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Sigi-Löw-Gedächtnisexpedition zum Nanga Parbat

Expedition zum Nanga Parbat 1970

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Die Sigi-Löw-Gedächtnisexpedition zum Nanga Parbat im Jahr 1970 hatte das Ziel, den Achttausender Nanga Parbat (8125 m) erstmals über seine 4500 Meter hohe Südwand, die sogenannte Rupalwand, zu besteigen. Sie wurde vom Deutschen Institut für Auslandsforschung unter dem Vorsitzenden Karl Maria Herrligkoffer organisiert und geleitet und trug ihren Namen zu Ehren Sigi Löws, der 1962 in der Diamirflanke am Nanga Parbat ums Leben gekommen war.

Vier Bergsteigern gelang es, die gesamte Wand zu durchsteigen und den Gipfel zu erreichen: Reinhold und Günther Messner am 27. Juni 1970, Felix Kuen und Peter Scholz am Tag darauf. Abgesehen von den außergewöhnlichen alpinistischen Leistungen der Teilnehmer wurde die Expedition vor allem aufgrund des Todes von Günther Messner und den damit zusammenhängenden, bis heute andauernden Auseinandersetzungen bekannt. Reinhold Messner war mit seinem Bruder noch gemeinsam am Gipfel gewesen; danach stiegen sie – ob spontan aus einer Notlage heraus oder geplant, ist umstritten – über die Diamirwand auf der anderen Seite des Berges ab. Ob und wie weit die Brüder gemeinsam abstiegen und unter welchen Umständen Günther ums Leben kam, ist seit 1970 Gegenstand mehrerer Gerichtsprozesse, Buchveröffentlichungen und zahlreicher Diskussionen.

Die Rupalwand stellte in den 1960er Jahren, als alle Achttausender bestiegen waren, als höchste Wand der Erde eine besondere, neue Herausforderung im Höhenbergsteigen dar. Bereits 1963 organisierte Karl Maria Herrligkoffer eine Erkundungsexpedition zur bis dahin unbekannten Rupalflanke des Nanga Parbat; die Direttissima durch die Rupalwand wurde dabei als durchsteigbar erachtet. Im Winter 1964 kehrte Herrligkoffer mit einer Großexpedition zur Rupalflanke zurück, wobei die Wand aufgrund winterlicher Verhältnisse und Entzugs der Erlaubnis nur bis zur halben Höhe durchstiegen werden konnte. 1968 leitete Herrligkoffer seine dritte Expedition zur Rupalflanke, die Toni-Kinshofer-Gedächtnisexpedition, bei der eine maximale Höhe von 7100 m erreicht wurde; das schwierigste Teilstück, die Merklrinne auf 7350 m Höhe, wurde damals noch nicht betreten.

1969 bereitete Herrligkoffer dann seine vierte Expedition zur Rupalwand vor, die Sigi-Löw-Gedächtnisexpedition, die im Frühjahr 1970 stattfand.

Einige der damals besten Bergsteiger aus Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz nahmen an der Expedition teil: Reinhold Messner, Günther Messner (der nachnominiert wurde, nachdem Peter Habeler und Joseph Mayerl abgesagt hatten), Felix Kuen, Peter Scholz, Gerhard Baur, Werner Haim, Wolf-Dietrich Bitterling, Hans Saler, Jürgen Winkler, Hermann Kühn, Gert Mändl, Elmar Raab, Günther Kroh und Peter Vogler.

Hinzu kamen Michl Anderl, der bergsteigerische Leiter und stellvertretende Expeditionsleiter, die Apothekerin Alice von Hobe und als Gast Max-Engelhardt von Kienlin.

Die Expedition startete am 8. April 1970. Die Teilnehmer reisten auf unterschiedlichen Wegen an – mit dem Bus durch die Türkei oder per Flug nach Pakistan – und trafen am 26. April in Rawalpindi zusammen. Erst zwei Wochen später flogen die Expeditionsteilnehmer nach Gilgit weiter und erreichten Mitte Mai das Basislager auf der Tap-Hochweide (Tap-Alpe). In den folgenden Wochen wurden mehrere Hochlager in der Rupalwand errichtet. Reinhold und Günther Messner nutzten eine Schlechtwetterphase für eine „spontane Tour“ vom Basislager aus, bei der ihnen die Erstbesteigung des etwa 6000 m hohen Heran Peak gelang.

Situation vor dem entscheidenden Gipfelaufstieg

Nach wochenlangen Vorarbeiten und einer längeren Schlechtwetterperiode, die alle Bergsteiger zum Abstieg ins Basislager zwang, wurde allmählich die Zeit knapp, da die Genehmigung der Expedition bald auslief. Eine Wetterbesserung eröffnete schließlich die Chance, die Hochlager am Nanga Parbat noch einmal zu beziehen und einen Gipfelaufstieg zu versuchen. Die Bergsteiger gingen zunächst gemäß dem Plan der Expeditionsleitung vor, wonach die Seilschaft Kuen/Scholz in Lager IV als erste Gipfelseilschaft vorgesehen war; die Messner-Brüder stiegen mit Gerhard Baur zum obersten, erst am 26. Juni eingerichteten Lager V auf mit dem Auftrag, die schwierige Merklrinne, die Schlüsselpassage beim Gipfelaufstieg, mit Fixseilen zu versichern, damit Kuen und Scholz bei ihrem Gipfelaufstieg am Tag darauf schneller und sicherer vorankämen. Nach einer erfolgreichen Besteigung durch Kuen und Scholz sollten bei gutem Wetter in der Folge weitere Seilschaften zum Gipfel aufsteigen. Da es im Lager V kein Funkgerät gab, vereinbarte Reinhold Messner aus Lager IV per Funk mit Karl Maria Herrligkoffer, dass die Expeditionsleitung im Basislager am Abend des 26. Juni, wenn die Messner-Brüder und Gerhard Baur in Lager V sein würden, mit Hilfe einer Signalrakete den aktuellen Wetterbericht mitteilen würde: Eine blaue Rakete bedeutete gutes Wetter – in diesem Fall sollten die Messners und Baur wie geplant die Merklrinne versichern, um Kuens und Scholz’ Gipfelaufstieg den Weg zu bereiten; eine rote Rakete bedeutete Schlechtwetter – in diesem Fall würde Reinhold Messner allein zur Erkundung in die Merklrinne aufbrechen.

Am Abend des 26. Juni wurde trotz guten Wetterberichts fälschlicherweise eine rote Rakete abgefeuert, da offensichtlich die Banderolen vertauscht und versehentlich auch sonst keine blauen Raketen zur Hand waren, die man zur Richtigstellung hätte hinterherschießen können. Die Bergsteiger in Lager V rechneten also mit schlechtem Wetter; Reinhold Messner rüstete sich zum Alleingang. Umstritten ist, ob die Abmachung besagte, dass er im Falle einer roten Rakete nur die Merklrinne erkunden solle oder ob er – wie von ihm selbst dargestellt – einen Alleingang zum Gipfel mit anschließender Rückkehr ins Lager V wagen durfte.

Reinhold Messner brach in der Nacht auf den 27. Juni gegen 2 oder 3 Uhr allein vom letzten Hochlager auf. Zeltgenosse Gerhard Baur hatte die akribischen Vorbereitungsmaßnahmen Messners beobachtet, die unter anderem darin bestanden, mehrlagig Kleidungsschichten anzulegen, doppelte Handschuhe, schneelösliche Vitamintabletten und eine Rettungsfolie einzupacken, deutliche Hinweise, die nahelegen, dass er den Durchstieg im Alleingang anging. Er durchkletterte die schwierige Merklrinne, querte schließlich rechts aus ihr heraus und stieg weiter in Richtung Gipfel auf. Sein Bruder Günther, der in den Morgenstunden zunächst begonnen hatte, mit Gerhard Baur den unteren Teil der Merklrinne zu versichern, fasste bald den spontanen Entschluss, Reinhold nachzusteigen und kletterte allein die Merklrinne hinauf. Dieser Entschluss war hochriskant, da er weder eine Biwakausrüstung noch genügend warme Kleidung und Nahrung mit sich führte und nicht für die Strapazen des Gipfelaufstiegs gerüstet war. Gerhard Baur stieg indes mit einer Halsentzündung zum Lager IV ab.

Beiden Messner-Brüdern gelang es, die Merklrinne auch ohne Seilsicherung zu durchklettern, wobei der sehr schnell aufsteigende Günther seinen Bruder unterwegs einholte – wo genau, ist nicht geklärt. Gemeinsam stiegen sie weiter bis zum Gipfel, den sie nach Aussage von Reinhold Messner gegen 17 Uhr erreichten. Nach etwa einer Stunde Gipfelaufenthalt begannen die Messner-Brüder mit dem Abstieg, wobei Günther nach Aussage von Reinhold bereits zu diesem Zeitpunkt erschöpft und müde wirkte. Ein – ohne Zelt, Biwaksack und Kocher lebensbedrohliches – Notbiwak war unausweichlich.

Die folgenden Geschehnisse sind nicht eindeutig geklärt: Reinhold Messner sagt, dass Günther ihn dazu gedrängt habe, nicht wieder auf der Rupalseite, also der Aufstiegsroute, zurückzugehen, da diese äußerst steil ist und die Brüder kein Seil dabei hatten. Sie seien dann aus der Not heraus auf der anderen Seite, der Diamirseite, zur Merklscharte abgestiegen, welche auf dem Kamm zwischen Rupal- und Diamirflanke am oberen Ende der beim Aufstieg durchkletterten Merklrinne liegt. Von dort, so Reinhold Messner, hofften sie, anderntags aus der Merklscharte um Hilfe zu rufen oder wieder zur Aufstiegsroute in der Rupalflanke zurückqueren zu können, was jedoch außergewöhnlich schwer und ohne Seil nicht möglich war. Reinhold Messner sagt, er habe in der Nähe der Merklscharte zusammen mit seinem Bruder biwakiert, wobei Günther höhenkrank geworden sei.

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