Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf [ˈsɛ̂lːma ˈlɑ̂ːɡɛˌɭøːv] (* 20. November 1858 auf Gut Mårbacka in der heutigen Gemeinde Sunne, Värmland, Schweden; † 16. März 1940 ebenda) war eine schwedische Schriftstellerin. Sie ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen des Landes; ihre Werke zählen zur Weltliteratur. 1909 erhielt sie als erste Frau den Nobelpreis für Literatur und wurde 1914 als erste Frau in die Schwedische Akademie aufgenommen. Lagerlöf verfasste geistliche, fantasievolle und heimatverbundene Werke sowie Kinderbücher – davon ist das 1906/1907 erschienene Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen eines ihrer populärsten Bücher.
Selma Lagerlöf wurde am 20. November 1858 als Tochter des Gutsbesitzers Leutnant Erik Gustaf Lagerlöf geboren. Ihre Mutter Louise Lagerlöf, geborene Wallroth, stammte aus einer vermögenden Kaufmannsfamilie aus Filipstad. Selma Lagerlöfs Großeltern väterlicherseits, Daniel Lagerlöf, Regimentsschreiber und Gutsverwalter, und Lisa Maja Lagerlöf, geborene Wennerwik, stammten beide aus Pfarrersfamilien. Aus der Familie Lisa Maja Lagerlöfs stammte auch der Besitz des Guts Mårbacka, das vor der Großmutter bereits seit drei Generationen jeweils an die Töchter der Familie, die alle einen Pfarrer geheiratet hatten (Pfarrkonservation), weitervererbt worden war. Selma Lagerlöfs Großmutter war die erste, die nicht Frau eines Pfarrers wurde. Die Geschichte ihrer Großeltern väterlicherseits erzählte Selma Lagerlöf in Liljecronas Heim.
Lagerlöf war das zweitjüngste von sechs Geschwistern. Der älteste Bruder, Daniel, wurde später Arzt in Kungälv, die älteste Schwester Johanna Maria starb bereits vor ihrem dritten Geburtstag, der zweitälteste Bruder, Johan, emigrierte nach Amerika. Das vierte Kind ihrer Eltern war Anna, die jung an Tuberkulose starb – das Thema Tuberkulose beschäftigte Selma Lagerlöf später in Nils Holgersson und Der Fuhrmann des Todes. Selma Lagerlöf hatte außerdem eine vier Jahre jüngere Schwester, Gerda, die ihr von allen Geschwistern am nächsten stand. Die Schwestern gingen nicht wie ihre Brüder zur Schule, sondern wurden zu Hause von Gouvernanten unterrichtet.
Lagerlöf wurde mit einem Hüftleiden geboren, das an verschiedenen Stellen als unterschiedlich schwer geschildert ist. Einerseits beschreibt sie in ihrem autobiographischen Werk Aus meinen Kindertagen, wie sie ihren Vater vergebens anflehte, nicht mit zum Ball nach Sunne fahren zu müssen, da sie nicht tanzen könne. Anderseits gibt es Äußerungen von ihr, dass sie sich auf einen Ball freute, und nach anderen Zeugnissen war sie beim Spielen mit anderen Kindern kaum beeinträchtigt. Im Alter von drei Jahren waren ihre Beine nach einer Krankheit vollständig gelähmt, später verschwand die Lähmung jedoch wieder (eine Episode, die sie in Mårbacka schildert). Mit neun und dann noch einmal mit vierzehn Jahren erhielt Selma Lagerlöf in Stockholm bei Herman Sätherberg eine Physiotherapie. Ein leichtes Hinken blieb zurück. Ihre (leichte) körperliche Behinderung stilisierte Selma Lagerlöf bewusst in ihrer Autobiografie: Gerade ihr Schicksal als Außenseiterin – Außenseiter spielen in Selma Lagerlöfs Werk eine wichtige Rolle, exemplarisch sei hier Jan i Skrolycka in Der Kaiser von Portugallien genannt – schien sie zum Schriftstellerberuf zu prädestinieren.
Als sich die wirtschaftliche Lage in Värmland in den 1860er Jahren verschlechterte, war davon auch das Gut der Familie betroffen. In den 1870er Jahren verschlimmerte sich die Situation immer mehr. Lagerlöf erlebte dies als Jugendliche mit, und die Angst vor dem Verlust des Heims verarbeitete sie später in vielen Werken. 1890, nach dem Tod des Vaters und als Selma Lagerlöf dort schon nicht mehr lebte, musste Mårbacka wegen Schulden verkauft werden.
Schon als junges Mädchen las Lagerlöf leidenschaftlich gern und interessierte sich für die Sagen und Geschichten ihrer Heimat, die sie von ihrem Vater und ihrer Großmutter gehört hatte. Auf dem Dachboden führte sie gern selbstgeschriebene Puppentheaterstücke auf. Für Hausarbeit und das, was als passende Beschäftigung für Mädchen angesehen wurde, zeigte sie hingegen kein Interesse.
Ausbildung und Berufstätigkeit
Gegen den Wunsch ihres Vaters ging Lagerlöf 1881 nach Stockholm und besuchte bis 1882 ein Mädchengymnasium. Von 1882 bis 1885 machte sie eine Ausbildung zur Volksschullehrerin am Königlichen Höheren Lehrerinnenseminar in Stockholm. 1885 starb der Vater. Im gleichen Jahr trat Lagerlöf eine Stelle als Volksschullehrerin in Landskrona an. Diese Tätigkeit übte sie bis 1895 aus.
Während ihrer Zeit in Landskrona schrieb sie ihren ersten Roman, Gösta Berling. Dem Buch lagen Geschichten über die Menschen ihrer Heimat zu Grunde, die sie als Kind gehört hatte. 1890 gewann Lagerlöf mit fünf Kapiteln aus dem entstehenden Roman bei einem Novellenwettbewerb der Zeitschrift Idun. 1891 erschien schließlich der fertige Roman. Er erhielt jedoch zunächst überwiegend negative Kritiken und verkaufte sich schlecht. Entgegen Lagerlöfs ursprünglicher Erwartung reichten die Einnahmen aus dem Buch bei weitem nicht aus, um den Lehrerinnenberuf aufzugeben. Erst nach einer außerordentlich positiven Rezension des bekannten dänischen Literaturkritikers Georg Brandes im Jahre 1893 setzte sich Gösta Berling auch in Schweden allmählich durch; heute ist es eines der am meisten gelesenen schwedischen Bücher.
Im Jahr 1895 gab Selma Lagerlöf den Beruf als Lehrerin auf und unternahm zunächst bis 1896 eine große Reise durch Südeuropa. Ergebnis dieser Reise war der Roman Die Wunder des Antichrist. 1897 zog Selma Lagerlöf nach Falun in Dalarna –, einerseits, weil ihre Schwester Gerda sie darum gebeten hatte, anderseits, weil Dalarna als Zentrum schwedischen Brauchtums und schwedischer Volkskultur galt. In der Gemeinde Nås in der Nähe von Falun war im Jahr 1896 eine Gruppe von 55 Bauern infolge einer religiösen Erweckung nach Jerusalem ausgewandert, um sich dort der amerikanischen Overcomers-Sekte, bekannt als American Colony, anzuschließen. Dies machte Lagerlöf zum Thema ihres Romans Jerusalem – neben Vilhelm Mobergs Auswandererromanen das zweite große Auswandererepos in der schwedischen Literatur. Der erste Band von Jerusalem war bereits unmittelbar nach seinem Erscheinen ein großer Erfolg bei Kritikern und Publikum und bedeutete Selma Lagerlöfs endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin.
Im Jahr 1899 schrieb Lagerlöf das Libretto der Oper Fritiofs saga von Elfrida Andrée (1899). Ihre szenische Uraufführung erfuhr die Oper unter dem Titel Die Fritjof-Saga in der Essener Oper am 7. Februar 2026.
Ihr bekanntestes Buch schrieb Selma Lagerlöf 1906: Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Dieser Roman entstand im Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes und sollte in den Schulen als Lesebuch verwendet werden. Nils Holgersson ist die phantastische Geschichte eines vierzehnjährigen Jungen, der zur Strafe für seine Bösartigkeit – vor allem gegenüber Tieren – in ein Wichtelmännchen verwandelt wird und gemeinsam mit den Wildgänsen durch ganz Schweden reist, wobei er in vielerlei moralische Konflikte gerät. Nils Holgersson stellt gleichzeitig einen Erziehungs- und Entwicklungsroman und ein liebevolles Porträt Schwedens dar. Die einzelnen Landschaften werden, häufig in Form von Sagen und Märchen, vorgestellt, wobei auch aktuelle Informationen der damaligen Zeit, beispielsweise über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Schwedens, eingestreut werden. Nils Holgersson wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Bedeutung erlangte der Roman auch dadurch, dass zum ersten Mal in einem literarischen Werk die neue schwedische Rechtschreibung angewendet wurde.
Im Jahr 1907 wurde Selma Lagerlöf die Ehrendoktorwürde der Philosophie von der Universität Uppsala verliehen. Am 10. Dezember 1909 erhielt Selma Lagerlöf als erste Frau den Literaturnobelpreis, „auf Grund des edlen Idealismus, des Phantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen“, wie es in der Begründung hieß. 1914 wurde Selma Lagerlöf zum ersten weiblichen Mitglied der Schwedischen Akademie gewählt. 1928 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald.