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Samir Amin

Ägyptischer Ökonom und Kritiker des Neokolonialismus

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Samir Amin (arabisch سمير أمين, DMG Samīr Amīn; * 3. September 1931 in Kairo; † 12. August 2018 in Paris) war ein ägyptisch-französischer Polit-Ökonom und Kritiker des Neokolonialismus. Er prägte den Begriff „Eurozentrismus“ bereits 1988 und gilt als Pionier der Dependenztheorie und bedeutender Vertreter der Weltsystem-Theorie.

Amin wurde 1931 als Sohn eines Ägypters und einer Französin (beide Mediziner) geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Port Said; dort besuchte er das französische Gymnasium, das er 1947 mit dem Baccalauréat verließ. Schon zu Schulzeiten politisierte sich Amin, als sich während des Zweiten Weltkriegs die ägyptischen Schüler in Kommunisten und Nationalisten aufteilten – Amin zählte zu den Ersteren. Bereits damals nahm er eine entschlossene Haltung gegen Faschismus und Nazismus ein. Zwar war er stark beeinflusst vom ägyptischen Widerstand gegen die britische Vorherrschaft in Ägypten, dennoch lehnte er die Vorstellung einiger Ägypter ab, dass der Feind ihres Feindes (also Nazi-Deutschland) ihr Freund sei.

Von 1947 bis 1957 studierte er in Paris, wobei der Promotion in Ökonomie (1957) ein Diplom in Politikwissenschaft (1952) und in Statistik (1956) vorausging. In seiner Autobiographie Itinéraire intellectuel (1993) schreibt Amin, dass es ihm in dieser Zeit darauf ankam, nur ein Minimum an Arbeit in die Vorbereitung von Universitätsexamen zu investieren, um die wesentliche Zeit der „action militante“ widmen zu können. Der intellektuelle und der politische Kampf blieben für Amin zeit seines Lebens untrennbar miteinander verbunden – statt die Welt und ihre Gräuel nur zu erklären, wollte er Teil der Kämpfe für eine bessere Welt sein.

Als Amin in Paris ankam, trat er der Kommunistischen Partei Frankreichs bei, distanzierte sich jedoch später vom sowjetischen System und stand eine Zeit lang maoistischen Kreisen nahe. Zusammen mit anderen Studenten publizierte er die Zeitschrift Étudiants Anticolonialistes.

Seine politischen Ideen wurden auch stark von der Konferenz der Bandung-Staaten 1955 sowie der Verstaatlichung des Suezkanals beeinflusst. Letzteres veranlasste ihn sogar, den Abschluss seiner seit Juni 1956 fertigen Dissertation zu verschieben.

1957 verteidigte er seine Arbeit, die unter anderem von Francois Perroux betreut wurde. Sie trug ursprünglich den Titel: Die Ursprünge der Unterentwicklung – kapitalistische Akkumulation im Weltmaßstab. Dieser musste jedoch geändert werden zu: Die strukturellen Auswirkungen der internationalen Integration vorkapitalistischer Volkswirtschaften – Eine theoretische Untersuchung des Mechanismus, der sogenannte unterentwickelte Volkswirtschaften hervorbringt.

Nach Abschluss seiner Arbeit kehrte Amin nach Kairo zurück, wo er von 1957 bis 1960 als Forschungsbeauftragter für die „Institution for Economic Management“ der Regierung arbeitete. Dort setzte er sich dafür ein, dass der Staat in den Aufsichtsräten der Unternehmen in öffentlicher Hand vertreten war. Damit begab sich Amin in das sehr angespannte politische Klima, welches mit der Verstaatlichung des Suezkanals, dem Krieg von 1956, der Gründung der Blockfreien Bewegung usw. verbunden war. Insbesondere seine Mitgliedschaft in der damals geheimen Kommunistischen Partei sorgte für erschwerte Arbeitsbedingungen.

Auch um persönlichen Gefährdungen zu entgehen verließ Amin Ägypten 1960 nach Paris, wo er sechs Monate für das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen arbeitete. Anschließend verließ Amin Frankreich, um Berater des Planungsministeriums in Bamako (Mali) unter der Präsidentschaft von Modibo Keata zu werden. Er bekleidete diese Position von 1960 bis 1963 und arbeitete mit prominenten französischen Ökonomen wie Jean Bénard und Charles Bettelheim zusammen. Mit einiger Skepsis betrachtet Amin dort die wachsende Fokussierung auf Wirtschaftswachstum, um ‚die Lücke zu schließen‘. Obwohl er das Arbeiten als Bürokrat nach dem Ausscheiden aus dem Dienst in Mali endgültig aufgab, fungierte Samir Amin später immer wieder als Berater für Regierungen im globalen Süden und für afrikanische oder globale Institutionen. Länder wie China, Vietnam, Algerien, Venezuela und Bolivien machten von seinen Ratschlägen Gebrauch.

1963 wurde er Fellow am Institut Africain de Développement Économique et de Planification (IDEP) in Dakar. Er arbeitete dort bis 1970 und war zugleich Professor an Universitäten in Poitiers, Dakar und Paris (Paris VIII, Vincennes). Er unterstützte in den 1970ern in einem Buch anfangs den kambodschanischen Umsturz durch die „Roten Khmer“ wegen dessen „rascher De-Urbanisierung und seiner ökonomischen Autarkie“ als angebliches Vorbild für Afrika. Später revidierte er die Ansicht und sah die Khmer-Herrschaft als eine Mischung aus Stalinismus und Bauernrevolte. 1970 wurde er Direktor des IDEP, das er bis 1980 leitete. Innerhalb dieser UN-Organisation schuf Amin mehrere Institutionen, die schließlich unabhängige Einheiten wurden. Darunter die Vorgänger-Institution des späteren Council for the Development of Social Science Research in Africa (CODESRIA), die nach dem Vorbild des Lateinamerikanischen Rates für Sozialwissenschaften (CLACSO) konzipiert war. 1980 verließ Amin das IDEP und wurde Direktor des Third World Forum in Dakar.

In die unter dem Namen arabischer Frühling bekannt gewordenen Protestbewegungen setzte er große Hoffnungen, befürchtete jedoch von Anfang an, dass sich diese nicht erfüllen würden.

„Samir Amin gehört zu den bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen der Dritten Welt“, so Dieter Senghaas. Amins theoretische Pionier-Rolle wurde oft übersehen, weil seine Dissertation von 1957 erst 1970 in erweiterter Buchform, unter dem Titel L’accumulation à l’échelle mondiale, erschien.

Amin lebte bis Ende Juli 2018 in Dakar, Senegal. Am 31. Juli 2018 wurde er in ein Krankenhaus nach Paris verlegt. Er starb am 12. August 2018 im Alter von 86 Jahren an Lungenkrebs.

Politische Theorie und Strategie

Samir Amin gilt als Pionier der Dependenztheorie und bedeutender Vertreter der Weltsystemtheorie wenngleich er sich lieber als Teil der Schule eines Globalen Historischen Materialismus bezeichnete, zusammen mit Paul A. Baran und Paul Sweezy (siehe 2.1). Sein Kerngedanke, den er bereits 1957 in seiner Dissertation formulierte, war, dass so genannte „unterentwickelte“ Volkswirtschaften nicht als unabhängige Einheiten, sondern als Bausteine einer kapitalistischen Weltwirtschaft betrachtet werden sollten. In dieser Weltwirtschaft würden die ‚armen‘ Nationen die ‚Peripherie‘ bilden, welche gezwungen ist, sich permanent strukturell anzupassen an die Reproduktionsdynamik der „Zentren“ der Weltwirtschaft, d. h. der fortgeschrittenen kapitalistischen Industrieländer. Etwa zur gleichen Zeit und mit ähnlichen Grundannahmen entstand in Lateinamerika der sogenannte Desarrollismo (CEPAL, Raúl Prebisch), der ein Jahrzehnt später in der Diskussion über „Dependencia“ weiterentwickelt wurde – noch später kam dann Wallersteins „Weltsystemanalyse“ auf. Samir Amin wandte den Marxismus auf eine globale Ebene an und benutzte Begriffe wie „weltweites Wertgesetz“ und „Super-Ausbeutung“, um die Weltwirtschaft zu analysieren (siehe 2.1.1). Gleichzeitig erstreckte sich seine Kritik auch auf den Marxismus der Sowjetunion und sein Entwicklungsprogramm des „Aufholens und Überholens“. Amin glaubte, dass die Länder der „Peripherie“ im Kontext der kapitalistischen Weltwirtschaft nie aufholen könnten, wegen einer inhärenten Tendenz zur Polarisierung des Systems und wegen bestimmter Monopole, die von den imperialistischen Ländern des ‚Zentrums‘ gehalten würden (siehe 2.1.2). Daher empfahl er der ‚Peripherie‘ sich von der Weltwirtschaft zu ‚entkoppeln‘, also eine ‚autozentrische‘ Entwicklung zu erzeugen (siehe 2.2) und den ‚Eurozentrismus‘ der Modernisierungstheorie hinter sich zu lassen (siehe 2.3).

Globaler historischer Materialismus

Ausgehend von den Analysen von Karl Marx, Karl Polanyi und Fernand Braudel ist der zentrale Ausgangspunkt von Amins Theorien eine fundamentale Kapitalismuskritik, in deren Mittelpunkt die Konfliktstruktur des Weltsystems steht. Amin stellt drei grundlegende Widersprüche der kapitalistischen Ideologie fest: 1. Die Erfordernisse der Rentabilität stehen gegen das Streben der Werktätigen ihr Schicksal selber zu bestimmen (Rechte der Arbeiter sowie Demokratie wurden gegen die kapitalistische Logik durchgesetzt); 2. Das kurzfristig-rationale ökonomische Kalkül steht gegen eine langfristige Sicherung der Zukunft (Ökologiedebatte); 3. Die expansive Dynamik des Kapitalismus führt zu polarisierenden räumlichen Strukturen – das Zentrum-Peripherie-Modell.

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