Samuel Spier (geb. 4. April 1838 in Alsfeld; gest. 9. November 1903 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Lehrer, Internatsdirektor, Privatgelehrter sowie als Politiker ein Kämpfer für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Zwischen 1867 und 1871 zählte er zu den einflussreichsten Vertretern der frühen deutschen Sozialdemokratie. Er bereitete den Eisenacher Kongress maßgeblich mit vor, auf dem die SDAP, Vorläuferin der SPD, gegründet wurde, beeinflusste das dort verabschiedete Programm in erheblichem Maße und wurde der erste De-facto-Vorsitzende des Parteiausschusses und damit der neugegründeten Partei.
Der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie besuchte in seinem Geburtsort zunächst die Grundschule, dann eine Privatschule, 1852 das Gymnasium in Gießen und ab 1855 das in Büdingen, wo er 1856 das Abitur als zweitbester Schüler seines Jahrgangs nach seinem Klassenkameraden Adolf Calmberg erlangte. Anschließend studierte er in Gießen Philosophie und Naturwissenschaften für das Lehramt. 1862 trat Spier eine Stelle als Lehrer am Brüsselschen Institut, einer höheren Handelsschule für Knaben mit Internat, in Segnitz bei Würzburg an.
Im Herbst 1864 wechselte Spier als „erster Lehrer“ an die Samsonschule nach Wolfenbüttel. Diese Schule war, wie das Segnitzer Internat, eine modern ausgerichtete jüdische Lehranstalt. Man strebte nach einem gleichberechtigten Zusammenleben mit dem christlichen Umfeld. Dieses geistige Klima kam Spier sehr entgegen. Er war Mitglied im Verband Freireligiöser und trat für Toleranz und religiöse Freizügigkeit ein. Theologen wollte er aus den Schulämtern verbannt wissen.
Nach Jahren der politischen Aktivität von Wolfenbüttel aus ging er 1872 zurück nach Segnitz in eine Art Exil, offiziell war er seit 1871 auch in Frankfurt gemeldet.
Samuel Spier war verheiratet mit der ebenfalls jüdischen, freidenkenden Schriftstellerin und Kunstkritikerin Anna Spier, geborene Kaufmann (* 16. Juli 1852 Frankenthal in der Pfalz; † 28. Dezember 1933 Göttingen), die er am 16. September 1872 in Segnitz in einer schlichten zivilen Trauung geheiratet hatte. Anna Spier, die ebenso wie ihr Mann mit zahlreichen Künstlern und Persönlichkeiten wie Ludwig Pfau, Hans Thoma, Franz von Lenbach, Edgar Hanfstaengl, Elly Heuss-Knapp sowie besonders mit dem Ehepaar Helene Böhlau/Friedrich Arnd befreundet war, heiratete sieben Jahre nach dem Tode von Samuel Spier, am 24. August 1910, in zweiter Ehe den bedeutenden Mediziner und Chemiker Erich Meyer (1874–1927), der nacheinander in Straßburg, München und Göttingen Kliniken leitete und unter anderem für seine Forschungen über die Diurese und als Herausgeber wichtiger medizinischer Fachliteratur wie Mikroskopie und Chemie am Krankenbett und Therapeutische Halbmonatshefte bekannt ist.
Samuel Spier hatte drei Kinder mit Anna, die alle in Segnitz geboren wurden: Die am 3. November 1873 geborene Maria Sara starb am 16. April 1875 und wurde auf dem jüdischen Friedhof zu Heidingsfeld beerdigt. Der einzige Sohn Oscar Benedict kam am 29. März 1875 zur Welt und wurde Rechtsanwalt (1940 in Frankfurt von den Nazis in den Tod getrieben). Die Tochter, Else Caroline, geboren am 14. November 1876, zog am 1. April 1905 von Frankfurt nach Falkenstein, und starb nach Auskunft des Amtsgerichts (Nachlassgericht) Frankfurt am Main am 27. April 1921 in Göttingen.
Spier ist liberal und demokratisch beeinflusst aufgewachsen. Sein Vater galt als Anhänger der 1848er Demokratiebewegung. Samuel Spiers Schuldirektor in Büdingen, Georg Thudichum (dieser war seinerseits ein Schüler Friedrich Gottlieb Welckers), war ein liberaler Politiker. Auch sein erster Chef, Simon Louis Eichenberg, der Direktor des Brüsselschen Instituts in Segnitz und in dieser Funktion auch Spiers Vorgänger, war fortschrittlich orientiert.
Spier hatte Kontakt zu dem Ökonomen Hermann Schulze-Delitzsch (1808–1883), den er bereits 1863 und 1865 getroffen und am 9. August 1866 in einem launigen Artikel für das Braunschweiger Tageblatt humorvoll beschrieben hatte. Spier besuchte Kongresse der Liberalen und korrespondierte mit verschiedenen bedeutenden Vertretern aus dem Lager des liberalen Bürgertums. Er schrieb zahlreiche Artikel in dieser Zeit, die er alle mit dem Kürzel Sp. unterzeichnete. (Quelle: Hensel, Gatt-Rutter: Svevo-Spier 1996, 61 ff., 278.)
Politisch ambitioniert und Anhänger des deutschen Nationalvereins kam Samuel Spier 26-jährig nach Wolfenbüttel. „Ich lege auf demokratische Einrichtungen … Gewicht“, ist hier eine seiner ersten belegten politischen Aussagen. Spier schrieb für das liberale Braunschweiger Tageblatt. Ganz im Geiste des Nationalliberalismus engagierte er sich in Wolfenbüttel im Gewerbeverein und im pädagogischen Verein. In Bezug auf die sich immer schärfer abzeichnenden sozialen Nöte der Arbeiterschaft vertrat er die linksliberale Position der Selbsthilfe. Volksbildung war für Spier ein Beitrag zur Selbsthilfe und so gehörte er 1865 in Wolfenbüttel zu den Mitbegründern eines Arbeiterbildungsvereins.
Die Auseinandersetzung mit den Thesen Lassalles ließ Spier in seiner bisherigen Anschauung ins Wanken geraten. Beim Lesen Lassallescher Schriften gewann er nach eigenem Bekunden den Eindruck, „dass der Socialismus doch nicht blos eitel Narrheit und Unsinn sei, wie es gewöhnlich in den National-Liberalen-Blättern dargestellt wird.“
Am 21. Juni 1867 organisierte die Braunschweiger Ortsgruppe des Lassalleschen ADAV einen Arbeitertag. Spier nahm als Vertreter des Wolfenbütteler Arbeiterbildungsvereins daran teil und erlebt hier eine Ansprache des Kaufmanns Wilhelm Bracke (1842–1880).
Das Erlebnis des Arbeitertages und insbesondere der mitreißende Auftritt Brackes wandelten Spier endgültig vom Nationalliberalen zum Anhänger der Lassalleschen Ideologie. Noch auf der Versammlung trat er dem ADAV bei. In Wolfenbüttel rief er umgehend eine Ortsgruppe des ADAV ins Leben.
Die innerhalb kürzester Zeit entwickelten Aktivitäten Spiers waren so beeindruckend, dass man ihn in Wolfenbüttel zum Kandidaten für die anstehenden Wahlen zur Versammlung des Norddeutschen Bundes küren wollte. Dies lehnte Samuel Spier jedoch mit der Begründung ab, er gehöre erst kurze Zeit dem ADAV an und könne noch nicht absehen, ob er seine Meinung beibehalten werde.
Spier gewann immer stärken Einfluss auf das Erscheinungsbild des ADAV und avancierte zu einem der heftigsten Kritiker des damaligen ADAV-Vorsitzenden Johann Baptist von Schweitzer. In immer schärferer Form übte er Kritik an undemokratischen Strukturen des ADAV und dem Führungsstil Schweitzers.
Diese Kritik trug Spier zu Ostern 1869 in Elberfeld öffentlich auf der Generalversammlung des ADAV vor. Von Schweitzer gab scheinbar nach und willigte in Änderungen der Organisationsstatuten und Beschneidungen seiner Kompetenzen ein. Als v. Schweitzer dann aber kurze Zeit darauf die Veränderungen in seiner kritisierten, selbstgerechten Art wieder zurücknahm – die Oppositionellen sprachen damals von „Staatsstreich“ –, kam es zum offenen Bruch.
Am 22. Juni 1869 trafen sich die ADAV-Führer Julius Bremer, Theodor Yorck, Bracke und Samuel Spier mit den Führern der Sächsischen Volkspartei, Wilhelm Liebknecht und August Bebel, „in einem Gasthaus dritter Güte in Magdeburg“ (Bebel) zur Vorbereitung der wenige Wochen später in Eisenach mit der Gründung der Socialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands vollendeten Trennung vom ADAV.
Das Programm der SDAP trägt in vielen Bereichen die Handschrift Spiers. 15 im Versammlungsprotokoll vermerkte Redebeiträge dokumentieren, wie sehr er auf die Formulierungen der Parteistatuten Einfluss genommen hat. Bis heute wirkt die von Spier geforderte und auch durchgesetzte demokratische innere Parteistruktur nach. Ganz im Sinne Spiers wurde im Eisenacher Programm auch die Forderung nach einer allgemeinen Grundbildung und der Zugang zu höheren Schulen ohne Einschränkung des Standes festgeschrieben.
Auf Vorschlag von Wilhelm Liebknecht bestimmte man in Eisenach Braunschweig-Wolfenbüttel gegen die ebenfalls vorgeschlagenen Orte Leipzig, Hamburg und Wien zum Sitz des Parteiausschusses sowie Hamburg in der Person von August Geib zum Sitz der Kontrollkommission. Liebknechts Begründung war, dass Braunschweig-Wolfenbüttel „vortrefflich im Centrum der Bewegung“ liege und sich die dortigen Parteiführer – Bracke und Spier – trotz großer Prinzipientreue „nach keiner Seite Feindschaft zugezogen haben“. Liebknecht betonte ausdrücklich, dass weder er noch Bebel die Führung der Partei anstrebe. Damit war eine Dreiteilung der Macht klar festgelegt, durch die man Vorkommnisse – wie zuletzt beim ADAV – von vornherein ausschließen wollte. Offizieller Vorsitzender des Ausschusses war zwar zunächst Heinrich Ehlers, ein Braunschweiger Freund Brackes, später ein 40-jähriger Leipziger Schneidergeselle namens Carl Kühn, über den ansonsten nichts überliefert ist und der auch – außer als Mitangeklagter im Braunschweiger Sozialistenprozess 1871 – nie in Erscheinung trat, aber die nun noch stärker exponierten wirklichen Führer Bracke und Spier wenigstens teilweise aus der politischen Schusslinie hielt. [Quelle und Zitate Liebknechts nach Eckert, 100 Jahre, 100 f. – siehe auch das Kapitel „An der Spitze der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“, 103 ff.]