An diesem Tag

Seamus Heaney

Irischer Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger

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Seamus Justin Heaney ('ʃeɪməs 'hiːni; * 13. April 1939 in Tamniaran bei Castledawson nordöstlich von Magherafelt, County Londonderry, Nordirland; † 30. August 2013 in Dublin) war ein irischer Schriftsteller, Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer, dem 1995 nach William Butler Yeats, George Bernard Shaw und Samuel Beckett als viertem irischen Dichter der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Heaneys Werk umfasst über 20 Bände mit Gedichten und literaturtheoretischen sowie -kritischen Schriften, die in viele Sprachen übersetzt wurden und auch international große Anerkennung fanden. Zudem fungierte er als Herausgeber zahlreicher weit verbreiteter literarischer Anthologien.

Seamus Heaney stammte als erstes Kind von neun Kindern aus einer katholischen Bauernfamilie; der Vater handelte mit Vieh. Nach der überkonfessionellen Elementarschule von Anahorish in Toomebridge besuchte Heaney von 1951 bis 1957 mit einem Stipendium die katholische Internatsschule St. Columb’s College in Londonderry, wo er Latein und die Irische Sprache erlernte. Mit einem Stipendium konnte Heaney von 1957 bis 1961 das Fach Anglistik an der Queen’s University in Belfast studieren. Im Rahmen dieses Studiums beschäftigte Heaney sich ebenso mit der angelsächsischen Sprache und Literatur. Seine spätere Entwicklung und seine weiteren Fortschritte sowohl als Lyriker wie auch als Literaturwissenschaftler und Übersetzer wurden durch die in dieser Zeit erworbenen Grundlagenkenntnisse und Erfahrungen entscheidend mitgeprägt. Zu seinen Studienkollegen gehörten damals der spätere kanadische Schriftsteller George McWhirter und der spätere irische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Seamus Deane.

Nach dem Examen arbeitete Heaney als Lehrer an der St. Thomas Secondary School sowie am St. Joseph College in Belfast und ab 1966 als Dozent für moderne englische Literatur an der Queen’s University. Im Studienjahr 1970/71 übernahm er eine Gastdozentur an der University of California, Berkeley. Nach der von ihm ausgesprochenen Kündigung der Belfaster Universitätsstelle zog Heaney im Jahr 1972 mit seiner Familie in die Grafschaft Wicklow in der Republik Irland ins Glanmore Cottage, wo er viele seiner frühen Gedichte schrieb, und einige Jahre später 1976 nach Dublin, wo er als Dozent und Leiter der Englisch-Fakultät am Carysfort College, einem Seminar für die Lehrerausbildung, tätig war, bevor er nach einer Gastprofessur 1981 von 1985 bis 2006 eine Professur in Rhetorik an der Harvard University in den USA übernahm. Gleichzeitig war er von 1989 bis 1994 Professor of Poetry an der Universität Oxford. 1996 wurde er zum Mitglied der Royal Society of Literature gewählt. Er war zudem ab 1997 ein Saoi bei Aosdána, einer namhaften Vereinigung irischer Künstler.

Im Jahre 2000 wurde Heaney die Ehrendoktorwürde der University of Pennsylvania und im Jahre 2002 die der Rhodes-Universität verliehen.

Heaney, der ab 1972 überwiegend in der Republik Irland lebte, sah sich in seinem Selbstverständnis trotz seiner Geburt in Nordirland als Ire und nicht als Brite. Konsequenterweise lehnte er daher 1982 die Aufnahme seiner Gedichte in die von dem britischen Penguin Verlag publizierte Anthologie The Penguin Book of Contemporary British Poetry ab und begründete dies in einem offenen Brief 1983 folgendermaßen Be advised my passport’s green. No glass of ours was ever raised to toast the Queen. (deutsch sinngemäß: „Nehmen Sie zur Kenntnis, dass mein Pass grün [d. h. irisch] ist. Wir haben noch niemals ein Glas erhoben, um auf die [britische] Königin anzustoßen.“) Dabei sei sein Bezugspunkt in der irischen Geschichte, so Heaney, weniger der Osteraufstand von 1916 als die irische Rebellion von 1798, bei der sich nicht nur die Katholiken, sondern auch Protestanten gegen die Unterjochung durch die Briten erhoben hatten.

Heaney engagierte sich als Unterstützer der Bürgerinitiative Ireland for Europe für die Zustimmung Irlands zum Vertrag von Lissabon.

Seamus Heaney war mit der Lehrerin Marie Devlin verheiratet, die wie er selbst aus einer großen Familie stammte, zu der auch verschiedene Künstler und Literaten zählten. Mary Devlin, die neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin ebenso als Schriftstellerin und Herausgeberin, beispielsweise einer bedeutenden Sammlung klassischer irischer Mythen und Legenden (Over Nine Waves, 1994), wirkte, hatte maßgeblichen Einfluss auf das literarische Werk ihres Ehemannes und taucht direkt oder indirekt in zahlreichen seiner einzelnen Gedichten aus den verschiedenen Schaffensperioden auf. Das Ehepaar bekam zwei Söhne und eine Tochter.

Im August 2006 erlitt Heaney einen Schlaganfall, von dem er sich jedoch wieder erholte. Zu den Besuchern während seines Krankenaufenthaltes zählte der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton.

Heaney starb am 30. August 2013 in der Blackrock Clinic in Dublin im Alter von 74 Jahren nach kurzer Erkrankung als Folge eines Sturzes. Nach der Begräbnisfeier in Donnybrook in Dublin am 2. September 2013 wurde er am gleichen Tag auf dem Friedhof der St. Mary’s Church in seinem Geburtsort Bellaghy in Nordirland beigesetzt. Auf Heaneys Grabstein ist eine Zeile aus seinem 1992 entstandenen Gedicht The Gravel Walks eingraviert, die er selbst bereits in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1995 zitiert hatte: walk on air against your better judgement (deutsch sinngemäß: „lauf auf Wolken, obwohl du’s besser weißt“).

Literarisches und schriftstellerisches Werk

Heaney nahm bereits während seines Studiums an der Queen’s University in Belfast an regelmäßigen Treffen Belfaster Dichter unter der Leitung von Philip Hobsbaum, einem im englischsprachigen Raum durchaus renommierten Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler mit polnisch-jüdischen Wurzeln, teil und begann selbst Gedichte zu verfassen. Seine frühen Gedichte erschienen in Londoner und Belfaster Zeitschriften nach 1961. Die Veröffentlichung seiner ersten Gedichtsammlungen Death of a Naturalist (1966) und Door into the Dark (1969) begründeten seinen Ruf als zeitgenössischer Dichter. Vor allem seine erste lyrische Sammlung Death of a Naturalist brachte ihm nicht nur nationales Ansehen und eine Reihe von Preisen oder Auszeichnungen ein, sondern verschaffte ihm zugleich einen Bekanntheitsgrad über die Grenzen Irlands hinaus.

Seine Dichtung, in der er sich oft mit seinem Heimatland, mit dessen Geschichte, zum Teil auch mit irischen Sagen und Mythen befasst, war anfangs vor allem inspiriert von seiner Auffassung, dass irische Traditionen, bäuerliche Lebensweisen und Bodenständigkeit mit dem Verschwinden einer eigenen irischen Sprache ihre besondere Ausdrucksform verloren hätten und nunmehr in der speziellen Erfahrung einer fremden Sprache, dem Englischen, wieder zum Sprechen gebracht werden müssten. Sein vorrangiges Anliegen war es auf diesem Hintergrund, eine ursprüngliche oder heimische literarische Tradition Irlands wieder zu beleben oder neu zu begründen („to found or refound a native tradition“). Diese vorrangige Absicht konfrontierte Heaney als katholischen Iren jedoch mit dem grundsätzlichen Problem, das sein Landsmann Thomas Kinsella so beschrieb, dass ein irischer Dichter durch die Verwendung der englischen Sprache zwar Zugang zu der gesamten englischsprachigen Dichtung etwa von William Butler Yeats, T. S. Eliot oder Matthew Arnold bis hin zu William Wordsworth oder Alexander Pope habe, sich hierin jedoch nicht zu Hause fühle. Dieses Bewusstsein, dass die eigene Kultur durch eine fremde Sprache und Tradition überlagert und verdeckt ist, war für Heaney in besonderem Maße prägend. Aus seiner Sicht vertragen sich die Kultur und Sprache Irlands nicht mit den Idiomen und Einstellungen des Englischen; aus diesem Blickwinkel heraus entwarf er folgerichtig ein klar umrissenes poetologisches Programm, demzufolge die Beseitigung der Überformung und Überfremdung durch diese andere englische Tradition im Vordergrund zu stehen hat.

Dabei geht es für Heaney darum, die eigene Empfindungswelt und das eigene Bewusstsein von diesen Überlagerungen zu befreien, um ein Medium zu finden, das den Eigenarten der urwüchsigen heimischen Tradition entspricht, wenngleich es keine andere Ausdrucksform als die des Englischen gibt. Verstärkt durch die eigene Erfahrung des Lebens in einer politisch und religiös zutiefst gespaltenen irischen Gesellschaft voller Gewalt und Polarisierung sowie innerem Misstrauen, entwickelt Heaney konsequent sich selbst und seine poetische Sprache zum Mittel und Organ der Verwandlung der englischen in eine neue gemeinsame, genuin irische poetische Ausdrucksform.

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