Die Russisch-Orthodoxe Kirche (eigentlich Russische orthodoxe Kirche; russisch Русская православная церковь Russkaja prawoslawnaja zerkow) ist die größte autokephale orthodoxe Kirche. Ihr Vorsteher, seit 2009 Patriarch Kyrill I., trägt den Titel Patriarch von Moskau und der ganzen Rus, weshalb sie auch als Moskauer Patriarchat (russisch Московский патриархат Moskowski patriarchat) bezeichnet wird. Das Patriarchat von Moskau umfasst insgesamt 164 Eparchien genannte lokale Körperschaften in der Russischen Föderation. Zu ihrem kanonischen Territorium zählt nach eigenem Verständnis das Gebiet der ehemaligen UdSSR (mit Ausnahme von Georgien und Armenien), außerdem China, Japan und die Mongolei, wobei ihre Teile in vielen eigenständigen Staaten jeweils einen autonomen Status besitzen. Als Russisch-Orthodoxe Kirche werden darüber hinaus Eparchien der Diaspora (autonome Russische Orthodoxe Kirche im Ausland) und im weitesten Sinne einige abgespaltene Kirchen (Altorthodoxe) bezeichnet. Die orthodoxen Kirchen des Patriarchats von Moskau bilden gemäß dem nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis zusammen mit den anderen orthodoxen Kirchen die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche. Größter russisch-orthodoxer Kirchenbau ist die Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.
Aufgebaut wurde die orthodoxe Kirche in der Rus, nachdem Großfürst Wladimir I., Herrscher der Kiewer Rus, 988 die Taufe empfangen hatte, womit die Christianisierung der Rus (russ. Крещение Руси) eingeleitet wurde. Die Annahme des griechisch-orthodoxen Christentums mit Dogma, Kultus, Kirchenlehre, Kirchenrecht und Verfassung prägte die Kultur der Ostslawen in vielfältiger Weise. Die herrschaftsstützende Lehre der griechisch-orthodoxen Kirche, dass alle Obrigkeit von Gott komme, festigte die Stellung der Fürsten von Kiew erheblich und steigerte ihr Prestige, wodurch das Kiewer Reich auch Ebenbürtigkeit mit den anderen christlichen Völkern erhielt. Besonders während der Tatarenherrschaft wurde das Zusammenwachsen der Fürstentümer der Rus unter Moskauer Führung durch den einigenden Glauben vorangetrieben. Gleichzeitig grenzte sich das Kiewer Reich durch die Annahme des Christentums griechisch-orthodoxer Glaubensrichtung vom lateinisch geprägten Abendland ab. Diese religiöse Grenze führte zu einer Eigenentwicklung der ostslawischen beziehungsweise altrussischen Kultur, die sich erst ab dem 18. Jahrhundert unter den Säkularisierungsbemühungen Peters I. verringerten.
Die Kirche Kiews wurde als Teilkirche des Patriarchates von Konstantinopel zunächst von Exarchen verwaltet, was keine Auswirkungen auf die politische Selbständigkeit der Kiewer Großfürsten hatte. Die ersten Metropoliten kamen noch aus Griechenland und Bulgarien. Metropolitensitz war zunächst Kiew, ab 1299 de-facto Wladimir, wohin der Metropolit Maxim seine Residenz verlegte, und ab 1325 auf Wunsch des Metropoliten Peter offiziell Moskau. Der letzte griechische Metropolit war Isidor von Kiew, der 1441 wegen seiner Zustimmung zur Kirchenunion von Florenz vom Moskauer Großfürsten Wassili II. abgesetzt wurde. Am 15. Dezember 1448, fünf Jahre vor dem Fall des bereits zunehmend handlungsunfähigen Konstantinopel, wählte die Synode der russischen Bischöfe ohne voriges Einverständnis des Patriarchen von Konstantinopel Bischof Iona von Rjasan zum „Metropoliten von Kiew und ganz Russland“, der auch vom Patriarchen als Isidors künftiger Nachfolger designiert worden war. Dass sie diese Wahl selbst vorgenommen hatten und dem Patriarchen nur seine Bestätigung überließen, bedeutete aber eine faktische Trennung von der byzantinischen Mutterkirche. Im Januar 1589 schlug eine Moskauer Kirchensynode dem Zaren Fjodor I. drei Kandidaten für die Besetzung des neu errichteten Patriarchats in Moskau vor. Der Zar wählte den bisherigen Moskauer Metropoliten Iow. Eine ökumenische Synode in Konstantinopel unter Beteiligung aller Patriarchen der Ostkirche bestätigte 1590 die Errichtung des neuen Patriarchats in Moskau und wies ihm – nach Jerusalem – den fünften Rang zu.
Aufgrund seiner vielen Kirchen und Klöster und seiner Bedeutung für die orthodoxe Christenheit war Kiew seit dem Mittelalter als Jerusalem des Nordens oder auch Jerusalem des Ostens bezeichnet worden. Ferner wird Kiew aufgrund seiner geschichtlichen Rolle als Mutter aller russischen Städte bezeichnet.
1652 initiierte der damalige Patriarch Nikon die erste Reform des russischen Ritus. Es wurde behauptet, der russische Ritus sei – wegen Fehlern beim Kopieren der Kirchenbücher – abgewichen vom griechischen Urtext und Ritus. Dieser Standpunkt diente für Nikon und seine Anhänger als Rechtfertigung, Kirchenreformen durchzuführen. Wer die Rechtmäßigkeit dieser Revisionen bestritt, wurde auf dem Konzil von 1666 bis 1667 mit dem Anathema belegt. Diese Ereignisse haben zu einem Schisma geführt. Seitdem sind die Altorthodoxen (auch Altritualisten, Altgläubige oder Raskolniki genannt), die sich ihrerseits in Popowzen (priesterliche Altgläubige) und Bespopowzen (priesterlose Altgläubige) unterteilen, von der Großkirche getrennt. Gegner dieser Kirchenreformen wurden verfolgt, und Zehntausende wurden hingerichtet. 1971 hat die Großkirche vom Patriarchat Moskau den Fluch über den altrussischen Ritus aufgehoben.
Bereits 1721, 132 Jahre nach Gründung des Patriarchats, wurde der Patriarch unter Zaren Peter I. im Rahmen der Petrinischen Reformen nach dem deutsch-lutherischem Vorbild des Landessuperintendenten durch einen Heiligen Synod (Heiligster regierender Synod) ersetzt, der weltlicher Kontrolle unterstand.
Wiedereinführung des Patriarchats
Im Zuge der ersten russischen Revolution 1905 wurde es den Bürgern des Zarenreiches gestattet, aus der orthodoxen Kirche zu einer anderen christlichen Religionsgemeinschaft überzutreten. Durch das Toleranzedikt verlor die Staatskirche ihr religiöses Monopol und fand sich in einer unerwarteten Lage wieder. Als Antwort darauf entstanden in der Kirche allmählich weitreichende Reformbestrebungen. Daraufhin wurde 1917 das Patriarchat wieder eingeführt und mit dem Erzbischof Tichon besetzt, der als modern und tatkräftig galt; 1918 wurde die Trennung von Kirche und Staat in Russland vollzogen. Die meisten weiteren geplanten Reformen fanden wegen der einsetzenden Verfolgung nicht mehr statt, die damaligen Pläne werden aber teilweise seit dem Ende der Sowjetunion vorsichtig wieder aufgegriffen.
Nach der Oktoberrevolution von 1917 war das Verhältnis zwischen Kirche und Staat gespannt, sie vertraten gegensätzliche Positionen. Die Sowjetmacht sah in der Russisch-Orthodoxen Kirche einen Verbündeten des russischen Zarentums, der trotz dessen Sturz die ausbeutende Gesellschaftsordnung, die sie beseitigen wollte, weiter verfocht. Die Kirche wiederum war durch Herkunft, Erziehung und Besitz mit der überkommenen Ordnung verbunden. Sie sah ihre gesellschaftliche Vorrangstellung mit den Privilegien, Wirkungsmöglichkeiten und Besitzrechten als Voraussetzung für ihren Dienst zum Heil des Menschen.
Die Deklaration vom 2. November 1917 über die Rechte der Völker Russlands hob alle religiösen Vorrechte auf, auch die Privilegien der russisch-orthodoxen Kirche. Das Grundsatzdekret vom Januar 1918 „Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schulen von der Kirche“ verordnete einerseits Gewissensfreiheit und freie Religionsausübung, verbot andererseits den Glaubensgemeinschaften das Eigentumsrecht sowie das zwangsweise Erheben von Geldbeiträgen. Alle staatlichen Zahlungen an Kirchen, Geistliche und Religionslehrer wurden 1918 eingestellt. Zwei Dekrete von 1917 über das Eigentum an Grund und Boden betrafen nicht nur Ländereien von Gutsbesitzern und Krone, sondern auch die von Kirche und Klöstern, die bis dahin deren wichtigste materielle Grundlage gebildet hatten. Im Vergleich zur Zeit vor 1917, als es 54.174 Kirchen, etwa 26.000 Kapellen und 1.025 Klöster gab, blieben 1936 nur etwa 100 Kirchen, in denen noch regelmäßig die Liturgie gelesen wurde („arbeitende Kirchen“), und kein einziges Kloster. Tausende kirchlicher Gebäude fielen einer Art Bildersturm zum Opfer, indem man sie abriss oder profan umfunktionierte. Die Bolschewiki betrieben besonders in den frühen Jahren der Sowjetunion massive Christenverfolgungen, unter Lenin und Stalin gab es Massenhinrichtungen und Deportationen in den Gulag.