Sebastian Haffner (eigentlich: Raimund Werner Martin Pretzel; * 27. Dezember 1907 in Berlin; † 2. Januar 1999 ebenda) war ein deutsch-britischer Journalist, Publizist, Schriftsteller und Zeitgeschichtler.
Haffner, der promovierter Jurist war, wandte sich in den 1930er Jahren dem Journalismus zu. Während des Zweiten Weltkriegs begann er, als Exilant in Großbritannien für die Zeitung Observer zu schreiben, für die er in den 1950er Jahren als Korrespondent nach Deutschland zurückkehrte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er als Kolumnist für die Zeitschrift Stern sowie als Verfasser einer Reihe von biografischen und zeitgeschichtlichen Büchern bekannt, die sich größtenteils mit der deutschen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts befassten. Insbesondere seine Schriften über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus fanden bleibende Beachtung.
Sebastian Haffner wurde unter dem Namen Raimund Pretzel als Sohn des Rektors und späteren Regierungsdirektors Carl Pretzel (1864–1935) und dessen Frau Wanda, geb. Lehmann (1875–1962), in Berlin-Moabit geboren. Sein Vater war ein angesehener Berliner Reformpädagoge und Schuldirektor und in der Weimarer Republik Beamter im preußischen Kultusministerium. Der Germanist Ulrich Pretzel war einer der Brüder Haffners. Die Familie lebte ab 1914 in Prenzlauer Berg, im Rektorenhaus der Volksschule an der Prenzlauer Allee. Haffners Vater war damals Direktor der Volksschule. Auch Haffner wurde dort eingeschult.
Nach der Volksschule besuchte Haffner das Königstädtische Gymnasium am Berliner Alexanderplatz. Dort waren viele seiner Klassenkameraden jüdische Deutsche, begabte Söhne von Geschäftsleuten. Unter ihnen, sagte Haffner später, sei er „ziemlich links“ eingestellt gewesen. Unter den jüdischen Mitschülern fand er Freunde und Geistesverwandte. Seine Lehre aus dem Besuch dieser Schule war: „Die Juden sind das bessere, das intellektuelle und kultivierte Deutschland.“ Kurzzeitig war auch Horst Wessel ein Mitschüler an diesem Gymnasium. Anlässlich einer Versetzung seines Vaters im Jahr 1924 wechselte Haffner an das Schillergymnasium in Berlin-Lichterfelde. Dort waren viele Klassenkameraden Söhne von Militärs, die sowohl die Nationalsozialisten als auch die Weimarer Republik ablehnten. Hier sei er „rechts“ geworden, merkte Haffner im Rückblick an, und fügte hinzu: „Mein ganzes Leben ist bestimmt gewesen von meinen Erfahrungen auf diesen beiden Schulen.“
Nach dem Abitur begann Haffner ein Studium der Rechtswissenschaften. Er tat dies trotz seiner literarischen Neigungen. Bereits 1929 war Die Tochter als Fortsetzungsroman in einer Hamburger Zeitung erschienen, eine Buchveröffentlichung kam aufgrund des Konkurses des vorgesehenen Verlages nicht zustande. Und im Herbst 1932 schrieb er binnen weniger Wochen einen weiteren Roman, Abschied, der allerdings erst 2025, fast 100 Jahre später, im Nachlass Haffners gefunden und bei Hanser veröffentlicht wurde. Der Rat seines Vaters gab den Ausschlag für diese Wahl des Fachs Jura, obwohl der Vater selbst ein leidenschaftlicher Bücherleser und -sammler war. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 entschied sich Haffner dann jedoch gegen die juristische Laufbahn, da der Rechtsstaat mit der Errichtung der NS-Diktatur gestorben war. Seine Ausbildung schloss er seinen Eltern zuliebe aber noch ab.
In seinen Jugenderinnerungen beschrieb Haffner seine Erlebnisse am Preußischen Kammergericht in Berlin in den ersten Monaten des Hitler-Regimes als Schlüsselerfahrung, die ihn zu dieser Entscheidung bewog: Während er sich in Berlin auf das Assessorexamen vorbereitete, wurde Haffner unter anderem Zeuge, wie jüdische Juristen von SA-Trupps aus dem Kammergericht geworfen wurden und „in Ehren ergraute Richter“ sich aus Sorge, ihre Pensionsansprüche zu verlieren, den unsubstantiierten Urteilen von beinahe noch jugendlichen nationalsozialistischen Nachwuchsjuristen anschlossen. Als Zeitzeuge der Vorgänge im „Dritten Reich“ beobachtete er unter anderem die Kehrseite des vom NS-Staat stark instrumentalisierten Gruppenzusammenhalts.
Aufenthalt im Referendarlager Jüterbog
Im Herbst 1933 musste Haffner als angehender Jurist (Referendar) an einer „weltanschaulichen“ Schulung und an einer militärischen Ausbildung im Referendarlager Jüterbog teilnehmen.
Als er im Frühsommer 1933 per Zeitungsmeldung von diesem neu eröffneten Gemeinschaftslager für Juristen erfuhr, überkam ihn ein Tobsuchtsanfall. Eine vergleichbare Einrichtung zur ideologischen Formung des Juristennachwuchses hatte es in Deutschland zuvor nicht gegeben. Durch Haffners im Jahr 2000 postum erschienene Memoiren (Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914–1933), die 2002 um diesen zuvor verschollenen Teil seiner Lebensgeschichte ergänzt und in großer Zahl verkauft wurden, wurde die Existenz dieses Juristenausbildungslagers über das historische Fachpublikum hinaus einer größeren Öffentlichkeit bekannt.
Das Lager wurde zuvor von der Reichswehr genutzt. Haffner zufolge vereinigte es später Elemente des ganzen „Dritten Reichs“. Er beschrieb das, wie auch viele andere Aspekte des NS-Staates, bereits 1939 im Manuskript zu seinem Buch. Die NS-Schulungseinrichtung erhielt später den Namen Gemeinschaftslager Hanns Kerrl. Dieser preußische Landtagspräsident und Justizminister Hanns Kerrl führte im Jahr der Lagergründung ein System von NS-Indoktrination für preußische Jurareferendare ein. Der 60 Kilometer von Berlin entfernt gelegenen Einrichtung im Fläming war aber nicht der Erfolg beschieden, den ihre Initiatoren und Förderer erhofften. Die Stoßrichtung – eine „Auslese“ einer künftigen Funktionselite mittels eines „Lagerzeugnisses“ zu erzielen – ging ins Leere. Eine beträchtliche Wirkung erreichte jedoch die mit großem Aufwand betriebene Pressearbeit des Reichsjustizministeriums. Trotz seines mehrfach geänderten Schulungskonzeptes ist die Bedeutung des Jüterboger Lagers für Rechtsdenken und Rechtspraxis im NS-Staat als relativ gering anzusehen. Im Prozess der NS-Erziehungsbemühungen war diese Einrichtung nur ein Ausbildungs- und Sozialisationsabschnitt unter vielen. Haffner schrieb dazu, dass der NS-Staat mit übersteigerter Beförderung von Kameradschaft und Lagerleben (Gemeinschaftserziehung/Lagergedanke) allgemein „eine neue Lebensform“ für die Deutschen entwickelte.
Nationalsozialismus, Exil und Zweiter Weltkrieg
1934 ging Haffner einige Monate nach Paris, um seine Doktorarbeit zu schreiben. Seiner Aussage in einem späteren Interview zufolge sah er sich dort nach Möglichkeiten um, in Frankreich zu leben. Im Februar 1935 wurde Haffner an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über Die Aufwertung von Fremdwährungsschulden bei Martin Wolff promoviert (Zweitgutachter war Hans Lewald).
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland arbeitete er nur noch gelegentlich als Jurist, meist als Vertreter anderer Rechtsanwälte. Er begann, seinen Lebensunterhalt als Journalist zu verdienen. Um sich nicht in den Dienst der NS-Propaganda stellen zu müssen, verfasste er damals hauptsächlich Artikel für Modezeitschriften und für die unpolitischen Feuilleton-Sektionen verschiedener Zeitungen.
Seiner Auffassung nach erledigte jeder Mensch, der in Deutschland lebte, die Arbeit des Regimes, selbst wenn er einer unpolitischen Beschäftigung nachging. So begründete Haffner seinen Entschluss zu emigrieren. Um Deutschland verlassen und in Großbritannien einreisen zu können, ließ er sich im August 1938 mit einem Auftrag der Ullstein-Presse nach England schicken. Dort bat er um politisches Asyl mit Verweis auf seine schwangere Verlobte Erika Schmidt-Landry (geb. Pauline Erika Hirsch, * 1899 Berlin; † 1969 ebendort), die ihm nach England vorausgereist war und in Deutschland als Jüdin galt, so dass die Beziehung dort verboten war und sie nicht zurückkehren konnten. Seine evangelisch getaufte, persönlich areligiöse Verlobte, die eine Enkelin des Mediziners August Hirsch und Schwester des ebenfalls nach England emigrierten Mathematikers Kurt Hirsch war, war im Deutschen Reich wegen ihrer jüdischen Vorfahren antisemitischen Verfolgungen ausgesetzt und hatte gerade ihre Anstellung als Universitätsbibliothekarin verloren, als Haffner sie kennen lernte. Am 1. September 1938 heiratete das Paar, und Haffner erhielt eine zunächst für ein Jahr gültige Aufenthaltserlaubnis. Er befürchtete, danach ausgewiesen zu werden, aber kurz vor Ablauf des Jahres brach der Zweite Weltkrieg aus. Die Eheleute bekamen zwei gemeinsame Kinder; auch Erikas Sohn aus ihrer ersten Ehe lebte bei ihnen.