Sarah Schumann (geboren 12. August 1933 in Berlin; gestorben 3. Juli 2019 ebenda) war eine deutsche Malerin und Zeichnerin. Sie blieb als Künstlerin autodidaktisch und erarbeitete seit den späten 1950er Jahren eine feministische Bildkritik mit Fotocollagen („Schockcollagen“) sowie frühe informelle Malereien.
Sarah Schumann war eine Tochter des Bildhauerpaares Dora und Kilian Schirmer. Sie förderten ihr künstlerische Talent, dennoch verließ Schumann im Alter von 15 Jahren das Elternhaus. Sie konzentrierte sich auf die Malerei und hatte 1953 ihre erste Einzelausstellung in der Zimmergalerie Franck in Frankfurt am Main. Schumann besuchte keine Kunstakademie und blieb Autodidaktin.
Während der 1950er Jahre reiste sie mit ihrem damaligen Ehemann, dem Kunsthändler Hans Brockstedt durch Europa und besuchte wichtige Museen und Sammlungen. Nach der Trennung von ihrem Mann lebte sie von 1960 bis 1963 in London und lernte die dortige Kunstszene intensiv kennen. Später zog sie im italienischen Piemont in die Villa Engadina. In London stellte sie im Institute of Contemporary Arts (ICA) aus und verkaufte ihre Arbeiten gut; 1963 zog sie wegen der Lebenshaltungskosten ins Piemont, wo sie ein sanierungsbedürftiges Haus erwarb und eine persönliche Krise durchlebte.
Schließlich kehrte sie 1968 nach Berlin zurück. Dort schloss sie sich der Frauengruppe „Brot + Rosen“ an. In der Zeit wirkte sie an drei Filmen der Regisseurin Helke Sander mit. 1977 gehörte sie zu den Initiatorinnen der Ausstellung Künstlerinnen international 1877–1977 in Frankfurt am Main, die erstmalig im Nachkriegsdeutschland bedeutende weibliche künstlerische Positionen präsentierte. Parallel publizierte sie eigene Texte und es entstanden erste große Frauenbildnisse. Ab 1968 wurde die Frauenbewegung zu ihrem wichtigsten Bezugsfeld; gemeinsam mit Helke Sander gründete sie die Gruppe Brot und Rosen, gestaltete 1972 das Cover des „Frauenhandbuch Nr. 1“ (spätere Auflage: 100.000) und entwarf zahlreiche Titelblätter für die Zeitschrift Frauen und Film. 1977 realisierte sie gemeinsam mit sechs Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen unter der Trägerschaft der neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK) die Ausstellung Künstlerinnen international 1877–1977; rund 1.000 Werke von 182 Künstlerinnen wurden zusammengetragen und die Schau gilt als Pionierleistung feministischer Geschichtsarbeit. Harun Farocki dokumentierte ihre Arbeitsweise im Film Ein Bild von Sarah Schumann, der 1978 im WDR ausgestrahlt wurde.
1977 wurde sie mit einem Stipendium für die Villa Massimo in Rom ausgezeichnet. Es folgten Studienaufenthalte für das Goethe-Institut in Indien und Kenia in den 1980er Jahren. Ab 1992 reiste sie für drei Jahre nach Moskau und arbeitete an ihrem ersten Zyklus Moskau. Erz + Körper, der 1994 in der Moskauer Galerie A3 ausgestellt wurde. Es folgten weitere Zyklen wie die Landschaftsbilder aus der Mark Brandenburg in den 1990er Jahren und Brücken über grün und blau sowie Berlin: Sparziergänge in einer Stadt in den 2000er Jahren.
Schumann arbeitete in Berlin-Charlottenburg und lebte bis zu deren Tod im Oktober 2017 mit ihrer Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Silvia Bovenschen, zusammen. Sie hat Bovenschen mehrfach porträtiert, und Bovenschen hat im Laufe der Jahre mehrere Texte über Schumann verfasst.
Das Städel Museum in Frankfurt zählt Sarah Schumann im Oral History Projekt „Café Deutschland“ zu den 70 wichtigsten Protagonisten der ersten Kunstszene in der BRD.
Sarah Schumann starb im Juli 2019 im Alter von 85 Jahren in Berlin.
Schumann gilt als eine wichtige Vertreterin der Nachkriegsmoderne und setzt sich in ihren figurativen Arbeiten und Frauenbildnissen mit den signifikanten Begriffen „Schrecken und Schönheit“ auseinander.
In den Anfängen ist Schumanns Werk durch den Surrealismus inspiriert, später entwickelt sie eine einprägsame Bildsprache, die ihre geheimnisvollen Landschaftsmalereien und Porträts kennzeichnet. Bereits die frühen „Schock-Collagen“ der 1950er Jahre reflektieren ihre Kindheit im Zweiten Weltkrieg und Jugenderlebnisse in der Nachkriegszeit. Ihre poetischen Bilder fangen den Blick auf die menschliche Existenz und ihre Umgebung ein.
Auch ihre internationale Reisetätigkeit in Europa, Russland, Afrika und Indien spiegelt sich in der Motivwahl ihrer Werke. Darunter London, wo informelle Bilder, Materialcollagen, Illustrationen (z. B. zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“) und erste „Monroe-Darstellungen“ entstehen. Sowie Arbeit an pastellfarbenen Eitemperamalereien, Collagen mit eigenen Fotografien, Buchumschläge für italienische Verlage während des Aufenthalts in Italien.
Schumanns Auseinandersetzung mit Weiblichkeitskonstruktionen setzte bereits im Frühwerk ein; in den 1950er Jahren entstanden erste abstrakte Gemälde im Zeichen des Informel. Gleichzeitig fertigte sie in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren Fotocollagen an, für die sich auf dem Kunstmarkt die Bezeichnung „Schockcollagen“ etabliert hat. Die Motive entstammen dem Zeitgeschehen – von Autounfällen und Trümmerlandschaften über Soldaten und Erschießungskommandos bis hin zu Anspielungen auf den Vietnamkrieg und die verdrängte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Dazwischen stehen Pin-ups, Filmstars und antike Skulpturen; immer wieder tauchen Marilyn Monroe und die Mona Lisa als Bildzitate auf. Schumanns ambige, traumartige Bilder verhandeln so Höhenflüge und Abgründe der menschlichen Existenz und durchziehen ihre fortwährende Auseinandersetzung mit dem tradierten „Bild der Frau“ wie ein roter Faden. In den 1970er Jahren rücken ihre Zeitgenossinnen als Protagonistinnen in den Mittelpunkt, darunter Helke Sander, Silvia Bovenschen, die Schriftstellerin Iris Wagner, die Historikerin Marianne Herzog sowie die Künstlerinnen Evelyn Kuwertz und Ursula Lefkes. Schere und Messer fungieren in diesen Arbeiten als Mittel der Bildkritik und als emanzipatorische Werkzeuge der Collage. In der Rezeption galt Schumanns Malerei lange manchen als „zu weiblich“, während zugleich innerhalb feministischer Debatten eine Skepsis gegenüber der „rosa“ Ästhetik artikuliert wurde; jüngere Bewertungen sehen ihre Position als wiederzuentdeckende, prominente Stimme feministischer Kunstgeschichte.
Rezeption und Wiederentdeckung
Ein Großteil des Frühwerks galt lange als verschollen: Viele Arbeiten lagerten über Jahre auf dem Dachboden ihres früheren Ehemanns Hans Brockstedt; nach einer Präsentation im Hamburger Kunstverein 1983 gelangten sie erneut in den Speicher. Im Nachlass Brockstedts entdeckte der Verleger und Ausstellungsmacher Christoph Keller das Konvolut; rund 60 Collagen und 15 Gemälde wurden daraufhin zu einer quasi-musealen Ausstellung in der Berliner Galerie Meyer Riegger zusammengeführt, die Arbeiten sind dort nicht verkäuflich. Zeitgleich wurden Schumanns frühe informelle Gemälde 2025 in der Ausstellung „InformELLE. Künstlerinnen der 1950er/60er Jahre“ im Emil Schumacher Museum Hagen präsentiert.
1953: Zimmergalerie Franck, Frankfurt am Main
1963: Institute of Contemporary Art, London (UK)
1965: Haus am Lützowplatz, Berlin
1983: Sarah Schumann: Bilder, Collagen, Druckgrafiken; Arbeiten aus den Jahren 1958–1982. Kunstverein Hamburg