An diesem Tag

Sophie Friedländer

Deutsch-britische Reformpädagogin, Emigrantin

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Sophie Friedländer (* 17. Januar 1905 in Hamburg; † 20. Februar 2006 in London) war eine deutsch-jüdische und deutsch-britische Pädagogin, die 1933 aus „rassischen Gründen“ Berufsverbot an staatlichen Schulen erhalten hatte, mehrere Jahre an jüdischen Schulen unterrichtete und 1938 nach England emigrierte. Sie beteiligte sich aktiv in der Betreuung der Flüchtlingskinder, die mit den Kindertransporten nach England gekommen waren. Von 1940 bis 1995 lebte sie in einer Arbeits- und Lebensbeziehung mit Hilde Jarecki (* 31. August 1911 in Berlin; † 10. Mai 1995 in London), deren Lebensgeschichte aufgrund dieser Nähe hier mit dargestellt wird.

Sophie Friedländer kam am 17. Januar 1905 als drittes von vier Kindern zur Welt. Ihr Vater, Josua Falk Friedländer (* 11. Juni 1871 in Stade – † 22. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt), war zu der Zeit Lehrer an der Hamburger Talmud-Thora-Schule, ihre Mutter Else (* 11. Mai 1875 in Posen – am 15. Juni 1942 höchstwahrscheinlich nach Izbica deportiert, der genaue Todesort und der Todeszeitpunkt sind nicht bekannt) Hausfrau, allerdings ausgebildete Lehrerin. 1898 kamen die Friedländers nach Hamburg, wo am 7. Dezember 1900 Sohn Walter und am 16. Juni 1902 Sohn Johanan Priel, auch Hans genannt, geboren wurden. Das nach Sophie vierte Kind, Ernst, wurde am 2. Juli 1907 in Berlin geboren.

Im Jahr nach Sophie Friedländers Geburt zog die Familie nach Berlin, wo der Vater eine Stelle als Lehrer für Latein, Neuere Sprachen und jüdischen Religionsunterricht an der Königstädtischen Oberrealschule erhielt. Die Friedländers lebten zuerst in der Eberswalder Straße, zwischen 1917 und 1918 zogen sie um in die Schönhauser Allee und schließlich um 1934/1935 in den Siegmundshof. Hier wohnten die Eltern bis zu ihrer Deportation.

Josua Falk Friedlaender war ein religiöser Mann, der sich von der Orthodoxie weg und zu einem liberalen Judentum hin entwickelt hatte, wie ein von Sophie Friedländer überlieferter Ausspruch von ihm zeigt: „Liberal kann man nur sein, wenn man vorher orthodox gewesen ist.“ Er war dennoch stark in der jüdischen Gemeindearbeit engagiert. „Er war Mitglied des Schulvorstands der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Außerdem war er Mitglied im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Lange Jahre war Josua der Vorsteher der Synagoge in der Berliner Rykestraße. […] Er wirkte zusätzlich an hohen Feiertagen in den Betsälen der Gemeinde als Laienprediger. Im Auerbachschen Waisenhaus in Berlin übernahm Josua zeitweise den Direktorenposten und versuchte auch hier die Gottesdienste nach seinen Ideen zu gestalten.“ Beide Eltern waren zudem auch sozial engagiert. „Bereits während des Ersten Weltkriegs übernahm Josua seelsorgerische Aufgaben in den Lazaretten für jüdische Soldaten. Außerdem beteiligten er und seine Frau sich an der Bahnhofsfürsorge für ostjüdische Arbeiter auf dem Weg ins Ruhrgebiet und betreute als freiwilliger Mitarbeiter der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden jüdische Menschen im Bezirk Prenzlauer Berg.“

Sophie erlebte in Berlin eine unbeschwerte Kindheit im Kreise ihrer Familie, verbunden mit einer einfühlsamen Einführung in das Judentum und in jüdische Riten und Feste. Als sie 1911 eingeschult und damit zum ersten Mal aus dem behüteten Familienumfeld herausgerissen wurde, empfand sie das als Schock, verbunden mit „so manchen Ängsten vor dem Unbekannten, die ich erst spät zu überwinden begann“.

Der Erste Weltkrieg war für die Familie mit Entbehrungen verbunden, doch musste weder der Vater, der dazu schon zu alt war, noch einer der Brüder als aktiver Soldat einrücken. Sophie verbrachte die Nachkriegszeit an einem Lyzeum, wo sie in der Obersekunda einen Lehrer hatte, der sie durch seine pädagogische Arbeit stark für ihren weiteren Weg beeinflusste. 1924 legte sie die Reifeprüfung ab und begann eine Lehrerinnenausbildung. Praktika absolvierte sie unter anderem an der Rütlischule, einer der ersten Gemeinschaftsschulen in Berlin, deren fortschrittliche Unterrichtsmethoden Sophie Friedländer tief beeindruckten.

Zum Ende dieser Ausbildung, die sie mit der Lehramtsprüfung für Lyzeen, Mittel- und Volksschulen abschloss, schickten die Eltern ihre Tochter 1924 zu Verwandten nach London, zu einer jüdischen Großfamilie. „Es war das Haus des ehemaligen Oberrabbiners einer sephardischen Gemeinde, der in Rumänien geboren und in Breslau studiert hatte, ein großer Gelehrter, mit allen europäischen und semitischen Sprachen intim vertraut. Seine Frau, eine Cousine von unserem Vater, die einzige Tochter vom Leiter des Jews’ College in London. Es gibt eine Photographie von ihm: Samt-Knie-Anzug und Schnallenschuhe. So war er beim König eingeladen. Es war ein englischer, aber vor allem ein jüdischer Haushalt mit strengem Befolgen der Speisegesetze, den täglichen Gebeten und den traditionellen Festen. Und dreizehn sehr intelligente und temperamentvolle Kinder – und keine zwei mit auch nur ähnlicher Entwicklung. Es gab nichts, was nicht unter den Geschwistern leidenschaftlich diskutiert und handelnd durchgeführt wurde. So interessant und stark war das Leben im Haus, daß mir der Abschied nach acht Monaten recht schwer fiel.“ Sophie Friedländer nennt die Namen ihrer Verwandten nicht, doch in ihrem Nachruf auf Sophie Friedländer im The Guardian erwähnt Elizabeth Rosenthal, dass es sich bei diesen Verwandten um eine Familie Gaster gehandelt habe. Bei dieser Familie handelte es sich um die von Moses Gaster, eines sephardischen Oberrabbiners, jüdischen Gelehrten und Volkskundlers, der der Schwiegersohn von Michael Friedländer war. Michael Friedländer war ein Onkel von Sophies Vater, Moses Gasters Frau mithin eine Cousine von Sophies Vater, und zwischen Michael Friedländer und Sophies Vater gab es enge Beziehungen: Josua Falk Friedlaender hatte sich „von 1892 bis 1893 ein Jahr in England aufgehalten. Dort besuchte er das Jews‘ College, dessen Direktor, Dr. Michael Friedlaender, sein Onkel war. Bei diesem lebte er auch in der Zeit. Später übersetzte er ein Buch seines Onkels, ‚The Jewish Religion‘, ins Deutsche.“

Für Sophie Friedländer war der Londonaufenthalt und das Zusammenleben mit ihren Verwandten nicht nur wegen der Verbesserung ihrer Englischkenntnisse und ihrer Horizonterweiterung bedeutsam, sondern auch deshalb, weil hier die Basis gelegt wurde für ihre spätere Rettung aus dem Deutschen Reich: „Mit den Jüngsten, die mir im Alter nahe waren, gab es später auch eine Gesinnungsgemeinschaft. Sie und ihre Freunde waren es, die mich nach England retteten.“

Zurück in Berlin vervollständigte sie ihre Ausbildung. Mit finanzieller Unterstützung ihrer älteren Brüder begann sie eine akademische Ausbildung und bereitete sich zusätzlich auf das jüdische Religionslehrerinnen-Examen vor. Letzteres brach sie nach zwei Jahren ab, weil sie einsah, dass sie „ehrlicherweise den Unterricht nie als Gläubige unternehmen konnte“. Sie studierte an der Universität zu Berlin, unterbrochen von einem Semester in Freiburg, Englisch und Geographie. Eine sie prägende Erfahrung machte sie während ihrer Englisch-Klausur für das Staatsexamen:

Sophie Friedländer, die während ihres Studiums privaten Unterricht erteilt hatte und wegen ihres vorangegangenen Lehrerinnenexamens nur ein verkürztes Referendariat zu machen brauchte, lässt das Jahr ihres Staatsexamens offen und berichtet nur, dass sie für ihr Referendariat einer Mädchenschule zugeteilt worden sei. Sie hielt es hier nur eine Woche aus und bewarb sich bei Fritz Karsen für die Fortsetzung ihres Referendariats an der Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln, einer der bekanntesten Reformschulen der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Ihre erste Begegnung mit Karsen schildert sie so:

Neben Fritz Karsen zeigte sich Sophie Friedländer auch sehr beeindruckt von Alfred Ehrentreich, der ihr Tutor in Englisch war.

Ein weiteres beeindruckendes Erlebnis hatte sie durch ihre Teilnahme an einer Lehrerkonferenz im von Minna Specht geleiteten Landerziehungsheim Walkemühle, wo sie fasziniert war von einer von Gustav Heckmann gehaltenen Demonstrationsstunde in Mathematik. Seine Lehrmethode animierte sie, diese in ihrem eigenen Unterricht an der Karl-Marx-Schule zu erproben.

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