Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika war die offizielle Bezeichnung der militärischen Formation, die das Deutsche Reich in seiner Kolonie Deutsch-Ostafrika unterhielt.
Während des Ersten Weltkriegs gelang der Schutztruppe auf dem ostafrikanischen Kriegsschauplatz eine langanhaltende Verteidigung der Kolonie gegen Entente-Truppen. Außerhalb der Kolonie konnte sie sich bis zum Kriegsende behaupten.
Die Schutztruppe wurde ab 1891 aus der sogenannten Wissmann-Truppe gebildet, die der Reichskommissar Hermann von Wissmann 1889 aus deutschen und afrikanischen Söldnern aufgestellt hatte, um damit den Widerstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung unter Führung von Buschiri bin Salim gegen die Herrschaftsansprüche der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) zu brechen.
Wissmann hatte im Auftrag der Reichsregierung zunächst im Februar 1889 61 deutsche Offiziere und Unteroffiziere angeworben und auf den Weg nach Sansibar gesandt. Er selber machte in Ägypten Station, wo er etwa 600 Soldaten anwarb. Die meisten von ihnen stammten aus sudanesischen Regimentern der angloägyptischen Armee, die damals gerade aufgelöst wurden. Auf sie wurden die ursprünglich osmanischen Rangbezeichnungen angewandt: Ombascha (Gefreiter), Schausch (Unteroffizier), Betschausch (Sergeant, Unterfeldwebel), Sol (Feldwebel) und Effendi (Offizier). Insgesamt wurde für die afrikanischen Soldaten der aus dem Arabischen stammende Begriff Askari gebraucht. Ebenfalls aus der osmanischen Tradition von Wissmanns Söldnern stammte der Tarbusch als Bestandteil der Uniform.
Eine zweite Gruppe von afrikanischen Söldnern in Wissmanns Truppe waren 100 Zulu, die im südlichen Mosambik durch Hans von Ramsay angeworben worden waren. Außerdem wurde eine kleine Gruppe von ostafrikanischen Askaris übernommen, die zuvor im Dienste der DOAG gestanden hatten.
Somit war eine in vielen Kolonialarmeen übliche Struktur angelegt: „weiße“ Offiziere und Unteroffiziere kommandierten „farbige“ Mannschaften. Einheimische Unteroffiziere ergänzten die Führung, ohne den deutschen Dienstgraden gleichgestellt zu sein. Wissmann hatte auch einige ehemalige ägyptisch-osmanische Offiziere angeworben, die den ebenfalls osmanischen Rang eines Effendi führten, unter ihnen ein Grieche und ein Armenier, die gleichwohl als „Farbige“ eingestuft und besoldet wurden. Sie galten deutschen Soldaten gegenüber nicht als Vorgesetzte. Da die bloße Existenz „farbiger“ Offiziere angesichts des Rassismus unter Deutschen irritierend wirkte, wurden vor dem Ersten Weltkrieg keine Anstellungen bzw. Beförderungen zum Effendi mehr vorgenommen. Die vorhandenen Effendis blieben bis zum Ende der jeweiligen Dienstzeit aktiv. Während des Weltkriegs wurden wieder Beförderungen zum Effendi ausgesprochen.
Nach Übernahme des „Schutzgebietes“ durch das Reich wurde per Reichsgesetz vom 22. März 1891 die Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika errichtet. Die bis dahin private Wissmanntruppe wurde in diese Schutztruppe übernommen und bildete anfangs ihren Kern. Zunächst war sie der Kaiserlichen Marine unterstellt, kam dann mit dem Schutztruppengesetz von 1896 aber unter die Aufsicht des Reichskolonialamtes.
Im folgenden Jahr wurden einige Einheiten als Polizeitruppe ausgewählt, die direkt den örtlichen Verwaltungsstellen zugeteilt wurden. 1894/95 wurde dann die Polizei von der Schutztruppe getrennt.
Anfangs hatten die ostafrikanischen Streitkräfte einen Umfang von 10 Kompanien. Die Truppe umfasste damals etwas über 1.600 Mann, davon 31 deutsche Offiziere und 42 Unteroffiziere, 12 „farbige“ Offiziere und 50 Unteroffiziere sowie ca. 1.500 Askaris. Hinzu kamen etwa 60 deutsche Offiziere und Beamte im Sanitäts- und Verwaltungsdienst.
Für die Ausrüstung der Schutztruppe wurden insgesamt ältere Waffen der Preußischen Armee wie das Mauser Modell 71 ausgegeben. Erst vor und mit Beginn des Ersten Weltkrieges liefen mit dem Gewehr 98 auch neue Handfeuerwaffen zu und die Truppe wurde mit Maschinengewehren und leichten Feldgeschützen ausgestattet.
Die Schutztruppe setzte in Kriegen gegen die Hehe (1891–1894) sowie gegen die Stämme im Süden der Kolonie während des sogenannten Maji-Maji-Aufstandes 1905 die Herrschaftsansprüche des Deutschen Reiches durch.
Im Kampf gegen die Hehe erlitt die Schutztruppe ihre erste Niederlage. Das Volk der Hehe im Hochland um Iringa dehnte seit den 1860er Jahren seinen Einflussbereich aus. Es hatte von den Sangu die Kampfweise der Zulu übernommen und war damit seinen Nachbarn militärisch überlegen. Als die Deutschen darangingen, das Hinterland der Küste unter ihre Kontrolle zu bringen, mussten sie mit dieser Macht zusammenstoßen. Da die Kolonialregierung die wichtige Karawanenroute von der Küste nach Ujiji am Tanganjikasee gefährdet sah, machte sich der erste Kommandeur der Schutztruppe, Emil von Zelewski, zur Unterwerfung der Hehe auf. Im Juli 1891 marschierte er mit seinem Bataillon der Schutztruppe, bestehend aus drei Kompanien mit 13 Offizieren, 320 Askaris, 170 Trägern sowie Maschinengewehren und leichten Feldgeschützen, von der Küste aus in Richtung Südwesten. Zelewski rechnete mit einer „Strafexpedition“, traf nur wenige Vorsichtsmaßnahmen und begann nach Erreichen des Hehelandes am 30. Juli mit dem Beschießen und Niederbrennen von Dörfern. Die Hehe unter ihrem Häuptling Mkwawa zogen 3000 Kämpfer zusammen und erwarteten die Schutztruppe in der Nähe des Ortes Lugalo (auch: Rugaro). Mit Zelewski an der Spitze marschierte die Kolonne mitten zwischen die gut getarnten Hehe, die im Gefecht bei Rugaro binnen zehn Minuten die koloniale Streitmacht auslöschten. Der Kommandeur starb inmitten seiner Leute. Lediglich vier deutschen Offizieren und Unteroffizieren, zwei Effendis und 62 Askaris gelang die Flucht.
Diese Niederlage war der Auftakt zu einem über drei Jahre währenden Buschkrieg, in dem die Schutztruppe unter dem neuen Kommandeur Friedrich von Schele mit überlegener Bewaffnung und vorsichtiger als beim ersten Mal die Boma Mkwawas stürmte und das Heheland mit der Taktik der verbrannten Erde überzog. Mkwawa konnte sich lange Zeit dem Zugriff entziehen, bis er sich am 19. Juli 1898, verwundet und eingeschlossen, von einem seiner letzten Krieger töten ließ.
Im Jahre 1905 kam es im Süden der Kolonie zu einer breiten Aufstandsbewegung gegen die deutsche Herrschaft. Die Schutztruppe konnte durch ihre moderne Waffentechnik die Angriffe der einheimischen Gegner abschlagen, die in der Schlacht bei Mahenge mit Vorderladern, Speeren und Pfeilen gegen Maschinengewehrstellungen anstürmten. Zur Verstärkung der Schutztruppe wurden 170 Marineinfanteristen aus Deutschland nach Ostafrika geschickt. Weiterhin griff die Schutztruppe auf Rugaruga-Hilfstruppen aus Volksgruppen zurück, die sich nicht am Aufstand beteiligten, etwa die Wahehe und Wayao.
Nachdem die Maji-Maji-Kämpfer zu einer Guerillataktik übergingen, überzog die Schutztruppe die betroffenen Landesteile mit systematischer Vernichtung von Dörfern und Brunnen sowie Wegnahme des Viehs, Abbrennen von Feldern und Lebensmittelspeichern. Damit konnten die Aufständischen ausgehungert und zur Aufgabe gezwungen werden. Die dadurch verursachte allgemeine Hungersnot kostete viele Menschen das Leben, Schätzungen sprechen von 100.000 bis 300.000 Toten.
Vorkriegsbestand der ostafrikanischen Schutztruppe
Vor Beginn des Ersten Weltkrieges war der Stellenplan der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika wie folgt:
2 Stabsoffiziere, 17 Hauptleute, 49 Oberleutnants und Leutnants, 42 Sanitätsoffiziere, 1 Intendanturrat, 2 Intendantursekretäre, 1 Zahlmeister, 8 Unterzahlmeister, 4 Oberfeuerwerker und Feuerwerker, 8 Waffenmeister, 60 Unteroffiziere, 66 Sanitätsunteroffiziere und 2.472 afrikanische Soldaten.