mit dem Rauchen auf.
Stanisław Lem starb am 27. März 2006 im Alter von 84 Jahren an einer Herzerkrankung im Krankenhaus der Medizinischen Hochschule der Jagiellonen-Universität in Krakau. Er wurde auf dem Salvator-Friedhof, Sektor W, Reihe 4, Grab 17 (polnisch: cmentarz Salwatorski, sektor W, rząd 4, grób 17) beigesetzt. Auf der Grabplatte steht:
zu Deutsch: Ich habe getan, was ich konnte. Mögen die, die es können, etwas Besseres machen.
Philosophie und schriftstellerisches Wirken