Salomo Friedlaender (Namensvariante: Friedländer; Pseudonym: Mynona; geb. 4. Mai 1871 in Gollantsch bei Posen; gest. 9. September 1946 in Paris) war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller, Satiriker und Literaturkritiker.
Unter seinem Realnamen S. Friedlaender veröffentlichte er philosophische Bücher und Essays, Rezensionen, zeitkritische Stellungnahmen und Anthologien. Besonders der Buchtitel Schöpferische Indifferenz ist bis heute mit seinem Namen verknüpft. Ab 1909 publizierte er unter dem Ananym Mynona Lyrik, Romane, Novellen, Satiren, Parodien, eine Studie zu George Grosz sowie zahlreiche Grotesken, die ihn im deutschen Sprachraum rasch bekannt machten. Im Oktober 1933 zur Emigration gezwungen, lebte er unter prekären Bedingungen in Paris. Der fast vollständig überlieferte Nachlass befindet sich in der Akademie der Künste und im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Seit 2025 liegen die gesammelten Schriften in 41 Bänden vor, mit umfangreichen, bislang unbekannten Texten und Abbildungen.
Friedlaender war der älteste Sohn einer jüdischen Familie. Sein Vater war angesehener Arzt, die Mutter Musikerin. Krankheitsbedingt (Asthma) legte er erst mit 23 Jahren das Abitur ab, 1894 in Freiburg im Breisgau. Im November 1894 begann er an der Universität München Medizin zu studieren, wechselte im April 1895 nach Berlin zu Zahnmedizin, ab Mai 1896 zu Philosophie. In diesem Jahr erschien seine erste Veröffentlichung.
Ab Mai 1897 studierte er an der Universität Jena Philosophie sowie Archäologie, Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Seine Doktorarbeit über Arthur Schopenhauers verfehlte Kritik an Immanuel Kant wurde 1899 von Otto Liebmann angenommen. Im zweiten Anlauf bestand Friedlaender Anfang 1902 das Rigorosum.
Seit März 1902 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin. Am 12. September 1911 heiratete er Marie Luise Schwinghoff, am 12. Juni 1913 wurde ihr einziger Sohn Heinz Ludwig geboren. Friedlaender bestritt seinen Lebensunterhalt zeitweise als Vorleser, vor allem durch Mitarbeit an Zeitungen: Vossische Zeitung (1904–1931), Berliner Tageblatt (1913–1929), Berliner Börsen-Courier (1913–1932), Münchner Neueste Nachrichten (1925–1933) u. a. In rund 80 Aufsätzen und 130 Rezensionen setzte er sich mit der intellektuellen Prominenz auseinander: Henri Bergson, Max Scheler, Werner Sombart, Walther Rathenau, Hermann Graf Keyserling, Ernst Bloch, Gerhart Hauptmann, Franz Werfel, Thomas Mann, Hugo Ball, Oswald Spengler etc.
Teils unter dem Pseudonym Mynona (Anonym rückwärts) beteiligte er sich ab 1910 an expressionistischen Zeitschriften.
Seit 1911 hielt er Vorträge im Neuen Club und anderen Foren, reiste auch oft zu Lesungen im ganzen deutschen Sprachraum. 1913 nahm er an Ludwig Meidners Atelierabenden teil, in den 1920er Jahren war er Mittelpunkt der Jours von Arthur Segal.
Für seine Novelle Der antibabylonische Turm erhielt Friedlaender 1932 den von der Gesellschaft der Bibliophilen ausgesetzten Preis. Als man ihm bei der Drucklegung mit dem KZ Oranienburg drohte, floh er im Oktober 1933 mit Frau und Sohn nach Paris. Ohne Publikationsmöglichkeiten, unter dem Existenzminimum, überlebte er mit Hilfe von Verwandten und Freunden. Sein Sohn Heinz Ludwig verbrachte ab 1939 sechs Jahre als Zivil-Internierter in 18 französischen und Schweizer Lagern. Friedlaenders Berliner Bibliothek, Anfang 1941 endlich versandfertig, wurde auf dem Bahnhof Halensee zerbombt. Ab Herbst 1941 verließ er fast zwei Jahre lang die Wohnung nicht. Seine ‚arische‘ Frau Marie Luise wurde Anfang 1943 neun Wochen lang im Lager Drancy (bei Paris) festgehalten. Im Exil so gut wie verschollen, war Friedlaender/Mynona lange vergessen. Seit 1965 erschienen nur kleine ‚humoristische‘ Sammlungen.
Friedlaender veröffentlichte zunächst Aphorismen, Essays und drei gemeinverständliche Bücher, in deren Schlusskapiteln er seine philosophische Position skizzierte. Georg Simmel verschaffte ihm den Auftrag für ein Buch über Nietzsche und förderte die Publikation. Friedrich Nietzsche. Eine intellektuale Biographie (1911) ist keine Lebensbeschreibung, sondern ein kritischer Gang durch das damals bekannte Werk. Wie bei allen Büchern Friedlaender/Mynonas war das öffentliche Echo kontrovers. Eine neue Analyse unternimmt Clemens Brunn; einen Überblick gibt Detlef Thiel.
Seit Ende 1913 veröffentlichte Friedlaender mehrere Essays, die er in das Buch Schöpferische Indifferenz aufnahm. Es erschien kriegsbedingt erst im Sommer 1918. Auf 500 Seiten enthält es drei lange unbetitelte „Abhandlungen“, zwölf „Skizzen“ („Dionysismus“, „Ethik“, „Frieden“, „Wert“, „Liebe“, „Weltperson“, „Farbe“ u. a.) und 150 Seiten mit „Aphorismen“. Fussnoten, Literaturangaben, Register fehlen. Es ist ein Kultbuch, oft erwähnt, aber bislang nur selten genauer studiert: „The cult book, yet largely unread.“ Ansätze zur Interpretation und zur Beurteilung finden sich zunächst bei einigen zeitgenössischen Rezensenten.
Max Pulver erkennt: Friedlaender ist „durchglüht“ vom „ethischen Impuls der Zeit“. „Person (in seiner Ausdrucksweise Individuum)“ sei „empirisch betrachtet“ irreal, „das einzelmenschliche oder kollektivmenschliche Ich nur ihr Schatten, ja ihre Karikatur.“ Walter Rheiner würdigt die „Philosophie des Dionysismus.“ „Wie Nietzsche den Sprengstoff des Individualismus in die Schopenhauersche Philosophie trug, so bringt Friedlaender diesen Individualismus zur Explosion.“ Erich Unger nennt das Buch „die wichtigste philosophische Begebenheit seit Nietzsche“ und einen „der kritischen Punkte in der deutschen Philosophie überhaupt“.„Alle großen Positionen, die in der Geschichte des europäischen Denkens zu Blickpunkten gewählt wurden, scheinen uns hier in eine einzige zusammengezogen.“
Der Grundgedanke sei am ehesten greifbar „durch die Zusammenrückung der beiden nie zusammen gesehenen philosophischen Anblicke: Nichts der Unterschiede und: lebendige Person.“
Margarete Calinich sieht in der schöpferischen Indifferenz den
„Punkt des vollkommenen Nichts, in dem alle Unterschiede ausgeglichen ruhen; das Wesen dieses Nullpunkts ist die polare Gegensätzlichkeit. Im Auswirken und Ausgleichen dieser polaren Gegensätzlichkeit besteht das schöpferische Leben im Indifferenzpunkte. [...] Die Welt ist Äußerung dieses Prinzips, und zu dieser Äußerung gehört der Mensch selbst.“
Friedlaender setzt sich mit zahlreichen Autoren auseinander: Kant, Fichte, Schopenhauer, Bahnsen, Bergson, Pascal u. a. Nietzsches Bedeutung liege darin, dass er versuchte, von der „Allzumenschlichkeit“ sich zu befreien durch „die absolute Souveränität der eignen Person“. Aber mit dem Übermenschen habe er sich physiologisch verirrt. Dagegen entwirft Friedlaender eine Figur, die sich nicht mehr vorzeigen oder verdinglichen lässt. Er umschreibt sie mit zahllosen Namen: „neutrale Größe“, „Subjekt, Seele, freier Wille, Selbst, Ich, Geist, Gott“ usw., „das allmächtige Inkognito der anonymen Person“. Um das naheliegendste Mißverständnis auszuräumen, erklärt Friedlaender: Mit der Formel „Schöpferische Indifferenz“ sei „kein einzelner Mensch gemeint, auch nicht die aus solchen Einzelheiten bestehende Menschheit, überhaupt nichts Einzelnes, sondern das Ganze, aber nicht objektiv, sondern subjektiv“.
Nietzsche behauptet: „Der Mensch aber ist etwas, das überwunden werden muß.“ Friedlaender radikalisiert das zu der drastischen Forderung nach „Entmenschung“: „Stirb bei Lebzeiten“. Um die „Weltperson“ zu ermöglichen, soll die „Privatperson“ alle Unterschiede in ihrem Selbst vernichten, löschen, neutralisieren, sich „illokalisieren“. Das derart indifferenzierte Individuum nennt Friedlaender auch „Schöpfer“. Dieser muss sich äußern: „Selbstentzweiung aus Überschwang“, aus „Überfülle“. Das heißt „Polarisation“.
Unter Indifferenz versteht Friedlaender nicht Atheismus, Gleichgültigkeit, Desinteresse (Indifferentismus), sondern Unterschiedslosigkeit. Polarisieren heißt nicht: Meinungen vertreten, die von denen bestimmter Gruppen ideologisch oder affektiv abweichen (Politik), sondern: Pole erschaffen, Unterscheiden. Ohne Differenz, Kontrast, Opposition lässt sich gar nichts erkennen. Friedlaender betont die Dynamik:„Indifferenz, welche sich extremisiert; Extreme, die einander berühren; das Selbe, das sich mit sich selber entzweit; Gegensätze, aus ihrer eigenen Identität entspringend und auf sie zurückstrebend.“