Samuel Joseph Agnon (hebräisch שמואל יוסף עגנון Schmuel Joseph Agnon, auch Schai (Shai) Agnon, als Autor meist S. J. Agnon; * 8. August 1887 in Butschatsch, Galizien, Österreich-Ungarn, als Samuel Josef Czaczkes; † 17. Februar 1970 in Rechovot, Israel) war ein hebräischer Schriftsteller. Seine Werke spiegeln eine tiefe Verwurzelung in den religiösen und geistigen Traditionen der Chassidim und dem Alltag des Ostjudentums wider und sind in ihrer Darstellung von Angst und Schutzlosigkeit den Arbeiten von Kafka vergleichbar. 1966 erhielt er zusammen mit Nelly Sachs als erster moderner hebräischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur „für seine tiefgründige charakteristische Erzählkunst mit Motiven aus dem jüdischen Volk.“
Jugend in Galizien, Auswanderung nach Palästina
Agnon wuchs in einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Schriftgelehrtenfamilie in Galizien auf, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Sein Vater Mordechai Czaczkes war Pelzhändler und chassidischer Rabbiner, und der Sohn erhielt durch ihn und die Talmudschule die klassische jüdische Gelehrtenausbildung; über seine Mutter Esther lernte er die deutsche Literatur kennen. Erste Gedichte, geschrieben auf Jiddisch und Hebräisch, veröffentlichte Agnon mit 15 Jahren in lokalen Zeitungen. Er besuchte vorübergehend ein Lehrerseminar und arbeitete mit 18 Jahren bei einer Zeitung in Lemberg. Bereits früh hatte er sich der zionistischen Bewegung angeschlossen und übersiedelte mit Zwischenaufenthalten in Krakau und Wien als Teilnehmer der zweiten jüdischen Immigrationswelle (Alija) nach Palästina, wo er im Juni 1908 den Hafen von Jaffa erreichte.
Zunächst lebte Agnon in Jaffa und arbeitete als Sekretär bei verschiedenen Organisationen, u. a. einem Verein für Rechtshilfe und dem jüdischen Rat. „Seine erste Erzählung […], ein sehr lyrisches und melancholisches Stück mit dem Titel »Agunot« (»Verlassene Seelen«) steht noch heute als ein klassisches Stück phantasievoller Prosa da.“ Er veröffentlichte erstmals unter dem Pseudonym Agnon („der Gebundene“), das er erst 1924 – auf Drängen seines Freundes Gershom Sholem – als offiziellen Nachnamen annahm. Als Chaim Nachman Bialik 1909 von seinem Wohnsitz Odessa aus Palästina besuchte, traf er dort mit Agnon zusammen.
1912 erschien Agnons erstes Buch Und das Krumme wird gerade, zunächst in Fortsetzungen in der Wochenzeitschrift der sozialistischen Gruppe HaPoel HaZair, die von Tolstoi und den russischen Narodniki beeinflusst war. In einem traditionellen chassidischen Rahmen wird die Geschichte von Enoch Arden variiert: „Sie ist nicht geradezu in dem Stil der alten Andachtsbücher geschrieben, wohl aber in dem Stil, den deren Autoren, falls sie große Künstler gewesen wären, benutzt hätten.“ Josef Chaim Brenner erkannte als erster Agnons Begabung und unterstützte die Veröffentlichung als Buch auch finanziell. „Für Brenner stellte es das erste Werk profaner hebräischer Literatur dar, wo jüdische Tradition ein reines künstlerisches Medium geworden war und nicht mehr von kunstfremden Faktoren wie Kritik oder Apologetik der jüdischen Gesellschaft bestimmt wurde.“
1912 reiste Agnon mit Unterstützung des Leiters des Palästinaamtes, Arthur Ruppin nach Deutschland, wo er zunächst durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges an einer Heimreise gehindert war. Er hielt sich zunächst in Berlin auf, wo damals Salman Schasar und David Shimoni studierten und zu seinem Bekanntenkreis gehörten. Während Micha Josef Berdyczewski jeden Kontakt mit Agnon brüsk ablehnte, war Martin Buber, der den jungen Autor kurz nach dessen Ankunft auch persönlich kennengelernt hatte, von ihm sehr angetan: „Agnon hat die Weihe zu den Dingen des jüdischen Lebens. Er ist berufen, ein Dichter und Chronist des jüdischen Lebens zu werden; des einen, das heute stirbt und sich verwandelt, aber auch des anderen, werdenden, unbekannten.“
In Berlin „lebte er während des Ersten Weltkrieges großenteils von seiner Arbeit als literarischer Ratgeber des »Jüdischen Verlags« des Dr. Aron Eliasberg, der Agnon besonders gern hatte“. In diesem Verlag erschien 1916 in der von Leo Herrmann herausgegebenen Sammelschrift Treue („die für die jungen Zionisten bestimmt war, die im Felde standen“) erstmals ein großes Stück von Und das Krumme wird gerade in deutscher Übersetzung.
Gershom Scholem, der den jungen Autor damals bei dessen ersten Übersetzer Max Strauß kennenlernte, erinnert sich: „Agnon war von einer Aura von Einsamkeit und nicht wenig Weltschmerz umgeben, einer zarten Melancholie, wie sie empfindsamen jungen Menschen anstand. Er schrieb damals viele Gedichte, über denen ein Geist unendlicher Vereinsamung hing. … Sie sind alle verbrannt. … Andererseits konnte man Agnon oft in der Gesellschaft junger Männer und Mädchen finden. Er suchte aus sich herauszutreten. Nicht immer gelang ihm das, und er saß dann oft schweigend dabei, wenn er sich aber in ein Gespräch einschaltete, floß er von alten Geschichten, Anekdoten und Worten der alten Weisen über, und wir, junge Juden mit deutscher Erziehung, waren von ihm bezaubert. Natürlich sprachen wir damals deutsch mit ihm, wenn auch Agnons Deutsch einigermaßen eigenartig war, mit galizischem Akzent und im Tonfall chassidischer Anekdoten.“
In Berlin traf Agnon auch auf einen Mäzen, den jüdischen Kaufmann Salman Schocken, der zunächst in Zwickau und später auch in anderen deutschen Städten Warenhäuser betrieb. Es „fand sich in Schocken ein Mann, der einen jungen Schriftsteller unter seine Obhut nahm und in einem Maße förderte und unterstützte, das – zumindest im Hinblick auf die hebräische Literatur des 20. Jahrhunderts – keine Parallele kennt.“ Für Schocken „war die Unterstützung Agnons ein integraler Teil der von ihm vertretenen Kulturpolitik, die letztlich der Förderung der modernen hebräischen Literatur diente, die seiner Meinung nach ein integraler Bestandteil der Wiederbelebung jüdischer Kultur war.“
Agnon lebte frei von materiellen Sorgen als Schriftsteller und Herausgeber und schrieb zahlreiche Erzählungen. Er erzählt „orientalisch, das heißt nicht straff, auf Spannung aus, inhalts- und zielbezogen, sondern bewusst langsam, sich in Nebengeschichten verzweigend und am Vorgang des lebendigen Erzählens orientiert“.
Unmittelbar nach Kriegsende 1918 erschien Und das Krumme wird gerade in deutscher Übersetzung von Max Strauß. Das Buch war sehr erfolgreich und wurde auch wohlwollend kritisiert, vor allem in der deutsch-jüdischen Presse. Max Brod sah in Agnon einen gesamteuropäischen Künstler und stellte ihn neben Oskar Kokoschka, Gustav Meyrink und Rudolf Borchardt. Fritz Mordechai Kaufmann meinte, Agnon befriedige das Bedürfnis westlich geprägter Juden nach einer Begegnung mit ihren osteuropäischen Glaubensgenossen auf perfekte Weise.
1917/18 verbrachte Agnon längere Zeit in Leipzig, wo damals seine Schwester Rosa lebte, aber auch zahlreiche weitere Emigranten aus Galizien. Nach dem Krieg lebte er ein Jahr in München und lernte dort als Kunststudentin Esther Marx (1889-1973) kennen, die Tochter des aus Königsberg stammenden Bankiers George Marx. Im Mai 1920 heirateten die beiden in Berlin gegen den Widerstand ihres Vaters. Kurz darauf wurde eine Tochter geboren, ein Jahr später ein Sohn.
Nach seiner Heirat ließ sich Agnon mit seiner Frau zuerst in Wiesbaden und ab 1921 in Bad Homburg nieder, und zwar im Haus Imperial an der Kaiser-Friedrich-Promenade. „Er war glücklich und in seine produktive Arbeit versunken, und eine Erzählung jagte die andere.“ Dazu trug auch der Genius Loci Homburgs bei: „Kamen doch damals viele der bedeutendsten Schriftsteller, Dichter und Denker Israels dort zusammen, wie etwa Chajim Nachman Bialik, Achad Haam und Nathan Birnbaum, und um sie ein Kreis ausgezeichneter Köpfe des russischen Judentums, wie Rawnitzki, Drujanoff, Frau Persitz und jener sagenhafte Semititzki.“ Besonders mit Bialik waren Agnons Kontakte eng, und Scholem durfte die beiden öfters auf ihren Spaziergängen begleiten. „Man sprach damals natürlich schon hebräisch.“
Diese glanzvolle Zeit wurde tragisch beendet. Am 5. Juni 1924 wurde Agnons Haus in Bad Homburg mitsamt seiner aus 4000 hebräischen Büchern bestehenden Bibliothek und zahlreichen Manuskripten durch einen Brand zerstört. In den Homburger Jahren hatte Agnon intensiv an dem Buch Be-zror ha-chajim (In das Bündel des Lebens) gearbeitet, einer Reihe von Porträts und Chroniken von Persönlichkeiten und Ereignissen aus der Welt des polnischen Judentums. Von diesem Manuskript „sei etwas in der Größe eines Knaufes zurückgeblieben, schrieb Agnon an Buber.“ Schon im folgenden Herbst kehrte die Familie Agnon nach Jerusalem zurück. Dort wurden im Jahr 1929 ein weiteres Mal sein Besitz und seine Bücher vernichtet, diesmal bei Plünderungen durch Araber.