Shōkō Asahara (jap. 麻原 彰晃 Asahara Shōkō), bürgerlicher Name Chizuo Matsumoto (jap. 松本 智津夫 Matsumoto Chizuo; * 2. März 1955 auf Kyūshū; † 6. Juli 2018 in Tokio), war Gründer und Führer der japanischen Sekte Ōmu Shinrikyō (Aum-Sekte). Für seine Rolle bei den Giftgasanschlägen in der Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 wurde er 2004 zum Tode verurteilt und das Urteil im September 2006 vom Obersten Gerichtshof Japans in letzter Instanz bestätigt. Die Hinrichtung fand am 6. Juli 2018 statt.
Matsumoto wurde 1955 in einem Dorf auf der südjapanischen Insel Kyūshū als sechstes von sieben Kindern geboren. Von Geburt an war er wegen eines angeborenen Glaukoms auf einem Auge blind und auf dem anderen schwer sehbehindert. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen als Sohn eines Tatamimatten-Herstellers auf.
Wie viel Matsumoto genau sehen konnte, wurde nach seiner Festnahme breit diskutiert. Augenzeugen berichteten, dass Matsumoto habe Zeitung lesen, auf Scheiben schießen und in Tokios Straßen Autofahren können, dementsprechend nicht blind sein können. Matsumotos Fähigkeit zu sehen, obwohl er beeinträchtigt war, spielte eine bedeutende Rolle in seiner frühen Entwicklung.
Matsumoto besuchte fünfzehn Jahre lang eine Blindenschule, zu der er gemeinsam mit seinem völlig blinden Bruder im Alter von fünf Jahren geschickt worden war. Mit sechs Jahren zog er in ein der Einrichtung angegliedertes Schülerheim und lebte dort bis zu seinem Abschluss. Schon früh strebte er eine Führungsrolle an und kandidierte in der Grund-, Mittel- und Oberschule jeweils als Klassensprecher.
Matsumotos eingeschränkte Sehfähigkeit erlaubte ihm – oder gab ihm das Gefühl –, sein soziales Umfeld in der Blindenschule zu beherrschen: Durch Botengänge für seine blinden Mitschüler gewann er Einfluss, Macht und Geld. Das Sehen als Vorteil gegenüber seinen Lehrern und Klassenkameraden erlaubte es ihm, Gefühle der Entbehrung zu vermeiden, und etablierte in ihm ein starkes Anspruchsdenken und Elitismus.
Während seiner Schulzeit beschäftigte sich Matsumoto auch mit Körperertüchtigung und er erwarb den schwarzen Gürtel im Judo. 1977 erlangte er seinen Schulabschluss; zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits über 300.000 Yen gespart, ein beträchtliches Vermögen für einen jungen Mann zu dieser Zeit.
Nachdem er durch die Aufnahmeprüfung der Universität Tokio gefallen war, auf die er sich jahrelang vorbereitet hatte, wurde er
verbittert und empfand Zurückweisung. Daraufhin wandte er sich dem Studium der Akupunktur und der traditionellen chinesischen Medizin zu.
Nach seinem Abschluss praktizierte er Akupunktur und Moxibustion. Er eröffnete in Funabashi in der Präfektur Chiba, in der Nähe von Tokio, eine Apotheke für asiatische Arzneimittel und gründete in diesem Zusammenhang die Vereinigung der gesegneten Götter (Tenkei no kai) zum Verkauf von Medikamenten zur vermeintlichen Heilung von Rheuma und anderen Alterskrankheiten. 1982 wurde er daher wegen Betrugs verhaftet, aber gegen Kaution freigelassen. Seine Apotheke ging kurz nach seiner Verhaftung in Konkurs.
Mit seiner Frau Tomoko hatte Matsumoto vier Töchter und zwei Söhne.
Wirken als Führer von Ōmu Shinrikyō
In den 1980er-Jahren trat Matsumoto der spirituellen Gruppe Agon-shū bei und gründete 1984 den Yoga-Verein Ōmu Shinsen no Kai. 1987 beanspruchte er für sich, bei einem Aufenthalt in Indien die Erleuchtung erlangt zu haben, änderte seinen Namen in Asahara Shōkō und wandelte seinen Yoga-Verein in Ōmu Shinrikyō um.
Er erzählte seinen Schülern in Bezug auf seine Indien-Reise von einem Treffen mit dem Gott Shiva, und davon, dass der Dalai Lama ihm eine Mission aufgetragen habe, und er von nun an ein Guru (jap. 尊士; Sonshi, zu Deutsch etwa „spiritueller Lehrer“) sei.
Seine Lehren entlehnte Asahara dem Hinduismus und Buddhismus, insbesondere dem altruistischen Ideal des Mahayana-Buddhismus, sowie einer verzerrten Form des Guruyoga des Vajrayana-Buddhismus. Zudem lehrte er Phowa. Mit seiner vom Buddhismus abweichenden Interpretation des Guruyoga begründete er den absoluten Gehorsam zum Lehrer (Guru) und etablierte eine Lehrer-Schüler-Beziehung, in der nur er die völlige Reinheit und Macht besaß. Asahara wurde von vielen Sektenmitgliedern als Wiederkunft Jesu Christi betrachtet.
Asahara steigerte sich mit seinen Ansichten in die Gewaltfantasie hinein, mit der Phowa Menschen zum Tod zu führen, um sie so zu „erlösen“ und auf eine höhere spirituelle Ebene zu heben. Daraus wurde der Wahn, die Welt mit Gewalt „erlösen“ zu können, was zum Giftgasanschlag in Tokio führte.
Mit Shinritō, dem politischen Arm der Sekte, kandidierte Asahara 1989 für das japanische Parlament. Die Wahl endete für ihn mit einem völligen Misserfolg, die Sekte bekam finanzielle Probleme und viele Mitglieder traten aus. Nach diesem Ereignis prophezeite Asahara das baldige Weltende, das er zunächst auf 1997 festsetzte. Außerdem ordnete er die Produktion chemischer Kampfstoffe an.
Am 20. März 1995 verübten Ōmu-Shinrikyō-Mitglieder einen Giftgas-Anschlag mit Sarin auf die Tokioter U-Bahn, bei dem 13 Menschen starben und über 6000 verletzt wurden, 37 davon schwer.
Shōkō Asahara wurde wegen des U-Bahn-Anschlags und seiner Beteiligung an einer Reihe von Morden am 16. Mai 1995 verhaftet.