Als spanische Silberflotte (spanisch Flota de Indias) wird der Geleitzug bezeichnet, in dem Handelsschiffe vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in der Regel zweimal im Jahr, begleitet von Kriegsschiffen, Konvoifahrten nach Mittel- und Südamerika und zurück nach Spanien unternahmen. Die Flotte transportierte auf dem Hinweg Waren des täglichen Bedarfs nach Amerika. Auf dem Rückweg wurden außer den Erträgen der Kolonien in Amerika (vor allem Silber) auch Erträge der Philippinen und Handelswaren aus Ostasien transportiert, die über den Pazifischen Ozean und dann auf dem Landweg zum Atlantik gebracht worden waren.
Entstehung und Zusammensetzung der Flotte
Die Notwendigkeit, die spanischen Schiffe auf dem Weg von oder nach Amerika zu schützen, wurde bereits 1522 deutlich, als Juan Florin, ein italienischer Freibeuter in französischen Diensten, zwei der drei Schiffe kaperte, auf denen Hernán Cortés die Schätze der Azteken nach Spanien geschickt hatte. Es wurde den Händlern und Reedern empfohlen, Schiffe gemeinsam en conserva, wie es damals hieß, fahren zu lassen, um sich besser gegen Angriffe verteidigen zu können. 1543 wurde angeordnet, dass die Handelsschiffe auf der Carrera de las Indias in zwei Flotten fahren sollten, die Spanien im März und im September verließen, begleitet von einem Kriegsschiff, das durch eine Abgabe, die «tasa de avería», finanziert wurde. Im Jahr 1552 stellte die Marine die Bewachung durch die Kriegsschiffe ein und es wurde angeordnet, dass alle Handelsschiffe bewaffnet werden sollten, um Angriffe von Kaperschiffen abzuwehren. Das Konzept der geschützten Konvois wurde im Jahr 1553 wieder aufgenommen, wobei jeder Flotte vier Kriegsschiffe zugewiesen wurden. Das königliche Dekret vom 10. Juli 1561, das drei Jahre später ergänzt wurde, legte fest, dass die Flotte von Sevilla aus starten sollte. Die königliche Marine eskortierte und bewachte die Handelsschiffe der privaten Eigner.
Die Handelsschiffe gehörten privaten Eigentümern, die Bürger des Königreiches Kastilien sein mussten. Diese Vorschrift wurde häufig dadurch umgangen, dass ausländische Reeder über kastilische Strohmänner handelten. Da die auf der Hinreise zu befördernden Güter sehr viel sperriger waren als das Edelmetall auf der Rückreise, setzte man für die Hinfahrt gerne auch zum Ausrangieren reife Schiffe ein; so bestand die Flotte auf dem Hinweg im Durchschnitt aus 73, auf dem Rückweg aus 50 Schiffen.
Verschiedene Handelsschiffe waren gelegentlich auch mit bis zu zwölf Kanonen ausgestattet und hatten häufig Infanteriesoldaten an Bord. Die Pilotos leisteten ihren Dienst im Auftrag der Händler, aber mit einer Lizenz der Casa de la Contratación.
Den Oberbefehl über die gesamte Flotte hatte ein Generalkapitän, der in erster Linie Soldat war und nicht unbedingt Seemann. Das Flaggschiff des Generalkapitäns, die Capitana, führte den Geleitzug an, den Abschluss bildete die Almiranta, das Admiralsschiff. Auch der Admiral hatte eine militärische und nicht unbedingt eine seemännische Karriere hinter sich. Auf beiden Schiffen war außer den Matrosen und den für die Bedienung der Kanonen notwendigen Artilleristen ein Kontingent von jeweils ca. 30 Infanteriesoldaten stationiert. Der größte Teil der Silber- und Goldschätze wurde auf diesen Kriegsschiffen transportiert. Der Generalkapitän und der Admiral wurden vor jeder Fahrt vom König ernannt und durch die Krone besoldet. Zusätzlich begleiteten den Geleitzug ein oder zwei Nachrichtenschiffe (Pataches). Das waren kleine, schnelle Schiffe, die vorausfuhren und aufklärten, ob sich fremde Schiffe dem Konvoi näherten; daneben kündigten sie auch die Flotte im Zielhafen an.
Durch ein Dekret des kastilischen Königspaares wurde die Casa de Contratación am 14. Februar 1503 in Sevilla gegründet. Sie war für die Organisation und Kontrolle der Flotte vor der Abfahrt und nach der Rückkehr zuständig. Nach zwei Jahrhunderten wurde die Casa de Contratación durch ein Dekret von König Philipp V. vom 8. Mai 1717 nach Cádiz verlegt und 1790 aufgelöst.
Die Casa de la Contratación bestimmte, welche Schiffe an dem Geleitzug nach Amerika teilnahmen. Die Steuerleute und Kapitäne der Handelsschiffe des Geleitzuges wurden von der Casa de la Contratación ausgebildet und bekamen ihre Patente nur durch diese Institution. Die notwendigen Seekarten für die Fahrten nach Amerika wurden von den Mitarbeitern der Casa de la Contratación erstellt, auf dem neuesten Stand gehalten und an die zuständigen Personen vermittelt. Rechtsstreitigkeiten, die sich aus den Handelsbeziehungen mit den amerikanischen Kolonien ergaben, wurden von einem besonderen Gerichtshof der eigenen Organisation entschieden. Die Casa de la Contratación kontrollierte die Ladung anhand der Ladelisten beim Auslaufen und beim Einlaufen der Flotte und erhob die fälligen Zölle und Gebühren; außerdem entschied sie über die Berechtigung von Personen, Handel mit Amerika zu treiben oder nach Amerika auszuwandern.
Ausgangs- und Endhafen der Amerikafahrten (Carrera de Indias) war anfangs Sevilla, später Cádiz. Die Flotte nutzte die verschiedenen Meeresströmungen: Kanarenstrom – Nordäquatorialstrom – Floridastrom und Golfstrom, um in einem Rundkurs von Spanien nach Amerika und wieder zurück zu gelangen. Die in der Ordonnanz König Philipps im Jahr 1561 festgelegten Termine für die Amerikafahrten waren aufgrund der Wetter- und Windverhältnisse sowie häufiger Verzögerungen des Beladevorgangs nicht zu halten. Die Verzögerungen führten dazu, dass die Flotte in die gefürchtete Zeit der Stürme geriet. 1564 wurde daher eine neue Regelung geschaffen; diese sah vor, dass die Neu-Spanien-Flotte (Flota de Nueva España) im März oder April, die Festland-Flotte (Flota de Tierra-Firme) im August oder September aufbrachen.
Die Route der Neu-Spanien-Flotte
Die „Neu-Spanien-Flotte“ segelte von Sevilla aus südlich an den Großen Antillen vorbei und entsandte einzelne Schiffe dorthin; ihr Ziel war Vera Cruz im Golf von Mexiko, dessen Hafen durch die Befestigungsanlage auf San Juan de Ulúa geschützt war; mit ihrem Bau war im Jahr 1565 begonnen worden. Die Fahrt über den Ozean dauerte rund drei Monate. Nach dem Entladen der Güter, die vorwiegend für Mexiko-Stadt bestimmt waren, überwinterten die Schiffe normalerweise in Veracruz. Während dieser Zeit wurden die Schiffe mit den in Mexiko gewonnenen Edelmetallen, aber auch mit anderen in Amerika erzeugten Handelswaren beladen; diese machten wertmäßig aber nur einen kleinen Teil aus. Im Jahr 1594 z. B. betrug der Wert des Silbers 95,5 % des Gesamtwerts der Ladung, in der Zeit zwischen 1747 und 1778 waren es 77,6 %.
In Veracruz übernahm die Flotte auch die Ladung, die die Galeone der Philippinen aus der Kolonie in Acapulco entladen hatte und die über Land vom Pazifischen zum Atlantischen Ocean gebracht worden war. Dabei handelte es sich zu einem großen Teil um Waren, die in Ostasien gegen Silber eingetauscht worden waren. (Der Wert dieser Waren ist in den oben angegebenen Prozentzahlen nicht enthalten.)
Die „Festland-Flotte“ (Tierra-Firme, Galeones) landete in Cartagena (Kolumbien) und hatte ihre Endstation in Nombre de Dios (Panama), seit 1593 in Portobelo auf dem Isthmus von Panama. Die Ladung wurde über Land mit Lamas und Maultieren an die Pazifikküste geschafft und von da aus wieder mit den Schiffen der Armada del Mar del Sur zum Hafen von Callao. Anschließend wurde die Ladung wieder mit Lamas und Maultieren nach Potosí gebracht. In Potosí wurde der bedeutendste Teil des Silbers gewonnen und zu einem Teil bereits in Münzen geprägt. Genau in Gegenrichtung verlief dann der Transport des Silbers.
Sammelpunkt für beide Flotten war im Frühjahr (Havanna). Die Zeit für die Rückreise betrug mehr als vier Monate.
Die Philippinen waren von 1569 bis 1898 spanische Kolonie. Die „Manila-Galeone“, benannt nach der Hauptstadt, war zwar nicht Teil der Silberflotte, brachte aber einen großen Anteil der Ladung zur Silberflotte nach Amerika. Diese Galeone transportierte Silber von Amerika nach Asien und auf dem Rückweg Seide, Gewürze, Porzellan und andere Produkte nach Acapulco oder nach Panama-Stadt, die in China oder auf den Philippinen produziert und eingetauscht worden waren. Von Acapulco aus wurden die Waren über Land nach Veracruz, von Panama aus nach Portobelo transportiert. Diese Asienflotte bestand meist nur aus einer, gelegentlich auch bis zu drei mit Kanonen bewaffneten Galeonen, die von Manila nach Acapulco und weiter nach Panama fuhren; von dort aus ging es zurück nach Acapulco und wieder weiter nach Manila.