Santiago Ziesmer (* 25. Juli 1953 in Madrid, Spanien) ist ein deutscher Schauspieler, Synchron-, Hörbuch- und Hörspielsprecher, Sänger und Webvideoproduzent spanischer Herkunft. Im Bereich der Filmsynchronisation ist Ziesmer vor allem als Stimme komödiantisch geprägter Figuren aus Real- und Zeichentrickproduktionen (u. a. Steve Urkel, SpongeBob Schwammkopf) bekannt.
Santiago Ziesmer wurde als jüngstes von drei Kindern einer deutschen Mutter und eines spanischen Vaters in Madrid geboren. 1954 zog die Familie nach West-Berlin. Dort sang Ziesmer im Staats- und Domchor und wurde in Standardtanz ausgebildet. 1963 von Regisseur Herbert Ballmann entdeckt, der in Berliner Schulen auf der Suche nach Kinderdarstellern war, übernahm Ziesmer im Alter von zehn Jahren in der Zenit-Filmproduktion Alle Loks pfeifen für Jan neben Margot Trooger seine erste Fernsehhauptrolle als gelähmter Knabe. Mitte der 1960er Jahre engagierte ihn Peter Trabold für die vom Südwestfunk produzierten Märchenverfilmungen Der falsche Prinz und Saids Schicksale, 1968 verkörperte er die Rolle des Jungen im Fiebertraum in Klaus Kirschners Mein Kapitän ist tot aus der ZDF-Reihe Das kleine Fernsehspiel. Über Verbindungen zu Kurt Vethake wurde er ab 1967 zudem in kommerziellen Kinder- und Jugendhörspielproduktionen eingesetzt, darunter in Die Schatzinsel, Die Kinder des Kapitän Grant und Die Brüder Löwenherz. Während dieser Zeit führte er den Namen Jago Ziesmer. Nach Erlangen der Mittleren Reife an der Otto-von-Guericke-Realschule in Berlin-Wilmersdorf im Jahr 1970 absolvierte Ziesmer zunächst eine Friseurlehre, die er mit der Gesellenprüfung abschloss. Ab 1972 ließ er sich im Schauspielstudio Hanny Herter in Berlin zum Schauspieler ausbilden und legte 1975 vor der Paritätischen Kommission die Bühnenreifeprüfung ab.
Berliner Kammerspiele und Hansa-Theater
Von 1973 bis 1987 agierte Santiago Ziesmer an den Berliner Kammerspielen im Theater der Jugend. Sein dortiges Rollenrepertoire umfasste Titelfiguren in Klassikern der Kinderliteratur wie Kalle Blomquist, Huckleberry Finn, Der kleine Muck, Die unendliche Geschichte und Aladin sowie Figuren aus literarischen Dramen, darunter Leon im Lustspiel Weh dem, der lügt! von Franz Grillparzer (1976), der Idiot in Max Frischs Drama Andorra (1980er) sowie Hauptrollen in Publikumsbeschimpfung von Peter Handke (1985) und in der Theateradaption der Oscar-Wilde-Erzählung Das Gespenst von Canterville. Von 1976 bis 2002 trat Ziesmer zudem als Gastschauspieler am Hansa-Theater in Volksstücken mit Berliner Dialekt auf, unter anderem als Don Pietro in Don Camillo und Peppone (1993), als Kriminalbeamter Harry in Keen Dilemma ohne Emma (1999) und als Konrad in Eine Frau mit zwei Männern (2002).
Während der Salzburger Festspiele 1978 stand Ziesmer als Cherubin in Beaumarchais Komödie Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit neben Klaus Maria Brandauer auf der Bühne, im Rahmen der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel als Kinderbuchfigur Pinocchio. Aufgrund des dortigen Publikumszuspruchs wurde er im Folgejahr für vier weitere Produktionen engagiert, unter anderem in Katharina Knie von Carl Zuckmayer und in Der Räuber Hotzenplotz nach Otfried Preußler. Anlässlich der Calderón-Festspiele in der Alten Hofhaltung in Bamberg verkörperte er Dauphin Karl in George Bernard Shaws Drama Die heilige Johanna und gastierte im Rahmen der Berliner Jedermann-Festspiele von 1989 bis 1992 als dünner Vetter in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. 2005 nahm er diese Rolle nach dreizehnjähriger Unterbrechung im Berliner Dom wieder auf.
Weitere Bühnenstationen und Tourneen
Weitere Stationen seines schauspielerischen Wirkens bildeten unter anderem die Kammerspiele des Schauspielhauses Bochum, das Grenzlandtheater Aachen und die Komödie im Marquardt in Stuttgart. An der Berliner Tribüne stellte er in Carl Sternheims Die Hose Friseur Mandelstam dar und führte als Conférencier durch die Revue Unsere Republik, die Musik aus mehreren Jahrzehnten präsentierte. An der Freilichtbühne an der Zitadelle hatte er in Charleys Tante die Titelrolle inne.
2002 trat Ziesmer in Franz Wittenbrinks Liederabend Männer am Theater am Kurfürstendamm auf und bestritt mit dem Ensemble eine bundesweite Tournee. 2006 agierte er an selbiger Bühne neben Edith Hancke in Mutter Gräbert macht Theater unter der Regie von Klaus Sonnenschein, 2007 folgte Dieter Hallervordens Komödie Die Nervensäge im Kabarett-Theater Die Wühlmäuse. Santiago Ziesmer wirkt seit der Premiere der Theaterversion von Arsen und Spitzenhäubchen, inszeniert von Regisseur Ottokar Runze, am 24. Februar 2011 im Schlossparktheater in Berlin-Steglitz in der Rolle des Dr. Hermann Einstein mit.
Parallel zu seiner Tätigkeit am Theater trat Ziesmer nach Abschluss seiner Schauspielausbildung in mehreren Film- und Fernsehproduktionen auf, unter anderem als junger Mozart in dem mit dem Filmband in Silber ausgezeichneten Dokumentar-Spielfilm Mozart – Aufzeichnungen einer Jugend unter der Regie von Klaus Kirschner (1975) und als entstellter Soldat in Sonntagskinder von Michael Verhoeven (1980). Rita-Maria Nowotny besetzte ihn 1984 als bösen Zauberer Gritzegrimm in dem Märchenfilm Schneeweißchen und Rosenrot. Gastrollen übernahm er unter anderem in Drei Damen vom Grill (1985), Hals über Kopf (1986), Praxis Bülowbogen (1987) und Schloss Einstein (2002). 1989 stellte Ziesmer die wiederkehrende Rolle des Stallburschen Ludger in Rivalen der Rennbahn (1989) dar, von 1998 bis 2000 schloss sich eine weitere feste Nebenrolle in der RTL-Produktion Hinter Gittern – Der Frauenknast an, in der er Professor Gregor Wünsche verkörperte. 2015 synchronisierte er Billy den Kobold im Film Zwischen Himmel und hier. Im Oktober 2019 wurde der Eric-Hordes-Film Trolls World – Voll vertrollt! veröffentlicht. Ziesmer spielt darin den Ehemann von Cecilia Pillado.
Im Bereich der Filmsynchronisation ist Ziesmer einem breiten Publikum vor allem als Stimme komödiantisch geprägter oder skurriler Figuren aus Real- und Zeichentrickproduktionen bekannt. So synchronisierte er beispielsweise die Rolle des kleinen Römers Caligula Minus in der Neusynchronisation des Zeichentrickklassikers Asterix der Gallier (1967), der sich als Gallier ausgeben muss, um an das Geheimnis ihrer Stärke zu gelangen. Während der 1980er Jahre synchronisierte er verstärkt Schauspieler in Teeniefilmen von John Hughes, darunter Matthew Broderick in Ferris macht blau (1986) und Anthony Michael Hall in Der Frühstücksclub (1985) und L.I.S.A. – Der helle Wahnsinn (1985). 1985 wählte ihn Peter Bogdanovich als deutsche Stimme für Eric Stoltz in der Rolle eines an Gesichtsdysplasie Erkrankten in Die Maske aus, 1999 entschied sich Pedro Almodóvar für seine Besetzung als Stimme für Antonia San Juan, der Transfrau in Alles über meine Mutter. Seit Barton Fink (1991) wird Santiago Ziesmer häufig für die Synchronisation des US-amerikanischen Schauspielers Steve Buscemi engagiert, darunter in Flucht aus L.A. (1996), Con Air (1997) und Armageddon (1998). Darüber hinaus lieh er seine Stimme Darstellern wie Bruno Kirby in Good Morning, Vietnam (1987) und Jim Carroll (1995), Sean Astin in Boy Soldiers (1991), Rob Schneider in Judge Dredd (1995), Alan Cumming in James Bond 007 – GoldenEye (1995), kleinwüchsigen Akteuren wie Warwick Davis in Gullivers Reisen (1996) und Verne Troyer in Das Kabinett des Doktor Parnassus (2008) sowie Figuren in Zeichentrickproduktionen wie Lefou in Die Schöne und das Biest (1991), Gazzim in Aladdin (1992) und dem Pfefferkuchenmann in allen bislang erschienenen Filmen der Shrek-Reihe. Eine der jüngsten Arbeiten von Ziesmer ist die Nachvertonung der Figur des Wucherers in Faust vom russischen Regisseur Alexander Sokurow; der Film wurde 2011 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.
In der Reihe In einem Land vor unserer Zeit wirkte er u. a. in den deutschsprachigen Versionen der Teile 7 (Der geheimnisvolle Zauberstein; Rinkus) und 11 (Das Geheimnis der kleinen Saurier; Skitter) mit.
Zusätzlich sprach Santiago Ziesmer eine kleine Nebenrolle des rosaroten Plüschhäschens Oliver in UglyDolls von 2019.