Ruth Schweikert (* 15. Juli 1964 in Lörrach; † 4. Juni 2023 in Zürich) war eine Schweizer Schriftstellerin.
Ruth Schweikert wurde 1964 in Lörrach als Tochter einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters geboren. Sie wuchs in Aarau auf. Mit zwanzig Jahren wurde sie 1985 kurz nach der Matura Mutter. Es folgten eine nicht abgeschlossene Theaterausbildung in Ulm und ein abgebrochenes Germanistikstudium. 1989 kam ihr zweiter Sohn auf die Welt.
Sie schrieb einige Jahre unter prekären Verhältnissen und finanzierte sich mit Gelegenheitsjobs. Schweikert jobbte unter anderem als Verkäuferin und arbeitete 1991 als Regieassistentin in Zürich.
Beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1994 gewann sie mit der Erzählung Fünfzig Franken das Bertelsmann-Stipendium. Im selben Jahr erschien der Erzählband Erdnüsse. Totschlagen, der breit rezipiert und von der Kritik sehr gelobt wurde. Sie heiratete den Dokumentarfilmer Eric Bergkraut und hatte mit ihm drei weitere Söhne. 1998 veröffentlichte sie ihren ersten Roman mit dem Titel Augen zu.
Immer wieder mischte sie sich auch in politische Debatten ein. Sie kandidierte 2015 auf einer Liste von Kulturschaffenden für den Nationalrat. Sie war während viereinhalb Jahren (von 2008 bis Ende 2012) Präsidentin von Suisseculture, dem Dachverband der schweizerischen Kulturschaffenden-Organisationen.
Ausserdem war sie seit 2012 Dozentin am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. 2016 erkrankte sie zum ersten Mal an Brustkrebs. Sie schrieb über diese Krankheit in dem 2019 erschienenen Band Tage wie Hunde.
Schweikert starb am 4. Juni 2023 in ihrem Zuhause in Zürich, sechs Wochen vor ihrem 59. Geburtstag, an den Folgen ihrer Krebserkrankung.
Nach Roman Bucheli sind «zerrüttete Lebens- und Familienverhältnisse» und «die schicksalshafte Verstrickung in eine Vergangenheit, die nicht aufhört, Gegenwart zu sein» das Thema von Ruth Schweikerts Schreiben: «Immer von Neuem brechen in ihren Texten junge Frauen aus beengten Verhältnissen aus, nur um da, wo immer sie ankommen, das wiederzufinden, was sie hinter sich zu lassen glaubten.»
Formal zeichnen sich ihre Texte durch eine Zersplitterung in Momentaufnahmen, eine an die Filmtechnik erinnernde Verwendung der Montage, in der der Erinnerungsrückblick einen zentralen Platz einnimmt, und ein musikalisches Kompositionsprinzip mit wiederkehrenden Motiven aus. Roman Bucheli deutet dieses Erzählverfahren als Ausdruck der Brüchigkeit des Daseins: «Es war ihre Art, die Erzählbarkeit eines Lebens infrage zu stellen, die Fragwürdigkeit des Erzählens überhaupt zum Thema zu machen. Ein Leben lässt sich nicht in einfache Sätze sperren.»
Schweikerts Werk wurde zu Beginn mit dem Etikett «Frauenliteratur» bedacht, wovon sie sich selbst distanzierte: «Das ist leider allzu oft künstlerisch ambitionslose Betroffenheitsliteratur, selbstgerecht und sentimental.» Auch wenn ihre Figuren viel Autobiographisches mittragen, handelt es sich nicht um eine direkte Übernahme des Erlebten, sondern um eine literarische Verfremdung, die sich schon in der häufig gewählten Erzählform der Er-Perspektive ausdrückt. Sie selbst sagte über ihre Figuren: «Meine Frauengestalten sind ziemlich durchschnittlich, nicht besonders emanzipiert, aber auch nicht friedfertig.»
Erdnüsse. Totschlagen. Rotpunktverlag, Zürich 1994, ISBN 3-85869-095-3.
Taschenbuchausgabe: dtv, München 1999, ISBN 3-423-12691-4.
Schweizer Bibliothek: Band 5, Zürich 2005, ISBN 3-905753-05-7.
Paris. Reflexionen. Ein Buchprojekt von Peter Schweizer (Photographien) und Ruth Schweikert (Text). Edition Schweizer, Pratteln 1996, ISBN 3-9520695-1-5.
Augen zu. Roman. Ammann, Zürich 1998, ISBN 3-250-60024-5.
Taschenbuchausgabe: Fischer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14656-9.
Ohio. Roman. Ammann, Zürich 2005, ISBN 3-250-60051-2.
Hin und Her. Ein Dialog zwischen Peter Radelfinger und Ruth Schweikert. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2006, ISBN 3-938821-99-X.