Alexandrine-Sophie Goury de Champgrand, geschiedene de Saint-Simon, verwitwete de Bawr (* 8. Oktober 1773 in Paris; † 31. Dezember 1860 ebendort), war eine französische Komponistin, Theater- und Romanautorin.
Virginie Ancelot schrieb über Sophie de Bawr: „Wenn man alles sagen könnte, gäbe ihr bewegtes Leben einen interessanteren Roman ab als die Romane, die sie schrieb (…)“ Sophies Jugend war von drei „Liebeskatastrophen“ geprägt. Doch das Geheimnis, wie sich diese genau abgespielt hatten, nahm sie mit ins Grab. Die wenigsten Darstellungen ihres Lebens halten Fakten und Fabeleien in ausreichendem Maß auseinander.
Tochter eines Spielklubbetreibers
Sophie wurde unehelich geboren. Ihr Vater Charles-Jean Goury de Champgrand (1732–1799) war als Dragoneroffizier im Siebenjährigen Krieg Adjutant mehrerer Heerführer gewesen und im Jahr ihrer Geburt zum Ludwigsritter ernannt worden. Den Titel Marquis dagegen scheint er sich angemaßt zu haben. Die 40 000 Livres Rente, über die er zeitweise verfügt haben soll, waren durch Spekulation erworben. Nach seiner Ernennung zum Oberstleutnant im Jahr 1779 scheint er keinen Militärdienst mehr geleistet zu haben. Er hatte diesen bereits früher unterbrochen und Bücher über die Jagd veröffentlicht. In den 1780er Jahren war er einer der aktivsten Gemäldehändler. 1783 begleitete er den späteren Herzog von Orléans nach England.
Sophies Mutter Madeleine-Virginie Vian, die Sängerin gewesen sein soll, existiert in den Archiven der Pariser Oper nicht. Es heißt, sie sei zwei Jahre nach Sophies Geburt nach Russland gegangen und habe dort einen Adligen geheiratet. Umso bekannter war Sophies Patin, die geistreiche Opernsängerin und Libertine Sophie Arnould (1744–1802), welche Sophie später ohne Rücksicht auf die Chronologie in einen ihrer historischen Romane schmuggelte. Ein Biograf Sophie Arnoulds schreibt: „Demoiselle V., eine Freundin von Sophie, war niedergekommen und ließ diese Letztere bitten, Patin des Kindes zu sein (…)“ Pate war nach derselben Quelle einer der unehelichen Söhne Sophie Arnoulds. Wäre Sophie in Wirklichkeit ebenfalls ein uneheliches Kind von Sophie Arnould gewesen, wie Olivier Blanc mutmaßte, hätte dies die Klatschpresse herausbekommen. Außerdem trug schon eine Tochter Sophie Arnoulds die Vornamen Alexandrine-Sophie. Eine ältere Tochter Champgrands namens Henriette soll noch schöner als Sophie gewesen sein. Angeblich starb sie mit 16 Jahren an Tuberkulose. Es ist aber auch eine Äußerung Sophies überliefert, wonach Henriette ihr (die damals schwanger war) 1794 beigestanden habe. Vor der Revolution durften die Schwestern manchmal an Festen teilnehmen, welche für die Söhne des Herzogs von Orléans in Monceaux veranstaltet wurden.
1785 soll Sophies Vater mit Aktien der Französischen Ostindienkompanie spekuliert haben. Um dieselbe Zeit bezog er zwei übereinander liegende Appartements im Arkadentrakt des Palais-Royal, den der Herzog von Orléans errichten ließ. Unterhalb davon befindet sich noch heute das 1787 eröffnete Café Corrazza. Im 1. Stock betrieb Champgrand, der im 2. Stock wohnte, den Spielsalon Club des Arcades. Sophie Arnould scheint sich daran beteiligt zu haben. Die Leitung eines solchen Etablissements war damals nicht ehrenrührig. Dazu ging im Club des Arcades offenbar alles mit rechten Dingen zu. Es heißt aber auch, der Volksmund habe ihn Club du Pince-Cul (Bordellklub) genannt. 1785–1788 soll Sophies Vater Associé eines vermeintlichen Sohnes des österreichischen Staatskanzlers Kaunitz, Berchtold Graf Proli, gewesen sein. 1786 habe er mit diesem beim Kauf von Gemälden für 170 000 Livres halbe-halbe gemacht. Proli bewohnte damals ein Zimmer in Champgrands Wohnung. Kapital für dessen Klub soll 1787 der Plantagenbesitzer Louis-Marie-Joseph Aucane aus Martinique zur Verfügung gestellt haben.
Prolis Freund Busscher de l’Épinoy kam oft zu Champgrand, um dessen Kinder Musik machen zu hören. Von Élise Gagne wird Sophie eine außergewöhnliche Fähigkeit zugeschrieben, Noten auswendig zu lernen und Schauspieler nachzuahmen. Sie erhielt von André-Ernest-Modeste Grétry Kompositions- und von Pierre-Jean Garat Gesangsunterricht. Ihre schöne Stimme aber soll sie früh verloren haben. Immerhin blieb ihr davon so viel, dass sie um 1810 im Haus der Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun mit Erfolg als Soubrette auftreten konnte. Und noch mit 86 Jahren sang sie am Klavier eine selbstvertonte Romanze von Alfred de Musset. Ob Sophie in einer Klosterschule oder einem Pensionat erzogen worden war und welchen Unterricht sie in Geistes- und Naturwissenschaften erhielt, ist unbekannt.
1789 beteiligte sich Champgrand an der Revolution. Aucane soll nun die Aktienmehrheit des Club des Arcades erworben haben, welcher 1790 der meistbesuchte Spielsalon des Palais-Royal gewesen sei. Der Palast – 1792 in Maison-Égalité umgetauft – wurde zum Hauptquartier der Schwarzen Bande, welche die zu Nationalgütern erklärten Besitzungen des Klerus und der Emigranten aufkaufte. Sophies Vater erwarb selber ein Nationalgut in Saint-Mandé. G. Lenotre behauptete: „Champgrand gehörte zu jenen seltsamen, frivolen, skeptischen, vergnügungslustigen, kurz ziemlich irregeleiteten Leuten, für welche die Revolution nur ein vorübergehender festlicher Trubel war.“ In seinem Salon verkehrten Künstler wie Grétry, vor allem aber Politiker aus dem Umfeld des Herzogs von Orléans (damals Philippe Égalité), zu dessen wichtigsten Agenten Sophies Vater gehört haben soll. Richard Khaitzine schreibt: „Goury de Champgrand stand zusammen mit seiner Tochter (…) im Zentrum der politischen Geschichte der Revolution und empfing alle, die sich unter dem Banner der Montagnards versammelten.“
Heimliche Ehe mit einem Fürsten
Als früherer Associé von Proli, dem man Agententätigkeit für Österreich vorwarf, wurde Champgrand verdächtigt, dessen Komplize zu sein. Er kam deswegen 1793 in Haft, wurde aber wieder freigelassen. Bei einer Hausdurchsuchung fand man dann in Sophies Zimmer den früheren Fürsten Jules-Armand-Camille Guethenoc de Rohan-Rochefort (1770–1794). Er hatte sich zur Revolutionsarmee gemeldet, den Dienst aber nicht angetreten. Er erklärte, mit „Bürgerin Champgrand“ bekannt und befreundet zu sein. Gabriel Vauthier bezeichnete Berichte als glaubhaft, wonach die beiden heimlich geheiratet hatten. In der Folge wurde Sophies Vater (wegen Beherbergung eines Verdächtigen) erneut verhaftet.
Sophie wurde auch von Proli umworben, der aus Eifersucht auf Rohan das Domizil gewechselt haben soll. Bevor er untertauchte, scheint er die Champgrands oft besucht zu haben. Sein früherer Diener gab zu Protokoll, dies sei wohl „mehr wegen der Tochter als wegen des Vaters geschehen“. Dabei sei es Proli keineswegs ums Heiraten gegangen. Champgrand hingegen beteuerte, Proli nur noch selten zu sehen. Allerdings habe dieser vor Kurzem einmal mit dem Dichter Fabre d’Églantine und zweimal mit seiner Tochter und dem Ehepaar Grétry bei ihm gegessen.
Während ihr Vater und ihr Gatte im Gefängnis saßen, wurde Sophie zu Hause von einem Invaliden bewacht. Grétry, der wieder Werke auf die Bühne bringen wollte, wagte nicht, sie aufzunehmen. Witwe und Töchter des schwedischen Miniaturmalers Peter Adolf Hall dagegen, der Sophie als „Adoptivtochter“ betrachtet hatte, sollen mit ihr das Brot geteilt haben. Sophie ihrerseits habe den Vater im Gefängnis versorgt. 1794 wurde Proli verhaftet und starb unter der Guillotine. Nachdem man in Rohans Zelle eine Brieftasche unbekannten Inhalts gefunden hatte, wurde auch er als „Agent des Auslands“ hingerichtet. Champgrand hingegen überlebte die Herrschaft Robespierres, vielleicht weil er bestritt, adlig zu sein, und weil Sophie in einer Bittschrift geltend machte, er habe am Sturm auf die Bastille teilgenommen.
In der Folge soll Sophie einen Sohn geboren haben, von der Familie Rohans aber nicht als dessen Witwe anerkannt worden sein. Gemäß ihren Erinnerungen verbrachte Grétry den Sommer 1796 bei ihnen in Saint-Mandé. Das Kind soll nur bis 1797 gelebt haben. Es existiert ein Miniaturporträt, auf dem es die Urne seines Vaters umarmt. Champgrand betrieb mit vier Kompagnons den Club des Arcades weiter. Gemäß Direktoriumsmitglied Barras arbeiteten sie vermutlich mit Kapital aus dem bourbonischen Spanien. Die Spielsalons sollen durchwegs Brutstätten der Konterrevolution gewesen sein. Als der Vater 1799 starb, verlor Sophie das noch nicht abbezahlte Nationalgut. Sie wohnte nun bei den Grétrys.