An diesem Tag

Siegfried Marcus

Deutsch-österreichischer Techniker und Erfinder (1831-1898)

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Siegfried Samuel Marcus (* 18. September 1831 in Malchin; † 1. Juli 1898 in Wien) war ein überwiegend in Wien lebender Mechaniker und Erfinder. Er zählt zu den Vorreitern bei der Erfindung des Automobils.

Siegfried Marcus wurde als Sohn des Kaufmanns Liepmann Marcus, der im Vorstand der Malchiner jüdischen Gemeinde tätig war, und dessen Frau Rosa, geb. Philip, geboren. Der Überlieferung nach absolvierte er in seiner Heimatstadt beim Mechaniker Lilge eine Mechanikerlehre. Im Jahr 1845 ging er nach Hamburg. Über diese Zeit ist nichts Authentisches bekannt. Von dort siedelte er nach Berlin über, wo er nach eigenen Angaben in der gerade gegründeten Werkstatt von Siemens und Halske tätig war. Auch über die Berliner Zeit gibt es keine primären Geschichtsquellen. Die Archive von Siemens widersprechen Marcus, sein Name taucht nirgends auf. Durch seine Abwanderung nach Wien leistete Marcus keinen Militärdienst in Preußen; ob dem Militärdienst zu entfliehen ein Motiv für seine Übersiedlung nach Wien war, ist nicht bekannt.

Im Jahre 1852 wurde er in Wien sesshaft und blieb dort bis zu seinem Tod. Er bekannte sich zum evangelisch-lutherischen Glauben. Marcus arbeitete zunächst in der Werkstatt des k.k. privilegierten Mechanikers Carl Eduard Kraft und von 1854 an als Laborant und Mechaniker am k.k. Physikalischen Institut. Von 1855 bis 1856 war er an der Geologischen Reichsanstalt tätig. Im Jahr 1856 eröffnete er sein erstes Labor auf der Wiener Mariahilfer Straße, das er Telegraphenbauanstalt nannte. Dort – und von 1890 an in der nahen Mondscheingasse – entstanden Geräte für das graphische Gewerbe, Telegraphenapparate, elektrische Zünder für militärische und zivile Zwecke (die Preußische Armee verwendete seinen Zünder im Deutsch-Französischen Krieg), elektrische Beleuchtungskörper, Gas-, Alkohol- und Benzinlampen und dergleichen. Mit der Erzeugung dieser Geräte und dem Verkauf seiner zahlreichen Patente bestritt Marcus seinen Lebensunterhalt.

Bekannt gemacht haben ihn seine Vergaser, Benzinmotoren und besonders seine zwei Motorwagen. Letztere hat er jedoch, wie die Motoren, von anderen Firmen anfertigen lassen, da ihm in seiner kleinen Werkstätte dazu die Möglichkeiten fehlten. Vieles davon hat Marcus selbst erfunden oder weiterentwickelt.

Insgesamt hat Marcus rund 130 Patente auf vielen Gebieten in mehreren Ländern angemeldet. Auf der Pariser Weltausstellung von 1867 erhielt er eine Silbermedaille; vom österreichischen Kaiser Franz Joseph I. wurde er ebenfalls ausgezeichnet.

Am 1. Juli 1898 starb Siegfried Marcus. Seine Erben waren seine langjährige Lebensgefährtin Eleonora Baresch und die gemeinsamen Töchter Eleonora Maria und Rosa Maria Anna. Er behielt die Staatsangehörigkeit des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin bis zu seinem Tod. Ursprünglich auf dem Hütteldorfer Friedhof begraben, ruht Siegfried Marcus mit seiner Gefährtin in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 101). Zahlreiche österreichische Städte und Gemeinden haben eine Marcusgasse, Marcusstraße oder dergleichen. Im Jahr 1925 wurde in Wien-Penzing (14. Bezirk) die Marcusgasse nach ihm benannt.

Kontroverse um die Bedeutung Marcus’

Die Tragik des Siegfried Marcus gründet in einer Erfindung, die ihm irrtümlich zugeschrieben wurde und die ihn in Österreich und zeitweise auch weltweit bekannt gemacht hat: die angebliche Erfindung des Automobils im Jahre 1875, deutlich vor Daimler und Benz. Gustav Goldberg verstärkte mit seinem Buch Siegfried Marcus – ein Erfinderleben von 1961 Diskussionen über die Authentizität der Jahresangabe 1875 für Marcus’ zweiten Motorwagen. Hans Seper begann daraufhin, das Thema quellenkritisch aufzuarbeiten, und führte schließlich in einer Veröffentlichung von 1968 Belege dafür an, dass die Jahresangabe 1875 unrichtig sei, was das Scheinbild von der Erfindung des Automobils durch Siegfried Marcus zerstörte. Jüngere Forschungen von Grössing, Bürbaumer, Hardenberg und anderen haben Seper bestätigt.

Viele Mythen wurden und werden immer noch über Siegfried Marcus verbreitet. Sie gehen zum Großteil auf die umstrittenen technikhistorischen Arbeiten von Franz Feldhaus und Alfred Buberl zurück. Feldhaus’ Angaben zu Marcus in den Ruhmesblättern der Technik (1910), in Deutsche Techniker und Ingenieure (1912) usw. sind ohne Quellenangaben, an vielen wichtigen Stellen unrichtig und haben viel zu der Verwirrung über den Anteil von Marcus an der Erfindung des Automobils beigetragen. Die Hauptverantwortung für die falsche Datierung der Entwicklung des zweiten Wagens von Marcus auf 1875 bzw. ursprünglich 1877 trifft jedoch Ludwig Czischek-Christen. Er scheint, folgt man den im Einzelnachweis angeführten Darstellungen, die beiden Wagen von 1870 und 1888/89 schlicht verwechselt zu haben.

Eine Folge dieser Verwechslung war ein Erlass aus dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Marcus aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus der Geschichte zu entfernen:

Dadurch wurde für einige die Erzeugung des zweiten Marcus-Wagens um 1870 im Umkehrschluss zur Wahrheit.

So wird unter anderem, ohne über seriöse Hinweise zu verfügen, behauptet, dass er in Berlin ein enger Vertrauter Werner von Siemens’ gewesen sei, in Wien zusammen mit Ludwig am Josephinischen Institut gearbeitet und dem jungen Kronprinz Rudolf naturwissenschaftlichen Unterricht gegeben habe, oder gar, dass er im Jahre 1875 das erste vollständige Automobil der Welt gebaut habe und damit sogar bis Klosterneuburg bei Wien gefahren sei.

Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Marcus in der Zeit der NS-Diktatur totgeschwiegen. Sein Denkmal wurde aus dem Wiener Resselpark entfernt. Der wertvolle zweite Marcus-Wagen konnte dank geschickten Taktierens des Technischen Museums Wien und des Eigentümers vor behördlichen Zugriffen bewahrt werden. Nach der Befreiung Österreichs wurde das Denkmal wieder auf seinem alten Platz aufgestellt.

In der Kurzgeschichte Der Kilometerfresser hat der österreichische Dichter Emil Ertl im Jahre 1927 Marcus ein literarisches Denkmal gesetzt – ohne Wirklichkeitsbezug und ohne seinen Namen zu nennen. Darin wird Marcus „Spinnerich“ genannt und behauptet, er sei Webstuhlmechaniker gewesen.

Die ostdeutsche Fachzeitschrift KFT räumte 1964 ein, dass sich die Jahreszahl 1875 für Marcus’ zweiten Motorwagen nicht authentisch belegen lässt, forderte aber dennoch eine Anerkennung des Lebenswerks von Siegfried Marcus als einer der „Pioniere des Kraftwagens“. Auf die allgemeine Kraftfahrzeugentwicklung hätten seine Fahrzeugkonstruktionen zwar keinen Einfluss gehabt, aber im Zusammenhang seiner Entwicklung der Magnetzündung und der Definierung des Benzin-Luftgemischs als Kraftstoffquelle wird ihm ein entscheidender Beitrag zum Kraftfahrzeug zugeschrieben.

Sowohl wirtschaftlich als auch für die weitere technische Entwicklung waren die beiden Motorwagen des Siegfried Marcus nur von geringer Bedeutung. Um mit dem fortgeschrittenen, alle Merkmale eines Automobils aufweisenden zweiten Marcus-Wagen eine Produktion zu beginnen, hätte es einer tiefgreifenden Rekonstruktion, vor allem des Antriebes, bedurft.

1870 baute Marcus sein erstes, mit einem Benzinmotor angetriebenes Straßenfahrzeug, welches ein motorisierter Handwagen war. Dessen Motor war ein verdichtungsloser, direkt wirkender Zweitaktmotor, System Lenoir, der mit dem heutigen Zweitaktmotor nur die Bezeichnung teilt. Für das Benzin-Luft-Gemisch sorgte ein Oberflächenvergaser, den Marcus in dieser Form 1866 patentieren ließ. An sich waren Oberflächenvergaser nicht neu, Marcus selbst sprach in seinen Patentschriften daher von Verbesserungen. Die Zündung erfolgte mittels Elektro-Magnetzündung. Marcus hatte in den 1860er Jahren bereits mehrere solche Zünder für verschiedene militärische und zivile Zwecke entwickelt und patentieren lassen.

Zeitgenössischen Zeitungsberichten zufolge führte Marcus mit diesem Wagen, dem wesentliche Bestandteile eines Automobils wie Bremsen, Lenkung, Kupplung und dergleichen fehlten, Versuchsfahrten in der näheren Umgebung seiner Werkstätte durch.

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