Rudolf Wiegmann (* 17. April 1804 in Adensen, jetzt Gemeindeteil von Nordstemmen; † 17. April 1865 in Düsseldorf; alternative Vornamens-Schreibweise: Rudolph Wiegmann; vollständiger Name: Heinrich Ernst Gottfried Rudolf Wiegmann) war ein deutscher Archäologe, Kunsthistoriker, Maler, Zeichner und Architekt am Übergang vom Klassizismus zum Romantischen Historismus. Er wurde als Architekturmaler von Veduten in Ölbildern, Aquarellen und Zeichnungen bekannt. Er wirkte als Grafiker, Radierer, Lithograf, Illustrator und Kunstschriftsteller.
Wiegmann arbeitete als Professor und Sekretär an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er gehörte zum Milieu der Düsseldorfer Malerschule, war Mitglied des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten und wirkte als Sekretär des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen.
Er war Ehemann der Malerin Marie Wiegmann geb. Hancke.
Rudolf Wiegmann war Sohn des Leutnants Heinrich Wiegmann vom zehnten Infanterieregiment und seiner Ehefrau Johanne Dorothee Wiegmann geb. Becker(n), die zuvor am 7. August 1803 in Adensen geheiratet hatten. Rudolf Wiegmann wurde am 4. Mai 1804 in Adensen getauft. Die Paten waren sein Großvater Hauptmann Wiegmann, der Hauptmann Hamelberg, der Senator Toppius aus Eldagsen und der älteste Bruder seiner Mutter Friederich Becker. Der Großvater Johann Christoph Becker war 1773–1815 Besitzer der Rosenmühle in Adensen; dort wohnten auch die Großeltern Wiegmann.
Als Kind besuchte Rudolf Wiegmann mit seinen Eltern und Großeltern sonntags den Gottesdienst in Adensen in der St.-Dionysius-Kirche. Der gotische Baustil dieser Kirche hinterließ bei ihm in seiner Kindheit einen tiefen Eindruck. Jahre später studierte er Architektur, und in den Jahren 1829 bis 1842 veröffentlichte er verschiedene Werke über den gotischen Baustil und den zugehörigen Spitzbogenstil. Sein Jugend- und Studienfreund war der spätere Hannoversche Maler und Stadtarchitekt August Heinrich Andreae (* 4. Dezember 1804; † 6. Januar 1846), den er schon als Kind kennenlernte. Heinrich Wiegmann baute den beiden eine kleine Sternwarte, damit die Freunde Sterne beobachten und ihre Bahn berechnen konnten.
Sein Vater Heinrich Wiegmann schloss sich nach der am 5. Juli 1803 erfolgten Auflösung der Armee des Kurfürstentums Hannover dem 2. leichten Bataillons der Königlich Deutschen Legion in England an, wo er den Rang eines Hauptmanns (Brigade-Major, Capitain) erreichte. In der Schlacht bei Waterloo fiel er am 18. Juni 1815 als Adjutant des Brigade-Kommandeurs Georg Carl August du Plat. Seine Witwe erhielt von dem King’s German Legion Unterstützungs-Committee eine monatliche Witwenrente. Seinerzeit war Rudolf Wiegmann elf Jahre alt.
Da Rudolf Wiegmann nicht in Adensen konfirmiert wurde, muss die Familie Wiegmann während seiner Kindheit aus Adensen fortgezogen sein. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass sein Großvater Johann Christoph Becker im Jahr 1815 die Rosenmühle mit ihren Wohnhäusern verkauft hat und die Familienmitglieder daraufhin ihren Wohnsitz wechseln mussten.
Schon früh interessierte sich Rudolf Wiegmann für Architektur, Mathematik und Astronomie. Er besuchte das Ratsgymnasium (damals Lyceum genannt) in Hannover.
Rudolf Wiegmann erhielt in Hannover bei dem Oberlandbaumeister Conrad Friedrich Wedekind eine erste Unterweisung in der Architektur. Durch Privatunterricht erweiterte er seine mathematischen Kenntnisse. Ab 1823 besuchte er zusammen mit August Heinrich Andreae die Georg-August-Universität Göttingen und studierte Geschichte, Naturwissenschaft, Kunstwissenschaft und Archäologie. Er schreibt, dass ihn vor allem die begeisternden Vorlesungen von Karl Otfried Müller anzogen und ihn mit regem Interesse an der Geschichte der antiken Kunst erfüllten. Seine eigentliche künstlerische Ausbildung erhielt er nach dem Studium in Darmstadt bei dem Oberbaurat Georg Moller.
Seinerzeit galt ein mehrjähriger Studienaufenthalt in Rom als wesentliche Ergänzung zum Hochschulstudium und als wichtige Vorbereitung für den beruflichen Aufstieg. Friedrich Noack berichtete in seinem Buch Das Deutschtum in Rom seit dem Ausgang des Mittelalters, dass in der Zeit der Romantik, die 35 Jahre dauerte, allein etwa 1200 deutsche Künstler eine solche Studienreise nach Rom angetreten haben. Damals war die deutsche Künstlerkolonie in Rom ein wesentliches Zentrum der deutschen Forschung und ein wichtiger Treffpunkt der deutschen Künstler, Architekten und Wissenschaftler und ermöglichte so das Kennenlernen der bedeutenden Persönlichkeiten, die in den deutschen Kleinstaaten Rang und Namen besaßen.
Georg Moller hatte in den Jahren 1807–1809 eine solche Studienreise nach Rom unternommen und bestärkte Rudolf Wiegmann in der Absicht, sein Wissen über die Antike durch praktische Studien in Rom zu ergänzen, zumal das Deutsche Archäologische Institut Instituto di Corrispondenza Archeologica am 2. Januar 1829 in Rom zu arbeiten beginnen sollte und ihm bei seinen archäologischen Forschungen und Ausgrabungen behilflich sein konnte. Eine der Hauptaufgaben sollte für Rudolf Wiegmann die Erforschung der vor kurzem bei den Ausgrabungen in Pompeji entdeckten antiken Wandmalereien sein, die 1826 durch das Buch Neu entdeckte Wandgemälde in Pompeji in 40 Steinabdrücken von Wilhelm Zahn in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses getreten waren.
Deshalb unternahm Rudolf Wiegmann eine Studienreise in die deutsche Künstlerkolonie von Rom. Von 1828 bis Sommer 1832 studierte er dort die Architektur des Altertums und späterer Epochen. Auch beschäftigte er sich mit den Wandmalereien in Pompeji und widmete sich archäologischen Ausgrabungen. August Kestner, Gesandter des Königreichs Hannover in Rom, gestattete seinem Landsmann Wiegmann, zu Forschungs- und Übungszwecken ein Zimmer seiner Dienstwohnung im pompejanischen Stil auszumalen. Andreas Andresen schrieb 1872: „Die mannigfache Berührung, in welche er dort mit den bedeutendsten Männern seines Faches kam, konnte nicht verfehlen, dem lebhaften Interesse, das er von jeher überhaupt an der bildenden Kunst genommen hatte, neue Nahrung zu geben. Zunächst fesselte ihn besonders ein Gegenstand, der zu der Architektur in naher Beziehung stand, die damals von München aus angeregte Untersuchung der eigentlichen Natur der antiken Wandmalerei, wie sie in Pompeji vorgefunden wurde. Nach mühevollen Forschungen und Versuchen brachte der die Frage, welche die Archäologen von Caylus an bis zu Raoul-Rochette herab fast ein Jahrhundert lang beschäftigt hatte, zum vollständigen Abschluss.“ Das Ergebnis seiner Studien in Pompeji beschrieb er 1836 in dem Buch Die Malerei der Alten in ihrer Anwendung und Technik: insbesondere als Decorationsmalerei.
Nach seiner Rückkehr nach Hannover im Jahr 1832 malte er Veduten in Öl mit Motiven aus Italien und detailgenaue Aquarelle von Bauwerken. Die einzige architektonische Arbeit von ihm, die er in Hannover hinterließ, ist der Überbau eines Grabgewölbes für den reichen Bürger Söhlmann auf dem St. Nicolai-Kirchhof. Außerdem schuf er Ansichten von Hannover und Herrenhausen in Zeichnungen, Aquarellen, Lithografien, Radierungen und Ölgemälden. Im Jahr 1835 gab er ein Album von Hannover mit romantischen Ansichten auf sechs Lithographien und einem Umschlagbild heraus, die er von 1834 bis 1835 gezeichnet und lithographiert hatte.
Er beteiligte sich an dem von seinem Freund Bernhard Hausmann am 3. Mai 1832 gegründeten Kunstverein Hannover und in den Jahren 1834–1838 und manchmal auch später an dessen Ausstellungen. Zusammen mit seinem Freund August Heinrich Andreä war er Mitglied im Schiedsgericht für die Zulassung von Werken zur Ausstellung des Kunstvereins.
Seinerzeit waren die Ausstellungen der deutschen Kunstvereine Verkaufsausstellungen, in denen die Künstler ihre neuen Werke vorstellten. Die Kunstvereine kauften bei der Ausstellung verschiedene Werke an und verlosten sie bei ihrer Generalversammlung unter denen, die vorher Aktien des Kunstvereins erworben hatten. Sie präsentierten ihre zur Verlosung angekauften Werke aber auch in Ausstellungen anderer Kunstvereine. So zeigte der Hannoversche Kunstverein 1873 das von ihm zur Verlosung angekaufte Gemälde Vornehme englische Frau aus dem 15. Jahrhundert von Rudolf Wiegmanns Witwe Marie Wiegmann in der 183. Kunstausstellung des Oldenburger Kunstvereins. Da die Besucher der Ausstellungen aber auch Gemälde bekannter Maler sehen wollten, mussten die Kunstvereine zusätzlich Leihgaben aus Galerien ausstellen.