Samuel (hebräisch שְׁמוּאֵל Schmuʾel) ist eine im Tanach äußerst facettenreich dargestellte Gestalt in der Übergangszeit vom vorstaatlichen zum staatlichen Israel (ca. 1000 v. Chr.). Von ihm berichtet das 1. Buch Samuel. Er wird als Priester (1 Sam 7,9 u. ö.), Prophet (1 Sam 3,20 u. ö.), Richter (1 Sam 7,15 u. ö.), Retter (1 Sam 7,7–14 ), „Königsmacher“ (1 Sam 8–11 ) und „Königsverwerfer“ (1 Sam 13,8–15 ) vorgestellt. Keiner anderen alttestamentlichen Gestalt außer Mose werden so viele Funktionen zugeschrieben.
Die nach ihm benannten Bücher zählen im Tanach zu den vorderen Propheten. Er findet auch in mittelalterlichen Korankommentaren Erwähnung.
Die genaue Herleitung und Bedeutung des Namens Samuel, hebräisch שְׁמוּאֵל šəmūʾēl, sind nicht geklärt.
Die volksetymologische Deutung in 1 Sam 1,20 nimmt auf die Wurzel שׁאל šʾl Bezug, was jedoch auf den Namen שָׁאוּל šāʾūl, deutsch Saul, „der Erbetene“ hindeutet.
Die Septuaginta überträgt den Namen mit Σαμουήλ Samuḗl, die Vulgata übertrug ihn traditionell mit „Samuhel“ und überträgt ihn heute meist mit „Samuel“.
Korankommentare geben den Namen mit صمويل ṣamwīl wieder.
Lange Zeit galt Noths Amphiktyonie-Hypothese als maßgebend, jedoch gilt diese heute als überholt. Eine Alternative gibt es nicht. Das Modell der „segmentären Gesellschaft“, das einen Erklärungsversuch darstellt, konzentriert sich auf die sozialgeschichtlichen Aspekte und übergeht dabei den religiösen Faktor für die Gesellschaftsentwicklung, was für den Bereich des vorstaatlichen Israels als unangemessen zu bewerten ist. Die exegetischen und historischen Schwierigkeiten führen heutzutage teilweise zu einer völligen Außerachtlassung der vorstaatlichen Phase Israels. So muss eine Bestimmung der Personen dieser Epoche hypothetisch bleiben.
Der Text entstand vermutlich in einem mehrstufigen Prozess. Die ältesten Überlieferungen finden sich vermutlich in 1Sam *1f und 7,15. In manche ältere Texte wurde er nachträglich eingetragen (1Sam 9,1–10,16; 11; 13f.; 15?; 28), andere Texte sind eher jung (1Sam 8; 10,17ff.; 12).
Die Jugendgeschichte Samuels ist historisch nur bedingt verwertbar. Die Abschnitte 1Sam 2,1–11.27–36 und 3,11–14 sind allgemein als sekundär anerkannt. Auch wenn man sie unberücksichtigt lässt, wird keine einheitliche Jugendgeschichte dargestellt.
Dass 1 Sam 1,19–28 beschreibt, wie Samuels Mutter ihn ans Heiligtum in Schilo übergibt, lässt auf eine Ausbildung zum Priester schließen, wohingegen 1 Sam 3,19–21 ihn als Propheten vorstellen.
Vermutlich stand zuerst eine selbstständige Erzählung von der Zerstörung des Heiligtums, dem Verlust der Bundeslade und dem Untergang der Eliden, in die später eine prophetische Samuelüberlieferung eingebunden wurde. Die redaktionelle Tätigkeit wird in den gleichartigen, scharnierartig verwendeten Versen 1Sam 2,11b.18a.21b.26; 1Sam 3,1a.19a erkennbar.
Vergleichbare Geschichten, die die besondere Stellung des Helden seit bzw. schon vor der Geburt hervorheben, sind in der Antike vielfach belegt.
Die Angaben über Samuels Abstammung – der Sohn von Elkana und Hanna aus dem Stamm Ephraim – wirken zuverlässig. Sicher ist außerdem, dass er in späterer Zeit als Prophet angesehen wurde.
Der letzte Richter (1Sam 7,2–14)
In 1 Sam 7,2–14 tritt Samuel in der prophetischen Funktion des Fürbitters auf. Unter seiner Führung kehren sich die Israeliten wieder zu JHWH und schlagen mit seiner Hilfe die Philister im Kampf.
Die redaktionellen Verse 2–4 (6b.13f) sind sprachlich und inhaltlich einer deuteronomistischen Grundschicht zuzurechnen, der Grundbestand ist wohl älter. 1 Sam 7,2–14 weist Ähnlichkeiten zu den Richtererzählungen auf und erscheint als Gegenstück zu 1 Sam 4 . Die Verse 15–17a setzen die Liste der kleinen Richter in Ri 10,1–5 und 12,7–15 fort und stehen in Zusammenhang mit der Todesnotiz in 1 Sam 25,1 . So ist wahrscheinlich, dass 1Sam 7,15–17a und 25,1 ursprünglich den Abschluss der Richterlisten bildeten. Somit war Samuel vermutlich der letzte kleine Richter.
Da Samuel als Richter im Grenzgebiet von Ephraim und Benjamin wirkte, lag es nahe, eine Verbindung zwischen Samuel und dem Benjaminiten Saul zu schaffen. Zwischen ihren Namen oszilliert bereits die Geburtsgeschichte. Durch die sprichwörtliche Nähe Sauls zu prophetischen Kreisen (v. a. 1 Sam 10,9–13 ) wurde eine Brücke zu Samuel geschaffen. Hier wurde vermutlich auch seine Anerkennung als Prophet stark geformt.
Das Urbild der Dualität von geistlichem und politischem Amt wird durch Samuel und Saul verkörpert. Samuel vermittelt sowohl die von Gott verliehene als auch die von Gott wieder entzogene Macht Sauls.