Ruth Fischer (* 11. Dezember 1895 in Leipzig als Elfriede Fischer; † 13. März 1961 in Paris) war eine deutsch-österreichische Publizistin und Politikerin. Sie war Mitbegründerin der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs (KPDÖ) in Österreich und 1924 bis zu ihrem Parteiausschluss 1926 Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in der Weimarer Republik.
Sie gehörte zur antistalinistischen („ultralinken“) Opposition innerhalb der kommunistischen Bewegung, war nach ihrem KPD-Ausschluss Mitglied der Gruppe Linke Kommunisten und 1928 Mitbegründerin des Leninbundes. Im amerikanischen Exil befasste sie sich wissenschaftlich und publizistisch weiter kritisch mit dem Stalinismus.
Fischer wurde 1895 als Elfriede Fischer geboren. Ihre Eltern waren der österreichische Philosoph und Privatgelehrte Rudolf Eisler, welcher aus einer jüdischen Familie stammte, und die Leipziger Fleischerstochter Ida Maria Fischer. Als die Eltern ein Jahr nach ihrer Geburt heirateten, übernahm auch die Tochter den Familiennamen Eisler. Jüngere Brüder waren der Journalist Gerhart Eisler (1897–1968) und der Komponist Hanns Eisler (1898–1962).
Bedingt durch die wissenschaftliche Laufbahn des Vaters zog die Familie Eisler 1901 von Leipzig nach Wien. Fischer wuchs in einem bildungsbürgerlich geprägten Umfeld auf, in dem Musik und Literatur zum Alltäglichen gehörten. Als Gymnasiastin betätigte sie sich bereits politisch und schloss sich der bürgerlich-jüdischen Organisation Freideutsche Jugendbewegung an, die nationalkommunistische Ideen vertrat. An der Universität Wien studierte sie ab 1914 Philosophie, Nationalökonomie, Pädagogik, Psychologie und Politik, nach Kriegsausbruch 1914 rief sie eine linksradikale Studentengruppe mit ins Leben.
Am 10. Juli 1915 heiratete sie den Journalisten Paul Friedländer, mit dem sie am 24. Dezember 1917 den Sohn Friedrich Gerhart bekam, später als F. G. Friedlander (1917–2001) Mathematikprofessor in Großbritannien.
Fischer trat mit Beginn des Studiums 1914 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAPÖ) von Victor Adler bei. Drei Jahre später wurde sie Mitglied der Freien Vereinigung Österreichischer Studenten. Im Frühjahr 1918 initiierte sie mit ihrem Mann die Zeitschrift Weckruf, deren verantwortliche Redakteurin sie wurde. Diese Zeitung sollte zum 1. Mai erstmals erscheinen. Die Zeitschrift wurde jedoch bereits vor dem ersten Erscheinen verboten und die bereits gedruckte erste Ausgabe beschlagnahmt.
In Wien wurde am 3. November 1918 unter ihrer führenden Beteiligung die KPDÖ, die spätere KPÖ, gegründet. Fischer hatte das Mitgliedsbuch mit der Nummer 1. Wegen der Teilnahme an der bewaffneten Besetzung der Redaktion der Wiener Neuen Freien Presse verbrachte sie kurze Zeit später drei Wochen im Gefängnis.
Am 9. Februar 1919 hielt sie vor 42 Delegierten das Hauptreferat auf dem ersten Parteitag der KPDÖ, die zu diesem Zeitpunkt bereits 3000 Mitglieder hatte. In dieser Zeit war sie auch Herausgeberin des KPDÖ-Organs Der Weckruf/Die Rote Fahne sowie Redakteurin der Zeitschrift Die revolutionäre Proletarierin.
Im August 1919 ging die Familie Friedländer auf Einladung von Willi Münzenberg und nach innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Kriegsheimkehrern und Arbeitern einerseits und den jungen bürgerlichen Intellektuellen andererseits nach Berlin. Zu diesem Zeitpunkt nahm sie den Rufnamen Ruth Fischer an.
Ab 1920 arbeitete Fischer am theoretischen KPD-Organ Die Internationale mit. 1921 gelangten Ruth Fischer, die in diesem Jahr von Friedländer geschieden wurde, und der ukrainische Kommunist Arkadi Maslow in den Zentralausschuss der KPD und übernahmen die Leitung der Berliner KPD. In den folgenden Jahren entwickelte sich Ruth Fischer zu einer der wichtigsten Figuren des linken Parteiflügels, der die Parteiführung um August Thalheimer, Heinrich Brandler und Ernst Meyer, vor allem nach dem gescheiterten Aufstandsversuch in Hamburg 1923, kritisierte.
Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, ging sie 1922 formal eine Ehe mit dem Kommunisten und Kominternmitarbeiter Gustav Golke ein, von dem sie 1928 geschieden wurde. Sie lebte dann bis 1941 mit Maslow zusammen.
Bereits im März 1923 zeigte sie sich als besonders radikale Vertreterin des linken Flügels. Auf dem Bezirksparteitag Rheinland-Nord (Essen) brachte sie eine Resolution ein, nach der „die Arbeiterschaft“ im Rhein-Ruhr-Gebiet den deutsch-französischen Konflikt ausnutzen und eine Arbeiterrepublik gründen solle; diese Republik sollte dann eine Armee nach Mitteldeutschland entsenden und dort die Macht ergreifen. Die Resolution wurde mit 68 zu 55 Stimmen abgelehnt. Damals meinte Fischer: „Es kommt der Tag, wo alle Genossen hinter uns stehen und die hinauswerfen, die auf dem Boden der Demokratie stehen und mit der Weimarer Verfassung liebäugeln.“
Laut einem Bericht des Rätekommunisten Franz Pfemfert in der Zeitschrift Die Aktion hielt Fischer im Sommer 1923, obwohl ihr Vater Jude war, eine antisemitische Rede, welche nationalsozialistische Parolen gegen jüdische Kapitalisten als unbewussten Klassenkampf darstellte und zum Mord an jüdischen Kapitalisten aufrief, dem dann nur noch der Kampf gegen nichtjüdische Kapitalisten folgen müsse: „Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner …?“ Der Auftritt wird als „Schlüsselzitat eines ‚Antisemitismus von links‘“ gelesen und als Teil des sogenannten „Schlageter-Kurses“ von Karl Radek als Vertreter der Komintern in der Weimarer Republik gedeutet. Dieser in der KPD umstrittene, jedoch vom Parteivorsitzenden Heinrich Brandler und Mitgliedern der KPD-Zentrale wie Hermann Remmele mitgetragene Kurs versuchte, im nationalistisch aufgeladenen Klima des Ruhrkampfs, durch Diskussionen mit völkischen nationalsozialistischen Kräften deren Ideologie als tatsächlich nicht antikapitalistisch aufzuzeigen. Dabei distanzierte man sich vom Judenhass der Nationalsozialisten und ermunterte sie gleichzeitig zu Gewalt gegen das "Juden-Kapital". Das Vorgehen ist von der Parteilinken, zunächst sogar von Fischer selbst, heftig kritisiert und nach wenigen Wochen im September 1923 aufgegeben worden.
Nach dem Scheitern des Hamburger Aufstands im Oktober 1923 wurde Ruth Fischer 1924 in die oberste Führungsriege der Partei gewählt. Als Vorsitzende des Politischen Büros des Zentralkomitees der KPD stand sie als „Frontfrau der KPD“ an der Spitze der Partei und bestimmte den ultralinken Kurs dieser Zeit als deren Hauptgegner die SPD galt. Zu diesem Zeitpunkt wurde Fischer Kandidatin des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI). Fischer wandte sich ebenso gegen die ermordete KPD-Mitbegründerin und Vordenkerin Rosa Luxemburg und kennzeichnete ihre Werke mit dem Kampfbegriff Luxemburgismus als Abweichung vom Leninismus bzw. Marxismus-Leninismus. Sie begründete diese Abkehr von Luxemburg damit, dass sich der Zustand der Partei als „Tripperkranken“ nicht mit den Ideen Luxemburgs als „Syphilisbazillen“ bessern werde.
Fischer setzte als Parteivorsitzende ebenso die Bolschewisierung der KPD um, die die innerparteiliche Demokratie der Partei zerstörte, an die später Ernst Thälmann als ihr Nachfolger anknüpfen sollte.
Ab Mitte 1924 war sie für die KPD Reichstagsabgeordnete (Listenplatz 3) und Abgeordnete im Preußischen Landtag (Listenplatz 1). Die „Locarno“-Politik von Reichskanzler Gustav Stresemann kritisierte sie im Reichstag als „Preisgabe deutschen Bodens und deutscher Arbeiter für einen künftigen Krieg gegen Russland“ für ein „Entgegenkommen England[s] und Frankreich[s]“. Fischer warf der Außenpolitik des Kabinetts Stresemann vor, die Weimarer Republik zu einem Vasallen zu machen, der „Anschluss sucht an den englischen Räuber, um in seinem Schatten mitzurauben.“ In diesem Zusammenhang benannte sie den Völkerbund als ein „Konsortium der Räuber, mit der Aufgabe, die Kriege idealistisch zu überzuckern.“