Sophia Magdalena „Sophie“ Scholl (* 9. Mai 1921 in Forchtenberg; † 22. Februar 1943 in München) war eine deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. Sie war die einzige Frau unter den zuletzt sechs Mitgliedern der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose in München. Im Januar und Februar 1943 war sie an der Herstellung und Verbreitung der beiden letzten Flugblätter der Weißen Rose beteiligt. Am 18. Februar 1943 legte sie zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl zahlreiche Exemplare des sechsten Flugblatts im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität aus. Diese risikoreiche Aktion führte zur Festnahme der Geschwister Scholl und in der Folge weiterer Mitglieder und Helfer der Weißen Rose. Vier Tage nach der Festnahme wurden Sophie und Hans Scholl gemeinsam mit Christoph Probst vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet.
Sophia Magdalena Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg geboren. Ihre Eltern waren die Diakonisse Magdalena Scholl (1881–1958) und Robert Scholl (1891–1973), die 1916 in der Kirche von Geißelhardt geheiratet hatten. Robert Scholl war von 1919 bis 1930 Bürgermeister in Forchtenberg im damaligen Volksstaat Württemberg.
Sophies ältere Geschwister waren Inge (1917–1998), Hans (1918–1943) und Elisabeth (1920–2020). Ihre jüngeren Geschwister waren der Bruder Werner (1922–1944) und eine 1925 geborene Schwester namens Thilde, die im Alter von neun Monaten starb. Ebenfalls in der Familie lebte Robert Scholls unehelicher Sohn Ernst Gruele (1915–1991).
Sophie Scholl wuchs in einem religiös wie politisch liberalen, protestantischen Elternhaus auf. Die Geschwister wurden mit liberalen, christlichen Werten erzogen. Die Familie lebte bis 1930 in Forchtenberg, von 1930 bis 1932 in Ludwigsburg und ab 1932 in Ulm.
In Forchtenberg ging Sophie in den Kleinkindergarten und ab 1928 in die evangelische Volksschule. Ab 1930 besuchte sie die Evangelische Mädchenvolksschule in Ludwigsburg und ab 1932 die Mädchenoberrealschule in Ulm.
Sophie Scholl glaubte zunächst wie ihr zweieinhalb Jahre älterer Bruder Hans Scholl an das von den Nationalsozialisten propagierte Gemeinschaftsideal und trat 1934 dem Bund Deutscher Mädel (BDM) bei, in welchem sie bis 1941 verblieb. Sie engagierte sich für ihre Jungmädel-Gruppe und wurde im Mai 1936 Scharführerin. Sophie veranstaltete wie ihr Bruder Mutproben und Härtetests, um sich und den anderen das Äußerste abzuverlangen. Ihre Eltern wandten sich gegen die Beteiligung ihrer Kinder an den Jugendorganisationen des NS-Staates, gewährten den Kindern aber die Freiheit, hierüber selbst zu entscheiden. Später wandte sie sich von den Jugendorganisationen der NSDAP ab. Nach dem „Reichsparteitag der Ehre“ 1936 nahm sie zusammen mit ihrem Bruder Hans am Gruppenleben der Deutschen Jungenschaft vom 1. November 1929 (kurz „dj.1.11“) teil, eines von Eberhard Koebel gegründeten Jugendbundes, der in der Frühphase des Dritten Reiches versuchte, trotz Verbot weiterzuexistieren. Im Herbst 1937 war Sophie zusammen mit ihren Geschwistern für einige Stunden in Polizeigewahrsam, weil ihr Bruder Hans wegen fortgesetzten Engagements in der Bündischen Jugend verfolgt wurde.
Ebenfalls im Jahr 1937 lernte sie Fritz Hartnagel, den vier Jahre älteren Sohn eines Ulmer Kleinunternehmers, bei einer Tanzveranstaltung kennen. Während seiner Offiziersausbildung blieben beide in brieflicher Verbindung. Kurz vor Ausbruch des Krieges verbrachten sie in Carolinensiel einen gemeinsamen Urlaub.
Nachdem sie im März 1940 ihr Abitur an der Ulmer Mädchenoberrealschule (heute Hans und Sophie Scholl-Gymnasium) absolviert hatte, begann Sophie Scholl im Mai 1940 eine Ausbildung am evangelischen Kindergärtnerinnen-Seminar in Ulm-Söflingen, das von Emma Kretschmer geleitet wurde. Danach, im August 1940, absolvierte sie im Fröbel-Seminar in Ulm ein vierwöchiges Praktikum im Kindersanatorium Kohlermann in Bad Dürrheim. Nachdem diese Ausbildung nicht als Ersatz für den Reichsarbeitsdienst (RAD) anerkannt worden war, beorderte man sie im Frühjahr 1941 zum RAD nach Krauchenwies bei Sigmaringen.
Sophie Scholl las im Frühjahr 1941, während sie ihren Reichsarbeitsdienst ableistete, in den Werken des Kirchenvaters Augustinus von Hippo. Diese Lektüre brachte ihr manche „spöttische Bemerkung“ der Frauen ein, die mit ihr den RAD ableisteten. Die Wende und Umkehr in Sophie Scholls Leben geschah im Frühjahr 1941, von da an fand sie gerade in den augustinischen Schriften eine Orientierung. Auf die Glaubensentwicklung der protestantisch geprägten Sophie hatte in den Jahren 1941 bis 1943 der Katholik Otl Aicher den stärksten Einfluss. Neben der Lektüre von Augustinus-Texten war sie vom Tagebuch eines Landpfarrers des (ebenfalls katholischen) französischen Autors Georges Bernanos beeindruckt. Sophie, ihre Geschwister und Aicher (ihr späterer Schwager) verpflichteten sich, den Glauben, den das Buch vermittelt, „für ihr Leben zu erschließen“.
Am 7. Oktober 1941 erhielt sie eine Anstellung im NSV-Kinderhort in Blumberg, wo sie bis Ende März 1942 einen Kriegshilfsdienst ableisten musste, der inzwischen für Studierwillige eingeführt worden war. Während ihrer Zeit in dem von den Nationalsozialisten brachial vom Dorf in eine Bergbaustadt umgebauten Ort entwickelte sich ihre Hinwendung zum Religiösen auch zu einer sozial und politisch motivierten Haltung. Während ihrer Zeit in Blumberg war ihr Freund Fritz Hartnagel als Ausbildungsoffizier in Weimar stationiert. Sie trafen sich an den Wochenenden in Konstanz und Freiburg.
Im Mai 1942 begann Sophie Scholl ein Studium der Biologie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Fritz Hartnagel, mit dem sie inzwischen verlobt war, besuchte sie in München im Mai, bevor er zum Kriegsdienst im Deutsch-Sowjetischen Krieg musste. Sie blieben brieflich in Kontakt, zu einem Wiedersehen kam es nicht mehr. In den Semesterferien im Sommer 1942 musste sie in einem Ulmer Rüstungsbetrieb arbeiten.
Sophie Scholl und die Weiße Rose
Durch ihren Bruder, der an derselben Universität Medizin studierte, lernte Sophie Scholl Studenten kennen, die sie in ihrer Ablehnung der NS-Herrschaft bestärkten. Robert Zoske vermutet, dass Sophie bereits zu Beginn des Jahres 1942 mit ihrem Bruder Hans über Widerstandsaktionen sprach. Hans wollte seine Schwester aus der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose heraushalten, um sie zu schützen; es gelang Sophie aber, sich der Gruppe anzuschließen.
Die Flugblätter der Weißen Rose riefen zu klaren Entscheidungen gegen Hitlers Diktatur und den Krieg auf. Mitglieder der Gruppe schrieben und vervielfältigten die Flugblätter und verschickten sie mit der Post. Von den ersten vier Flugblättern im Sommer 1942 stellten sie nur jeweils etwa 100 Kopien her. Sophie Scholl war daran nicht beteiligt. In Ulm fand Hans Hirzel ein Flugblatt in seiner Post. Er vermutete Hans Scholl als Autor. Daraufhin fuhr er nach München, er traf Hans Scholl und seine Freunde am 22. Juli bei einer Abschiedsfeier. Sophie Scholl gab Hans Hirzel später Geld für ein Abzugsgerät zur Vervielfältigung von Flugblättern, das er auch kaufte. Er bekam jedoch Angst und warf das Gerät in die Donau.
Am 23. Juli 1942, am Tag nach der Abschiedsfeier, verabschiedeten sich Sophie Scholl und Christoph Probst am Ostbahnhof von Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf, die zusammen mit weiteren Medizinstudenten von dort Richtung Sowjetunion abfahren sollten, um an der Front Hilfe zu leisten. Dabei entstanden bedeutende Gruppenfotos der Weißen Rose, auf denen vor allem Sophie Scholl zur Geltung kommt (siehe Weiße-Rose-Zaun). Eines dieser Fotos ist das bekannteste Weiße-Rose-Bild: Sophie Scholl zwischen Hans Scholl und Christoph Probst.
Im Januar 1943 war Sophie Scholl erstmals an der Herstellung eines Flugblattes beteiligt. Es war das fünfte Flugblatt der Weißen Rose, das mit Hilfe eines neuen Vervielfältigungsapparats in einer viel höheren Auflage produziert werden konnte. Sophie Scholl beschaffte Materialien, half bei der Herstellung, besorgte Adressen für die Verteilung und führte die Kasse. Am 25. Januar 1943 fuhr sie nach Ulm und übergab Hans Hirzel 2000 Flugblätter für die weitere Verteilung. Dessen Schwester Susanne Hirzel war eine Freundin von Sophie Scholl und studierte in Stuttgart Musik. Hans und Susanne Hirzel warfen in der Nacht des 27. Januar das fünfte Flugblatt in Stuttgarter Briefkästen.