Siegfried Kracauer (* 8. Februar 1889 in Frankfurt am Main; † 26. November 1966 in New York) war ein deutscher Architekt, Journalist, Soziologe, Filmtheoretiker und Geschichtsphilosoph. Kracauer ist Autor der soziologischen Studie Die Angestellten (1930) und gilt als einer der Begründer der Filmsoziologie.
Siegfried Kracauer entstammt einem kleinbürgerlichen jüdischen Elternhaus in Frankfurt am Main. Sein aus Schlesien stammender Vater Adolf Kracauer (1849–1918) hatte zugunsten seines jüngeren Bruders auf ein Studium verzichtet und arbeitete als Handelsreisender. Die Mutter Rosette (1867–1942), geborene Oppenheim, kam ebenfalls aus einfachen Verhältnissen. Sie war für Kracauer die wichtigere Bezugsperson, stand aber immer im Schatten des Vaters. 1942 wurde sie in das KZ Theresienstadt deportiert und ermordet. Siegfried Kracauer war das einzige Kind des Ehepaars.
Erste geistige Anregungen erhielt der junge Siegfried Kracauer im Hause seines Onkels Isidor Kracauer und seiner Tante Hedwig. Isidor war Geschichtslehrer an der Realschule der Israelitischen Gemeinde Frankfurts und außerdem Leiter der Fersheim’schen Stiftung, die sich um jüdische Waisen kümmerte. Seine zweibändige Geschichte der Frankfurter Juden vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert gilt als Standardwerk.
Kracauer hatte schon früh den Wunsch, Schriftsteller oder Philosoph zu werden. Auf Drängen der Eltern, die ihn vor einer „brotlosen Kunst“ warnten, studierte er jedoch zunächst von 1907 bis 1913 in Darmstadt, München und Berlin Architektur. In München befreundete er sich eng mit den beiden Frankfurter Studenten Otto Max Hainemann und Selmar Spier, um dort seine Reifeprüfung abzulegen. Dort lernte er seinen Mitschüler, den unangefochtenen Klassenprimus Otto Max Hainebach (geboren am 14. August 1892 in Frankfurt am Main; verwundet bei Fort Douaumont, nahe Verdun, gestorben am 14. September 1916 in Frankreich) kennen. Nebenbei besuchte Kracauer Vorlesungen in Philosophie und Soziologie. Auf diese Weise kam er in Berlin mit dem Soziologen Georg Simmel in Kontakt, dessen Idee der Mehrdimensionalität der Perspektiven für Kracauers spätere Erkenntnismethode entscheidend wurde. Das Architekturstudium schloss er 1914 mit der Promotion ab. Thema seiner Dissertation war die Entwicklung der Schmiedekunst in Preußen. Ab 1915 arbeitete Kracauer bei dem Frankfurter Architekten Max Seckbach.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war auch Kracauer, ähnlich wie Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und viele andere, zunächst nicht frei von der allgemeinen Begeisterung und Hoffnung auf eine „kathartische Wendung“. Im Laufe der Kriegserfahrung, die er in seinem ersten Roman Ginster verarbeitete, wich diese anfängliche Zustimmung einer völligen Desillusionierung und Ablehnung. 1918 erhielt Kracauer zunächst eine Anstellung als Architekt beim Stadtbauamt in Osnabrück. Erst 1921 kehrte Kracauer nach Frankfurt am Main zurück, das sich in der Weimarer Republik rasch zum zweiten intellektuellen Zentrum neben Berlin entwickelte. Er war für die Frankfurter Zeitung zunächst als freier Mitarbeiter und Lokalreporter tätig.
Die Frankfurter Jahre waren für Kracauers Entwicklung in mehrfacher Hinsicht prägend. Hier wirkten unter anderem Karl Mannheim, Erich Fromm, Max Horkheimer, Theodor Wiesengrund Adorno und Leo Löwenthal, so dass er mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung in Berührung kam. 1921 lernte Kracauer den erst achtzehnjährigen Adorno kennen, mit dem er gemeinsam philosophische Schriften las und der noch 1964 bekannte, dass ihn erst Kracauer „Kant zum Sprechen gebracht“ habe. Die Freundschaft der beiden Intellektuellen war dennoch von Beginn an nicht frei von Spannungen und Eifersüchteleien, die sich im Zuge politischer Differenzen in den 1930er Jahren massiv verstärkten. Wichtigstes Dokument der Beziehung ist der 2008 herausgegebene Briefwechsel.
Außerdem besuchte Kracauer das Freie Jüdische Lehrhaus mit dem Kreis um den Rabbiner Nehemia Anton Nobel, zu dem auch Martin Buber und Franz Rosenzweig gehörten. Von beiden Institutionen distanzierte sich Kracauer später, die Begegnung mit ihnen trug jedoch zur Schärfung seines eigenen intellektuellen Profils bei. Am Institut für Sozialforschung lernte er 1925 die Bibliothekarin Lili Ehrenreich (1893–1971) kennen, die er 1930 heiratete und die, insbesondere in den schweren Jahren des Exils, seine wichtigste seelische Stütze wurde. Ab 1922 arbeitete Kracauer für die Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung, einer der angesehensten Tageszeitungen der Weimarer Republik. Redakteure der Frankfurter Zeitung, unter anderem Paul Sethe, waren 1949 an der Gründung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beteiligt. In Frankfurt am Main erinnern eine Straße und eine Gedenktafel an Kracauer.
1930 ging Kracauer als Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung nach Berlin. Schon die gesamten 1920er Jahre über hatte er sich immer wieder in der Hauptstadt aufgehalten. Nach mehreren Untermietverhältnissen bewohnte er bis 1933 mit seiner Frau eine Wohnung im vierten Stock des Hauses Sybelstraße 35 in Charlottenburg. Auf Betreiben einer Bürgerinitiative wurde am 10. Juni 2010 auch an dem Berliner Haus vom Berliner Senat eine Gedenktafel angebracht und der angrenzende bisherige Holtzendorffplatz nach ihm und seiner Frau Lili in Kracauerplatz umbenannt. Die Berliner Jahre zählen zu den produktivsten im Schaffen Kracauers. Hier entstand seine Angestelltenstudie, hier verfasste er seine scharfsinnigen Beobachtungen des Berliner Alltagslebens, hier entdeckte er den Film als analytisches Medium von Gesellschaft. Die hier analysierte gesellschaftliche Stimmung vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bildet auch den Hintergrund des stark autobiographischen Romans Georg.
Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 floh Kracauer mit seiner Frau nach Paris. In der FZ erschien noch sein Artikel über das Ereignis: „Eine endlose Prozession von Menschen zieht sich um das isolierte Gebäude herum. […] Was an ihnen befremdet, ist ihr beharrliches Schweigen. Es berührt aber darum so merkwürdig, weil Fälle öffentlichen Unglücks in der Regel gerade das Mitteilungsbedürfnis der Massen erwecken. […] Dieser Brand dagegen läßt die Menge verstummen. […] Immer neue Trupps von Schuljungen mischen sich unter die Erwachsenen. […] Wenn sie einmal groß sind, werden sie aus der Geschichte erfahren, was der Reichstagsbrand in Wirklichkeit zu bedeuten hatte.“
In Paris begann Kracauer 1934 mit der Arbeit an einer Biographie des Komponisten Jacques Offenbach, von der er sich auch einen Ausweg aus seiner äußerst schwierigen finanziellen Lage erhoffte. Außerdem veröffentlichte er, zum Teil unter Pseudonym, weiter journalistische Artikel, so in L’Europe Nouvelle, in der Neuen Zürcher Zeitung und in der National-Zeitung (Basel). 1936 fertigte er im Auftrag des mittlerweile nach England emigrierten Adorno eine Studie zur Propaganda des NS-Staates an, die sich, obwohl verschollen, durch Briefe, zeitnahe Texte und handschriftliche Notizen rekonstruieren lässt. Darin liefert Kracauer eine äußerst scharfsichtige Analyse des Nationalsozialismus, die sich mit den Erkenntnissen der heutigen Geschichtswissenschaft deckt: Er sah die Ursache des „Dritten Reiches“ in einem komplexen Geflecht von spezifisch deutschen Voraussetzungen – schwaches bürgerliches Selbstbewusstsein, schwache parlamentarische Tradition, plötzlicher Zusammenbruch der Monarchie 1918 –, wobei, anders als in der marxistischen Theorie, nicht dem Kapital und der „Bourgeoisie“, sondern den entwurzelten Mittelschichten die entscheidende Rolle beim Aufstieg Hitlers zugeschrieben wird. Kracauer differenziert außerdem zwischen den Faschismen etwa in Italien oder Spanien und dem Nationalsozialismus in Deutschland als einer besonders aggressiven Variante des Rechtsextremismus; er erkennt somit die Singularität des NS-Staates.
Mit dem Überfall auf Polen durch die Wehrmacht und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges verschärfte sich die Lage für die Emigranten in vielen Ländern Europas. Kracauer wurde, wie viele andere deutsche Flüchtlinge in Frankreich, 1939 kurzzeitig interniert. Ein Jahr nach der Okkupation Frankreichs durch die Deutschen gelangen ihm und seiner Frau Lili 1941 via Südfrankreich und mit Hilfe des Emergency Rescue Committee die Flucht nach Lissabon und die Emigration in die USA. Von 1941 bis 1943 arbeitete Kracauer als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum of Modern Art in New York. Parallel dazu entstand bis 1947 mit Hilfe von Stipendien der Rockefeller- und der Guggenheim-Stiftung eines seiner filmsoziologischen Hauptwerke: From Caligari to Hitler. A Psychological History of the German Film. 1960 erschien Theory of Film. The Redemption of Physical Reality. Sein letztes Werk History – The last things before the last blieb unvollendet; es zählt dennoch zu seinen wichtigsten und für sein Denken aufschlussreichsten Büchern, weil es „gänzlich seinem lebenslang geübten Denkgestus entspricht“ (Momme Brodersen).