Serge Gainsbourg ([sɛʁʒ gɛ̃zˈbur] ; * 2. April 1928 als Lucien Ginsburg in Paris; † 2. März 1991 ebenda) war ein französischer Chansonnier, Filmschauspieler, Komponist und Schriftsteller. Über seinen Tod hinaus gilt er in Frankreich als einer der einflussreichsten und kreativsten Singer-Songwriter (französisch auteur-compositeur-interprète) seiner Epoche.
Gainsbourg beeinflusste maßgeblich die französische Popmusik, aber auch Kino und Literatur. Er schrieb die Drehbücher und die Filmmusik für mehr als 40 Filme. Er trat in der Öffentlichkeit häufig provokativ auf und pflegte das Bild des genialen Künstlers. Europaweite Bekanntheit durch vordere Plätze in den Charts erreichte er 1969 mit dem Lied Je t’aime … moi non plus in der Version mit Jane Birkin als Duettpartnerin.
Lucien Ginsburg, der sich später Serge Gainsbourg nannte, wurde als Sohn ukrainisch-jüdischer Immigranten geboren: Sein Vater, Joseph (Iossip) Ginsburg, wurde 1898 in Charkiw in der Ukraine (Russisches Kaiserreich) geboren. Er interessierte sich für bildende Kunst und studierte am Konservatorium Klavier. Luciens Mutter war die Sängerin Olga Besman, gebürtig von der Krim. 1919 flohen Joseph und Olga Ginsburg vor den Bolschewiki über Istanbul nach Marseille und gingen von dort nach Paris. 1922 bekam das Paar einen ersten Sohn, Marcel, der im Alter von 16 Monaten starb, und 1926 eine Tochter, Jacqueline; 1928 schließlich die Zwillinge Liliane und Lucien. Am 19. Juni 1932 wurden Joseph, Lucien und Liliane Franzosen.
Joseph Ginsburg arbeitete als Pianist in Bars und Kabaretts, die Familie wohnte in einfachen Stadtvierteln. Lucien erhielt von seinem Vater eine klassische Klavierausbildung. Dieser versuchte zudem, seinen Sohn für die Malerei zu interessieren. Seine Kameraden hänselten Lucien in der Grundschulzeit, indem sie ihn Ginette nannten, weil er schüchtern war und angeblich aussah wie ein Mädchen. Bereits 1940 schrieb sich Lucien an der Académie de Montmartre ein und nahm unter anderem Unterricht bei den Postimpressionisten Charles Camoin und Jean Puy.
Nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) und der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg waren die Ginsburgs direkt von antisemitischer Verfolgung durch das Vichy-Regime bedroht. Dieses hatte am 3. Oktober 1940 die gesetzliche Grundlage für die Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden geschaffen und ließ durch eine Sonderkommission alle Personen überprüfen, die seit 1927 Franzosen geworden waren. Am 18. Juni 1943 wurden die Ginsburgs durch diese Kommission zu „Israeliten ohne nationales Interesse“ erklärt. Die Familie befand sich da bereits auf der Flucht und lebte mit falschen Papieren unter dem Namen Guimbard an verschiedenen Orten, zuletzt ab Januar 1944 in dem Weiler „Le Petit Vedeix“ (Lage) bei Saint-Cyr (Haute-Vienne). Die Schwestern Jacqueline und Liliane wurden in der École du Sacré-Cœur in Limoges versteckt, Lucien wurde Internatsschüler am Collège von Saint-Léonard-de-Noblat. Die Situation war so bedrohlich, dass sich der 16-jährige Lucien eines Tages für drei Tage und Nächte im Wald verstecken musste, weil eine Überprüfung der Schule durch die Vichy-Miliz bevorstand, die nach jüdischen Kindern fahndete, und sein Vater Joseph wurde noch am 22. Juni 1944 in Limoges zur Fahndung ausgeschrieben. Serge Gainsbourg allerdings hatte offenbar lebenslang ein zwiespältiges Verhältnis zum Limousin und liebte und hasste diese Region, in der er und seine Familie während des Krieges Zuflucht gefunden hatten.
Gainsbourg war ab 1942 gezwungen, den Judenstern zu tragen und bezeichnete sich rückblickend auf seine frühen Jahre als „trauriges, ernstes Kind“. Seine Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung hat er 1975 auf der LP Rock Around the Bunker verarbeitet, einem Konzeptalbum, in dem er sich mit der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, seiner jüdischen Herkunft und seinen Erfahrungen mit der SS auseinandersetzte. In dem dazugehörigen Song Yellow Star heißt es in der letzten Strophe:
Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Paris zurück. Im Anschluss an sein Abitur begann Gainsbourg ein Hochschulstudium, erwarb aber keinen Abschluss. Der 19-Jährige hatte wenige Freunde, pflegte aber einen intensiven Kontakt mit einem alten katalanischen Poeten, der in Clichy wohnte und sich Puig i Ferrara nannte. In den Jahren 1948/1949 leistete Gainsbourg seinen Wehrdienst im 93e régiment d’infanterie. Etwa zu dieser Zeit lernte er seine erste Frau Elisabeth Levitsky kennen, die für Georges Hugnet als Sekretärin arbeitete, in Surrealistenkreisen verkehrte und auch Mannequin war. Sie machte Lucien mit Salvador Dalí bekannt. Gainsbourg und sie heirateten am 3. November 1951 und ließen sich im Oktober 1957 scheiden.
Bis zum Alter von 30 Jahren lebte Gainsbourg von Gelegenheitsarbeiten und kleinen Aufträgen. Er gab Zeichen- und Gesangsunterricht. Seine Hauptbeschäftigung war die Malerei. Er bewunderte Francis Bacon, Fernand Léger und Gustave Courbet. Bei André Lhote und Fernand Léger lernte er malen, mit Salvador Dalí war er befreundet. Erst Boris Vian führte ihn 1958 zum Chanson.
Im Jahr 1957 begleitete Gainsbourg die Sängerin Michèle Arnaud auf dem Klavier während mehrerer Auftritte in Pariser Nachtklubs. Die Künstlerin sang auch Chansons, die Gainsbourg geschrieben hatte, und nahm 1958 einige auf Schallplatte auf. Durch diesen Erfolg beflügelt, komponierte Gainsbourg weitere Chansons und eine Revue. Er verfasste Lieder für etliche Sänger und Sängerinnen. 1965 gewann France Gall mit Poupée de cire, poupée de son den Grand Prix Eurovision de la chanson (Eurovision Song Contest). Dies machte Gainsbourg auch bei den jungen Yéyé-Fans, den Anhängern der französischen Beatmusik, populär und förderte seine Karriere als Interpret, da er sich ab 1966 zunehmend auf Popmusik verlegte und so einem breiteren, vor allem jüngeren Publikum gefiel.
Seinen größten Erfolg als Interpret feierte er im Duett mit Jane Birkin, mit der er 1969 Je t’aime … moi non plus aufnahm. Das Lied empörte Moralisten über die Grenzen Frankreichs hinaus bis hin zur vatikanischen Zeitung Osservatore Romano, die den darin simulierten Orgasmus als „beschämende Obszönität“ bezeichnete. Gainsbourg hatte das Lied bereits zuvor mit Brigitte Bardot aufgenommen, doch wurde diese Version nicht veröffentlicht, da Bardot sie aus Rücksicht auf ihre Ehe mit Gunter Sachs als zu gewagt empfand und Gainsbourg bat, sie unter Verschluss zu halten. Erst 1986 willigte sie ein, die Aufnahme zu veröffentlichen. Der Skandal und der Erfolg von Je t’aime … moi non plus veranlassten Gainsbourg 1971 dazu, ein weiteres erotisches Lied, La Décadanse, herauszubringen, abermals im Duett mit Birkin.
Im Konzeptalbum Histoire de Melody Nelson erzählt Serge Gainsbourg die Geschichte der 15-jährigen Melody, gespielt und gesungen von Jane Birkin, die von einem Mann, Gainsbourg, im Rolls-Royce angefahren wird (Ballade de Melody Nelson). Er verliebt sich in das junge Mädchen (Valse de Melody), verbringt mit ihr seine schönste Zeit (L’Hôtel particulier) und verliert sie schließlich bei einem Flugzeugabsturz (Cargo culte). Das kaum 28 Minuten lange Album, das Gainsbourg zusammen mit dem Musiker und Arrangeur Jean-Claude Vannier komponierte, wurde auch verfilmt.
Nach einem Herzinfarkt im Jahr 1973 brachte Gainsbourg noch mehrere Konzeptalben heraus. 1975 erschien Rock Around the Bunker, 1976 folgte mit L’Homme à tête de chou eine surrealistische Liebesgeschichte, in der die Frau schließlich getötet wird, während ihr Liebhaber und Mörder in einer geschlossenen Anstalt endet.
Musikalisch neue Wege beschritt Gainsbourg 1979 mit seiner Hinwendung zum Reggae. Mit Musikern der Band Black Uhuru und Bob Marleys Begleitsängerinnen, den I-Threes, nahm er in Kingston (Jamaika) das Album Aux armes et cætera auf. Als Skandal empfanden viele Franzosen dabei seine Reggae-Version ihrer Nationalhymne, La Marseillaise, die er 1979 als Single Aux armes et cætera veröffentlichte.
Ebenfalls 1979 ging Serge Gainsbourg erstmals seit 1963 wieder auf Tournee. Berühmtheit erlangte sein Auftritt in Straßburg 1980, bei dem zahlreiche Fallschirmjäger der französischen Armee ihn davon abhalten wollten, seine Reggae-Marseillaise zu spielen. Gainsbourg trat ohne seine Musiker auf die Bühne und sang mit dem Publikum a cappella das Original. 1985 und 1988 folgten weitere Tourneen.