Der sexuelle Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche bezeichnet das Phänomen der sexuellen Handlungen im kriminellen Sinne von Priestern, Ordensleuten und Erziehern im Umfeld der römisch-katholischen Kirche gegenüber ihren Opfern.
Kirchliche Maßnahmen gegen einen solchen sexuellen Missbrauch können bis ins 2. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Seit Mitte der 1980er Jahre erhält sexueller Missbrauch in der Kirche weltweit größere öffentliche Aufmerksamkeit, einerseits wegen der Häufigkeit der Taten, andererseits weil der Umgang der Kirche mit Opfern und Tätern unangemessen erscheint. Die Sensibilisierung für das Tabuthema hat viele Opfer ermutigt, auch mehrere Jahrzehnte nach den Übergriffen ihre oft traumatischen Erlebnisse öffentlich zu machen.
Dokumente enthüllen zudem, dass in Deutschland das nationalsozialistische Regime den sexuellen Missbrauch von Kindern als Druckmittel gegen den Papst einsetzte, um ihn davon abzuhalten, sich öffentlich gegen den Holocaust zu stellen (Papst Pius XII. und der Holocaust).
Der National Catholic Reporter kritisierte im Juni 1985 in einem Editorial auf der Titelseite das System der Kirche zum Umgang mit Opfern und Tätern von Kindesmissbrauch als vollkommen unzureichend. Seit den 1990er Jahren weitete sich der Skandal auf andere englischsprachige Länder aus, unter anderem nach Irland.
In den 1990er und 2000er Jahren lösten Erfahrungsberichte und Medienberichte über sexuellen Missbrauch im deutschsprachigen Raum zumeist noch keine nennenswerte Resonanz aus. Erst 2010 löste der Jesuit Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kolleg in Berlin, in Deutschland eine gesamtgesellschaftliche Debatte über Missbrauchsfälle in der römisch-katholischen Kirche aus. Er schrieb wegen mehrerer ihm bekannt gewordener Missbrauchsfälle an Kindern und Jugendlichen aus den 1970er und 1980er Jahren einen Brief an die Absolventen der betroffenen Jahrgänge, um damit „beizutragen, dass das Schweigen gebrochen wird“. Dieser Brief wurde am 28. Januar 2010 über die Medien der Öffentlichkeit bekannt.
Die Dunkelziffer wird bei Taten sexuellen Missbrauchs allgemein als sehr hoch eingeschätzt.
Entwicklung und Situation in einzelnen Ländern
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und Fälle des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Irland
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Österreich
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten
Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche nach Ländern
Angaben zu Deutschland sind hier zu lesen.
Laut der John-Jay-Studie gab es im Zeitraum 1950 bis 2002 in der katholischen Kirche in den USA insgesamt 10.667 Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs. Dem wurde gegenübergestellt, dass es allein im Jahr 1992 in den USA 149.800 Opfer von Kindesmissbrauch gab (Tendenz fallend, im Jahr 2000 waren es 89.355 Fälle).
Charol Shakeshaft, Autorin einer Studie über sexuellen Missbrauch an staatlichen Schulen, schätzte, dass die Wahrscheinlichkeit an einer Schule missbraucht zu werden, 100-fach über der Wahrscheinlichkeit des Missbrauchs durch katholische Priester liege.
Nach einer Erklärung des Heiligen Stuhls gegenüber der UN-Menschenrechtskommission, im September 2009 vorgetragen von Erzbischof Silvano Tomasi, zeigen die verfügbaren Nachforschungen, dass in den letzten 50 Jahren 1,5 bis 5 % des römisch-katholischen Klerus in sexuelle Missbrauchsfälle verwickelt waren, davon 80 bis 90 % in Fällen, bei denen die Opfer männlich und zwischen 11 und 17 Jahren alt waren. Tomasi zeigte auch auf, dass Missbräuche durch katholische Geistliche seltener seien als bei anderen Konfessionen, und dass nach dem U.S. Department of Education Missbrauchsfälle an Schulen etwa hundertfach häufiger wären, als durch Priester. Tomasi unterstrich, dass man bei sexuellem Missbrauch also nicht von einem speziellen Problem der katholischen Kirche ausgehen könne, die Kirche gleichwohl aber sehr bewusst und ernsthaft das Problem angehe.
Der Ankläger des Vatikans in der für Missbrauchsfälle zuständigen Glaubenskongregation, Monsignore Charles Scicluna, nannte in einem Interview mit der katholischen italienischen Tageszeitung Avvenire am 13. März 2010 folgende Zahlen: Im Zeitraum von 2001 bis 2010 habe der Vatikan rund 3.000 Beschwerden über Fälle aus den vergangenen 50 Jahren erhalten. In rund 30 Prozent handelte es sich um heterosexuelle Kontakte, in 60 Prozent der Fälle um gleichgeschlechtliche Kontakte und in zehn Prozent der Fälle gehe es um pädophile Übergriffe Geistlicher. Etwa 300 von weltweit 400.000 Priestern seien der Pädophilie bezichtigt worden.
Während der Vatikan bis dahin nur Angaben über die Anzahl der Ermittlungsverfahren gemacht hatte, wurde im Januar 2014 nach einer Anhörung Tomasis durch ein UN-Menschenrechtskomitee in Genf erstmals auch bekannt, wie viele Priester Papst Benedikt in den letzten Jahren seines Pontifikats wegen der Belästigung oder des Missbrauchs von Kindern ihres Amtes enthoben hatte. Es waren 171 Priester in den Jahren 2008/2009, 260 im Jahr 2011 und 124 im Jahr 2012. Die Zahl für 2010 wurde nicht bekannt.