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Stanisław Jerzy Lec

Polnischer Aphoristiker

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Stanisław Jerzy Lec (staˈɲiswaf ˈjɛʐɨ lɛts) (* 6. März 1909 als Baron Stanisław Jerzy de Tusch-Letz in Lemberg, Königreich Galizien und Lodomerien/Österreich-Ungarn; † 7. Mai 1966 in Warschau) war ein polnischer Lyriker und Aphoristiker.

Kindheit und Jugend in Lemberg und Wien

Lec stammte aus einer großbürgerlich-jüdischen, ob ihrer Verdienste geadelten Familie, die in Czortków in Galizien (heute Чортків in der Ukraine) ansässig gewesen war. Stanisław war das einzige Kind von Baron Benno Letz de Tusch, eines Großgrundbesitzers und Bankdirektors, und seiner Ehefrau Adéle, die als Tochter von Jan de Safrin von sephardischen Juden abstammte. Die Schreibweise Letz entspricht den k.u.k. Urkunden, in den 1920er Jahren wurde sie zu Lec polonisiert. Beide Eltern konvertierten zum Protestantismus. Die privilegierte Familie, die Ländereien in Podolien und der Bukowina besaß, lebte in Lemberg, der damals viertgrößten Stadt Österreich-Ungarns, die zugleich Hauptstadt des teilweise mit Autonomierechten versehenen Kronlandes „Königreich Galizien und Lodomerien“ war.

Meine größte Seinsfrage ist, warum ich ausgerechnet für diese Jahre eingeplant worden bin, wo doch die ganze Ewigkeit zur Verfügung stand. Dies könnte, wie viele seiner Aphorismen, für einen Satz aus seiner Autobiographie stehen – geschrieben mitten in einem Jahrhundert, das von Kriegen, Vertreibungen, Bevölkerungs- und Völkermorden in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß geprägt wurde.

Die behütete Kindheit begann sich 1914 mit dem Ersten Weltkrieg zu ändern. Als die Kaiserlich Russische Armee die Schlachten in Galizien gewann, was zur Besetzung von Ostgalizien und einem antisemitischen Pogrom in Lemberg führte, floh die Familie nach Wien. Der Vater starb dort im Oktober 1915 mit nur 43 Jahren an Herzversagen, der Geschäftsbankrott ruinierte die Familie teilweise. Für Stanisław blieb Wien trotzdem zeitlebens ein Sehnsuchtsort, einschließlich einer ironischen Verklärung der Habsburgischen Monarchie. Erst nach dem Kriegsende kehrten Mutter und Sohn zurück nach Lemberg, das zwischenzeitlich zur Westukrainischen Volksrepublik gehört hatte, nach dem Polnisch-Ukrainischen Krieg aber im November 1918 Teil der Zweiten Polnischen Republik geworden war. Die Stadt hieß nun Lwów und wurde ab 1921 Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft. Die Latifundien der Familie waren enteignet worden oder mussten in der Folgezeit stückweise verkauft werden. Aber sie selbst waren den Kriegen und dem erneuten Pogrom von Lwów (1918), an dem sich auch die Zivilbevölkerung beteiligte, entgangen.

Nach Schulbesuchen in Wien und in der Evangelischen Oberschule zu Lemberg machte Lec 1927 am deutschsprachigen, koedukativen „Jozefa S. Goldblatt-Kamerling“-Privatgymnasium von Lemberg das Abitur und studierte bis 1933 an der dortigen Jan-Kazimierz-Universität ein Jahr Polonistik und danach Jura, mit einem Abschluss als „Magister iuris“.

Erste schriftstellerische Tätigkeiten in Lemberg und Warschau

Um 1929 gründete er zusammen mit Studienkollegen und Freunden wie Leon Pasternak (1910–1969) und Jan Śpiewak (1908–1967) eine Gruppe junger linker Dichter; ihre Monatszeitschrift Tryby (Getriebe) bekam schon nach der ersten Ausgabe 1931 Probleme mit der Zensur und wurde von den Behörden verboten. 1933 erschien sein erster Gedichtband Barwy (Farben), der u. a. düstere Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg widerspiegelt und ironische Gesellschaftskritik enthielt. Aufgrund seiner sozialpolitischen bzw. sozialistischen Ansichten, die sich z. B. in seinen Gerichts-Kolumnen unter seinem Pseudonym „Stach“ in der Zeitung Dziennik Popularny (Volksblatt, 1936–1937, dann verboten) niederschlugen, wurde er von der Polizei als „unzuverlässig“ betrachtet. In einem seiner späteren Aphorismen hieß es: Wie beurteilt man einen Staat am gerechtesten? Einfach – auf Grund seiner Gerichtsbarkeit. Angesichts der 1934 propagierten „Jagd auf Linke“ verließ er rechtzeitig seine Heimatstadt und ging nach Warschau. Leon Pasternak kam währenddessen per Verfügung in das berüchtigte politische Gefängnis Bereza Kartuska.

Nach Pasternaks Freilassung gründeten beide 1936 in Warschau das literarische Kabarett „Teatr Pętaków“ (Theater der Knirpse), auch „Teatr Krętaczy“ (Theater der Spinner) genannt, das nach nur acht Vorstellungen von den Behörden geschlossen wurde. Als Lyriker und als Satiriker schrieb Lec für verschiedene Blätter wie Szpilki (Nadeln, Nadelstiche, mit Unterbrechungen 1935–1994, regelmäßig zensiert), Sygnały (Signale, 1933–1939), Lewar (Wagenheber, 1933–1936, mehrfach durch die Zensur beschlagnahmt), Lewy Tor (Linkes Gleis, 1935–1936, mehrfach durch die Zensur beschlagnahmt), Cyrulik Warszawski (Der Barbier von Warschau, 1926–1934, dann verboten) und Czarno na Białem (Schwarz auf Weiß, 1937–1939), die teils der linken intellektuellen Szene zuzuordnen sind. Noch wichtiger als ein Abdruck in der Zeitschrift Skamander (1920–1939) war es für ihn, den Kreis der „Skamandriten“ wie Julian Tuwim und Jarosław Iwaszkiewicz kennenzulernen. Oder im berühmten Café „Ziemiańska“ den Stammtisch mit literarischen Größen wie Witold Gombrowicz teilen zu können. 1935 wurde in Warschau sein zweiter Gedichtband unter dem Titel Zoo: wiersze satyryczne (Zoo: satirische Gedichte) veröffentlicht, mit den 1936 folgenden Satyry patetyczne (Pathetische Satiren) erreichte er seinen damaligen stilistischen Höhepunkt. Mit dem Verbot der Dziennik Popularny 1937 befürchtete Lec erneut Verhaftung, so dass er für kurze Zeit in die mittlerweile rumänische Bukowina und nach Podolien, schließlich dann wieder nach Warschau ging, pro forma weiterhin als Applikant einer Anwaltskanzlei in Czortków registriert. Sein zeitweiser Aufenthalt in Podilla, der Heimat seiner Mutter, schlug sich im Manuskript von Ziemia pachnie (Die Erde riecht) nieder, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte das Erscheinen.

Überleben zwischen den Fronten und Widerstand im Zweiten Weltkrieg

Dem Überfall auf Polen durch die Wehrmacht am 1. September 1939 folgte per deutsch-sowjetischem Nichtangriffspakt kurz darauf die sowjetische Besetzung Ostpolens. Lec, der von Warschau zurück nach Lemberg geflohen war, befand sich nun hinter der von der Roten Armee vollzogenen Curzon-Linie. Für ihn, wie für viele Menschen, vor allem die jüdischer Herkunft, erschien die Sowjetunion zunächst wie eine „Eintrittskarte zum Überleben“ (Tomasz Lec). Er unterstützte das Referendum vom 19. November 1939 für die Eingliederung des – historisch immer wieder umstrittenen – „Grenzlandes“ in die Belorussische und die Ukrainische SSR, die beide von der Regierung der UdSSR und der KPdSU in Moskau, de facto dem Willen Josef Stalins, abhängig waren; aus Lwów wurde Львів/Lwiw. Gleichzeitig begann er für die sowjetische Propaganda in seiner unterdessen westukrainischen Heimat zu arbeiten. 1940 trat er dem Nationalen Schriftstellerverband der Ukraine bei. Seine regimefreundlichen Beiträge, etwa in der polnischsprachigen Tageszeitung Czerwony Sztandar (Rotes Banner, 1939–1941, hrsg. v. kommunistischen Stadtkomitee), und (wie damals üblich und von Lyrikern gefordert) eine Hymne auf Stalin brachten nachgeborene Kritiker dazu, ihn als antipolnischen „Sowjetkollaborateur“ zu betrachten. In Lec’ Worten: Es ist schwer erkennbar, wer freiwillig mit dem Strom schwimmt. Sei Realist: sprich nicht die Wahrheit. Die offizielle Pflichtsprache ist der beste Knebel. Die Aufgabe, Legenden zu erfinden, übernahm vom Volksmund die öffentliche Hand. Perfide Henker lockern ihren Opfern die Schlinge. Tatsächlich ging es nicht um die berufliche Existenz, sondern um ein physisches Überleben: Vorläufig war er der deutschen Besetzung Polens, der Verhaftung, Internierung und ggf. Erschießung durch die Einsatzgruppen der Gestapo oder SS (auch im Rahmen der „Intelligenzaktion“) sowie den damaligen Pogromen der ansässigen Bevölkerung entronnen – jetzt drohten ihm schon bei geringem Verdacht die Verfolgung und möglicherweise Vernichtung durch den sowjetischen NKWD, eine Deportation oder Zwangsarbeit im Gulag. Aleksander Wat, sein Kollege beim „Roten Banner“ und ebenfalls jüdischer Abstammung, entging zwar dem Tod, aber nicht der Verhaftung im Januar 1940, Geheimdienst-Verhören in der Lubjanka und der Verbannung samt Frau und Kind nach Kasachstan.

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