Schāh Walī Allāh Ahmad ibn ʿAbd ar-Rahīm ad-Dihlawī (Urdu شاہ ولی اللہ DMG Šāh Walīyullāh, arabisch شاه ولي الله أحمد بن عبد الرحيم الدهلوي, DMG Šāh Walī Allāh Aḥmad ibn ʿAbd ar-Raḥīm ad-Dihlawī, geb. 21. Februar 1703 in Phulat bei Muzaffarnagar; gest. 20. August 1762 in Delhi) war ein bedeutender islamischer Denker aus dem Indien des 18. Jahrhunderts. Er entstammte einer Gelehrtenfamilie in Delhi. Die Bedeutung von Schāh Walī Allāhs Denken liegt nach Marcia K. Hermansen in dem Versuch, konkurrierende intellektuelle Traditionen innerhalb des Islam zu synthetisieren, insbesondere die emanationistische Mystik und die „legalistische“ Ausrichtung des sunnitischen Islams. Einer der auffälligsten Punkte Schāh Walī Allāhs war, dass er, obwohl er ein reiner Theologe war, die Gesellschaft in soziologischen Begriffen betrachtete.
Heute wird er von allen großen religiösen Bewegungen im muslimischen Südasien als intellektueller Stammvater beansprucht.
Schāh Walī Allāhs Familie bestand sowohl aus bekannten Sufīs als auch Qadīs und Soldaten im Dienste der Mogulen. Sein Vater Schāh ʿAbd ar-Rahīm war Mitglied im Sufiorden der Chādscha Churd, Schāh Walī Allāh selbst trat 1718 in die Orden der Tschistiyya, Naqschbandiyya und die Qādiriyya ein.
Schāh Walī Allāh wurde primär zu Hause von seinem Vater unterrichtet. Nachdem er bereits mit sieben Jahren den Koran auswendig kannte, lernte er Arabisch und Persisch. Als er diese zwei Sprachen erlernt hatte, ging er an die Madrasa Rahīmīya, eine Schule, die von seinem Vater gegründet wurde. Sie zeichnete sich durch einen Fokus auf Hadīth, Theologie, Philosophie, Logik und muʿqallāt (rationale Wissenschaften) aus. Dadurch hob diese Schule sich von anderen Schulen der Zeit ab, wo in erster Linie munqallāt (traditionelle Wissenschaften wie Fiqh) gelehrt wurden. Nach dem Tod seines Vaters 1718 übernahm Schāh Walī Allāh die Leitung der Schule.
1730 vollzog er den Haddsch. Danach blieb er im Hedschas und studierte dort bei verschiedenen Gelehrten und kam mit vielen wichtigen islamischen Werken in Kontakt. Für sein weiteres Wirken war dieser Aufenthalt insofern wichtig, als er sein "kosmopolitisches" Gedankengut vertiefen konnte. 1733 kehrte er nach Delhi zurück. Danach verbrachte er mehr Zeit mit dem Verfassen von Werken als mit Lehren. 1761 trug er dazu bei, den Afghanen Ahmad Schah Durrani zu überzeugen, in Indien einzumarschieren und die Marathen-Armee in der Schlacht von Panipat zu besiegen.
Sich selbst beschrieb Schāh Walī Allāh in seiner Autobiographie al-ǧuzʾu l-laṭīf als jemanden, den Gott „zum Eröffner der letzten Periode der Zeit bis zum jüngsten Gericht gemacht hat“. Er betrachtete sich somit in schwierigen Zeiten in der Rolle dessen, der den Grundstein für folgende religiösen und intellektuellen Entwicklungen legt.
Schāh Walī Allāh hat viele Werke in Arabisch und Persisch verfasst. Auch erstellte er eine persische Koranübersetzung, um den Koran den gebildeten Muslimen näherzubringen.
Ḥuǧǧat Allāh al-Bāliġa („Das überzeugende Argument Gottes“) ist Schāh Walī Allāhs bekanntestes Werk und auch sein Hauptwerk. Er verfasste es in den Jahren nach seiner Rückkehr vom Haddsch in arabischer Sprache. Im Vorwort schreibt Schāh Walī Allāh, dass er mit der Abfassung des Werks einige Zeit gezögert habe, aber das Drängen eines seiner engsten Schüler, Muhammad ʿĀschiq von Phulat, ihn verlasst habe, das Projekt schließlich in Angriff zu nehmen. Der Titel des Werks verweist auf Sure 6:149, wo es heißt: „Gott hat das überzeugende Argument“ (wa-li-Lāhi l-ḥuǧǧa al-bāliġa). Der Autor erklärt die Wahl dieses Titels damit, dass dieser Koranvers auf das Geheimnis von Taklīf und jenseitiger Vergeltung sowie die Geheimnisse der offenbarten gesetzlichen Bestimmungen hinweise und seine Abhandlung ein daraus hervorgehender Zweig sei.
Im Vorwort beschreibt Schāh Walī Allāh sein Werk als einen Beitrag zur Wissenschaft von den Geheimnissen der Religion (ʿilm asrār ad-dīn), die seiner Meinung nach die subtilste der Hadith-Wissenschaften und würdigste der Scharia-Wissenschaften ist. Sie befasst sich mit den weisen Prinzipien und Gründen der Gebote (ḥikam al-aḥkām wa-limāyātuhā). Das Werk behandelt aber auch Themen wie Metaphysik, Politik, Finanzen und politische Ökonomie. Die Struktur des Werks lässt sich dabei als ein großer Trichter beschreiben, der von der metaphysischen Grundlage des Universums zur Bedeutung des Hadith führt.
Der erste Teil, der von den „universalen Grundsätzen“ (qawāʿid kullīya) handelt, „aus denen die in den religionsrechtlichen Urteilen berücksichtigten nützlichen Zwecke (maṣāliḥ) abgeleitet werden“, ist in sieben Einzeluntersuchungen mit insgesamt 81 Kapiteln gegliedert. In der ersten Untersuchung, die sich mit den Gründen des Taklīf und der Vergeltung befasst, behandelt Schāh Walī Allāh die kosmologischen Grundlagen seines Weltbilds, die „Welt der Formen“ (ʿālam al-miṯāl, siehe unten) und die himmlische Versammlung (al-malaʾ al-aʿlā). In einem weiteren Kapitel erklärt er, dass im Menschen zwei Kräfte wirken, eine Engelskraft und eine tierische Kraft. Außerdem greift er noch einmal den Titel des Werks auf und erklärt, dass Gott in seiner Schöpfung Zeichen (āyāt) habe, durch die der Betrachter darauf hingewiesen werde, dass Gott das überzeugende Argument dafür besitze, den Menschen religiöse Verpflichtungen aufzuerlegen. Die zweite Untersuchung ist der Art der Vergeltung im Diesseits und Jenseits gewidmet. Hier befasst sich Schāh Walī Allāh in einem eigenen Kapitel mit der Realität des Todes und erklärt, dass jede Form, ob mineralisch, pflanzlich, tierisch oder menschlich, ein eigenes individuelles Substrat (maṭīya) besitzt. Die dritte Untersuchung, die sich mit der Zivilisationsentwicklung befasst, stellt Schāh Walī Allāh vier grundlegende Stufen des menschlichen Fortschritts vor, für die er den Begriff irtifāqāt prägte. In einem Supplement, das vier Kapitel umfasst, befasst sich Schāh Walī Allāh mit der Frage des Dissenses unter muslimischen Rechtsgelehrten und den Arten des Idschtihād, die innerhalb des islamischen Rechtssystems noch immer existieren. Der zweite Teil des Werks befasst sich mit der Geheimnisse der Berichte über den Propheten, wobei die Hadithe thematisch entsprechend der Ordnung in den klassischen Hadith- und Fiqh-Werken angeordnet sind.
Ziel des Werks ist es, den Glauben des Islams auf eine starke Grundlage zu stellen, indem erklärt wird, dass den religiösen Gesetzen, die auf der idealen Konstitution der menschlichen Spezies basieren, nützliche Zwecke (maṣāliḥ) zugrunde liegen. Schāh Walī Allāh entwickelte in dem Werk aber auch seine revolutionäre Theorie des fakk kull niẓām („Zerlegung jeder Ordnung“).
Die ersten Ausgaben des Werks sind diejenigen von Bareilly 1868 und Kairo 1904-5. 1952/53 erstellte der prominente ägyptische Gelehrte al-Saiyid Sabiq eine Neuedition. In den 1950er Jahren wurde das Werk an der Azhar-Universität und im Sudan unterrichtet. Es wurde auch ins Urdu übersetzt. Marcia K. Hermansen übersetzte 1996 den ersten Band ins Englische. Bis heute erfreut sich das Buch großer Beliebtheit bei islamischen Reformern im arabischen Nahen Osten und in Süd- und Südostasien.
Fatḥ al-RaḥmānLange wurde angenommen, dass die erste Übersetzung des Korans auf Persisch aus Schāh Walī Allāhs Feder stammt. Die Wissenschaft ist sich zwar mittlerweile nicht mehr einig, ob es schon zuvor eine Übersetzung gab, nichtsdestotrotz gehört Fatḥ al-Raḥmān ("Der Sieg des Barmherzigen") zu den wichtigsten Werken Schāh Walī Allāhs.
al-Budūr al-bāziġa. In diesem Werk verfolgte Schāh Walī Allāh viele der in Ḥuǧǧat Allāh al-Bāliġa angeschnittenen Themen weiter. Allerdings bezieht es mehr mystische Philosophie ein und betont nicht das Studium der Hadithe.
Unterschied zu Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb
Laut dem Islamwissenschaftler Ahmad Dallal wird häufig fälschlicherweise angenommen, dass Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhābs (1703–1792) Ideen großen Einfluss auf Schāh Walī Allāh hatten. Vertreter dieser These würden damit argumentieren, dass diese Denker Taqlīd ablehnten und sowohl Idschtihād als auch Hadīth wiederbeleben wollten. Dies lehnt Dallas jedoch ab, da seiner Meinung diese Argumentationskette lediglich Studenten helfen soll, sich in der komplexen intellektuellen Welt des Islams zurechtzufinden. Zudem sei die Tatsache, dass beide bei Muhammad Hayā as-Sindī studierten, kein Beweis für ein und dasselbe Gedankengut. Dies sei höchstens ein Beweis für die Prominenz mancher Gelehrter. Für diese These spreche auch, dass as-Sindī seine Schüler vor ibn ʿAbd al-Wahhāb und seinen Ideen warnte.