Ryad Assani-Razaki (* 4. November 1981 in Cotonou, Benin) ist ein franko-kanadischer Schriftsteller, der als Informatiker in Toronto und Montreal lebt. Als Afrokanadier schreibt Assani-Razaki auf Französisch und ist durch einen Erzählband Deux cercles (2009) und einen Roman La main d'Iman (2011), deutsch Iman, über das Leben afrikanischer Straßenkinder und ihre Sehnsüchte hervorgetreten. 2017 erschien seine Kurzgeschichte Olaosanmi in der Anthologie L'Amour Toujours L'Amour. Junge französische Liebesgeschichten.
In der größten Stadt des westafrikanischen Benin als Sohn eines Informatikers und einer mit der Literatur verbundenen Mutter 1981 geboren, kam Assani-Razaki 1999 in die USA und begann ein Studium der Informatik an der University of North Carolina. Er übersiedelte 2004 nach Kanada und erwarb seinen Magister in diesem Fach an der Université de Montréal, Provinz Québec. Zurzeit ist er als Informatiker in Toronto tätig.
Bereits in der frühen Jugend begann er zu schreiben. 2009 veröffentlichte er ein bisher nicht ins Deutsche übersetztes Buch mit Kurzgeschichten Deux cercles (Zwei Kreise) und wurde dafür mit dem Trillium Book Award geehrt. Regelmäßig besucht er seine alte Heimat Benin. Für seinen ersten Roman La main d'Iman (dt. Iman) – er spielt in einem ungenannten afrikanischen Staat – hat er dort über Jahre den Stoff, den er literarisch darstellen wollte, zusammengestellt, indem er mit sonst ungehörten Menschen in ähnlichen Situationen sprach. Für diesen in Kanada 2011, in Frankreich 2013 und in Deutschland, übersetzt von Sonja Finck, 2014 veröffentlichten Roman hatte er 2011 den mit 10.000 kanadischen Dollar dotierten Robert-Cliche-Preis (Le Prix Robert-Cliche) erhalten, eine Auszeichnung, die seit 1979 jeweils für eine anonym vorgelegte frankokanadische literarische Arbeit vergeben wird. Einige der Preisträger sind in Kanada und darüber hinaus bekannt geworden.
Der Schriftsteller nennt als literarische Vorbilder: die afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die französischen Autorinnen Nathalie Sarraute und Annie Ernaux, den auf Trinidad geborenen, in Großbritannien lebenden Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul, dessen Vorfahren aus Indien kamen, und die US-amerikanische Pulitzerträgerin mit indischen Wurzeln Jhumpa Lahiri, Menschen, die über andere Menschen schreiben. Auch Romane der deutschen Schriftstellerin Christa Wolf habe er gelesen.
In den bisher auf Französisch vorliegenden Erzählungen Deux Cercles (Zwei Kreise) schildert Assani-Razaki die fiktiven Schicksale einzelner Menschen, die aus Afrika in den Westen eingewandert sind und sich aus verschiedenen Gründen zurückgesetzt und ausgegrenzt fühlen und tatsächlich solche frustrierenden Erfahrungen machen. Der Autor sieht Gründe dafür auch in der Person des Einwanderers, z. B. mangelnde Sprachkenntnisse, die jede Restaurant-Bestellung zu einem Abenteuer werden lassen; oder einen sozialen Rückzug in die spärlich möblierte Klein-Wohnung, wohl aus seelischen Gründen, weil ein Emigrant, der alles hinter sich gelassen hat, keinen Sinn im Leben mehr sieht, heimatlos wie er sich fühlt mit seinen Erinnerungen. In seiner Buchvorstellung fasst Jean-Luc Doumont den Ansatz Assani-Razakis zusammen; in einer Welt, die mehr und mehr an ein globalisiertes Dorf erinnere, sollten wir uns trotz der Differenzen hinsichtlich unserer Überzeugungen und Vorurteile annähern und Kompromisse schließen. Die zwei Kreise versinnbildlichten für den Schriftsteller einmal die unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründe von Einheimischen und Immigranten, die sich miteinander verflechten sollten, und die jeweilige zunächst gegensätzliche individuelle Geschichte. Doch welche Schwierigkeiten und Frustrationen entstehen im Alltagsleben für die Einwanderer aus der „Fremde“ und sind Unausgewogenheit und Konfrontation unvermeidlich?
Die rettende Hand Imans ergreift den kleinen Toumani, sechs Jahre alt, und zieht ihn mühsam aus dem tiefen Loch auf einer Müllfläche, wo hinein ihn sein alkoholisierter Sklavenhalter geworfen und fast unrettbar eingesperrt hat. Seine Eltern hatten ihn vom Land in die Stadt verkauft, für 23 Euro. Toumani überlebt, jedoch einbeinig, denn Ratten hatten an dem halbtoten Kind genagt. Die beiden werden unzertrennliche Freunde.
Um sie herum eine größere Clique von Gleichaltrigen, Straßenkinder aus den Slums der Großstadt, die sich überwiegend mit Hilfsarbeiten am Leben halten, bisweilen auch jenseits der Legalität. Iman bringt seinem Freund Lesen und Schreiben bei, das Laufen mit einer Krücke, er verschafft ihm einen Rollstuhl und fährt ihn darin.
Zwei Generationen zurück: Imans Großmutter, eine Pilgerin nach Mekka, weltabgewandt, ihr Leben dem Gebet gewidmet. Imans Mutter, die sehr jung eine Liaison mit einem älteren Weißen hatte, aus der Iman hervorgegangen ist. Beeindruckt und geködert wurde sie von dem Mann aus dem Westen durch eine Fahrt in seinem Angeber-Auto. Längst ist der Weiße zurück nach Europa zur angetrauten Ehefrau. Die Mutter hadert mit ihrem Schicksal, sie verstößt Iman, als er größer wird, weil sie seinen Willen nicht brechen kann. Erst viele Jahre später, als es um seine Rettung geht, wird sie sich wieder um ihn kümmern:
Iman und Toumani, die beiden männlichen Helden des Romans, bewältigen gemeinsam die Jahre des Heranwachsens, auf der Straße und im Slum. Sie bilden, bei aller Liebe, zugleich ein Gegensatzpaar: Iman träumt unruhig von Europa, um dem hiesigen Elend zu entkommen; Toumani ist klar, dass er seine Zukunft im Rahmen dieses Landes finden muss, zwischen den Menschen, so wie sie sind.
In der zweiten Romanhälfte gibt es Zuspitzungen: die beiden streiten sich um die dritte Protagonistin des Romans, die gleichaltrige Alissa, die in einer Nähwerkstatt lernen darf, deren Ausbeutung durch die Besitzerin gleichzeitig plastisch geschildert wird. Auch sie wurde einst von ihren Eltern in die Stadt verkauft und traf schon damals Toumani bei derselben „Vermittlerin“. Sie konnte mit den Problemen anders umgehen. Ihre Freiheit ist vor allem eine innere, in ihrem Bewusstsein vorhandene.
Zugleich gibt es für die Jungen Ärger mit Polizei und Militär, da die ganze Bande immer mehr ins Kriminelle abrutscht und die Gewaltverhältnisse in der Clique die beiden in die Auseinandersetzungen hineinziehen. Gewalt ist jetzt das beherrschende Thema. Zum Schluss kann Iman das Schiff nach Europa besteigen, das Ende bleibt offen, denn es gibt für die drei Protagonisten „kein Scheitern und keinen Erfolg“, sie stehen an einem „Scheideweg“, betont der Autor, „Türen bleiben offen“.
Erzählperspektive und Erzählweise
Der Roman ist wie ein Puzzle angelegt, immer andere Erzählstimmen kommen zu Wort. Die Erzählperspektive wechselt in jedem Kapitel. Vier der fünf Romanfiguren treten als Ich-Erzähler auf, nur der titelgebende Protagonist Iman nicht, dessen Bild auf den unterschiedlichen Schilderungen der anderen beruht. Die Zeichnung der Charaktere ist präzise, psychologisch einleuchtend. Die elenden Verhältnisse Afrikas, der Autor nennt das Buch auch einen Roman Afrikas, kommen zur Sprache, insbesondere die Gewalt der zwischenmenschlichen Verhältnisse als Spiegel der gesellschaftlichen wird deutlich. In Äußerungen zu seinem Buch hebt Assani-Razaki hervor, dass er darin auch ein tragisches Schicksal, das „Drama“ dieses Kontinents sieht, das sich über Generationen fortsetzt. Der einzelne kann sich nur schwer davon befreien, und die Flucht in reiche Länder ist mit unklarem Erfolg behaftet.
Innerer Reichtum der Protagonisten steht gegen ihre äußere Armut, Liebe gegen Räuberei und brutale Gewalt, Kraft und Hoffnung gegen tiefe Verzweiflung, und solche Zustände gibt es stets bei derselben Person. Assani-Razaki malt in sehr genauer, gut verständlicher Art und Weise die Gründe und die Gefühle aus, welche Afrikanerinnen (hier: die Mutter, als Wunsch hinter ihrer Affäre) und Afrikaner (hier: ihren Sohn) dazu bringen, ein wackeliges Boot nach Europa zu besteigen und ihr Leben für ein ungewisses Schicksal zu riskieren.