Rudolf Schwander (* 23. Dezember 1868 in Colmar, Kaiserreich Frankreich; † 25. Dezember 1950 in Oberursel, Taunus) war ein deutscher Politiker und Sozialreformer. Er wirkte u. a. als Bürgermeister von Straßburg und Oberpräsident von Hessen-Nassau.
Im Reichsland Elsaß-Lothringen
Der gebürtige Elsässer Rudolf Schwander war der Sohn von Anne Barbe Schwander, der Leiterin einer Kinderkrippe in Colmar, und laut weit verbreiteten Vermutungen dem Colmarer Bürgermeister Camille Schlumberger. Nach dem Besuch der Volks- und Spezialschule arbeitete Schwander zunächst als Schreiber und Bürogehilfe in seiner Geburtsstadt Colmar, holte aber nebenbei das Abitur nach. Zwischen 1897 und 1901 studierte er an der Universität Straßburg Rechts- und Staatswissenschaften am Institut für Politik- und Sozialwissenschaften, das damals unter der Leitung von Georg Friedrich Knapp stand, und wurde dort 1904 mit einer Arbeit über das französische Armenwesen zum Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Dr. rer. pol.) promoviert.
Der damalige Colmarer Bürgermeister August Riegert wollte Schwander für die Leitung einer Abteilung für Sozialhilfe und Statistik in der Stadtverwaltung von Colmar gewinnen, jedoch wurde deren Einrichtung vom Colmarer Stadtrat abgelehnt. Der Straßburger Bürgermeister Otto Back übertrug ihm daraufhin die Leitung der Armen- und Spitalverwaltung in Straßburg. Schon während seines Studiums hatte sich Schwander für sozialpolitische Fragen interessiert und war Mitglied der Sozialen Vereinigung, einer Ortsgruppe des von Friedrich Naumann gegründeten Nationalsozialen Vereins geworden. Während des Studiums machte Schwander auch die Bekanntschaft der beiden Brüder Wolf (Alfred und Georg Wolf) und des Juristen Otto Mayer, die später zusammen mit Schwander in der Demokratischen Partei aktiv waren. 1903 trat er dem Deutschen Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit, dem Dachverband der öffentlichen und privaten Wohlfahrtseinrichtungen, bei, der ihm später – 1930 – die Ehrenmitgliedschaft verlieh. Im Jahr 1902 wurde Schwander zum stellvertretenden Bürgermeister Straßburgs ernannt. Beeinflusst durch Friedrich Naumann führte er in der Folgezeit bahnbrechende Sozialreformen durch und etablierte im Jahre 1905 das Straßburger System. Kommunale Behörden – sogenannte Armenämter – wurden mit der Aufgabe betraut, Einwohner auf ihre Bedürftigkeit zu prüfen und zu entscheiden, ob ein Anrecht auf öffentliche Unterstützung bestand, und nicht mehr wie zuvor durch allein Ehrenamtliche. Indem er das sogenannte Elberfelder System abschaffte, machte Schwander damit den ersten Schritt hin zu einer professionellen Sozialhilfe. Im Jahr 1903 wandelte er das städtische Amt für Beschäftigungsstatistik in ein städtisches Arbeitsamt um und führte im Dezember 1906 in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Verband der freien (sozialdemokratischen) Gewerkschaften eine städtische Arbeitslosenversicherung ein. Das Tagegeld für die Winterbaustellen der Arbeitslosen wurde neu bewertet. Schwander führte die Studien durch, die 1905 zur Verabschiedung eines Statuts für Beamte, Angestellte und Arbeiter der Stadtverwaltung führten: Gehaltsentwicklung, Beförderung nach Dienstaltersstufen, Familienzulagen, Altersrenten und paritätische Ausschüsse.
Nach dem Rücktritt des Bürgermeisters Back im Jahr 1906 beschloss der Stadtrat von Straßburg, in dem die Sozialdemokraten und Demokraten die Mehrheit hatten, einen professionellen Bürgermeister einzustellen. An der Ausschreibung nahmen die beiden stellvertretenden Bürgermeister von Straßburg, Hochapfel (rechtsliberaler und Zentrumspolitiker) und Schwander (Liberaler, unterstützt von den Sozialdemokraten) teil. Schwander gewann die Wahl. Obwohl in der Öffentlichkeit eine Kampagne gegen ihn geführt worden war, bestätigte das Ministerium seine Wahl. In seiner Funktion als Bürgermeister traute er im April 1908 persönlich die in Straßburg geborene und von ihm schon früher geförderte Elly Knapp mit Naumanns engem Mitarbeiter Theodor Heuss. Bein der Kommunalwahl 1908 gewannen die Liberalen und das Zentrum und Schwander leitete die Geschicke der Stadt danach mit einer bürgerlichen Stadtratsmehrheit. In den folgenden Jahren wurden unter seiner Leitung umfangreiche Projekte des Stadtumbaus und Wohnungsbaus realisiert, insbesondere das Projekt des „Großen Durchbruchs“, zum Zweck der Sanierung und der Verbesserung der Wohn- und Verkehrsverhältnisse, weiter fortgeführt. Ab 1904 wurden 135 baufällige Häuser abgerissen und rund 3000 Straßburger Bewohner aus dem Stadtzentrum umgesiedelt. Viele Familien fanden in der von Édouard Schimpf entworfenen Gartenstadt Stockfeld im Süden Straßburgs ein neues Zuhause. Zusammen mit seinem geschickten Mitarbeiter Walter Leoni gelang es ihm, für die Stadt Straßburg die Aktienmehrheit am Elektricitätswerk Strassburg, das zum AEG-Firmenkonglomerat gehörte, zu erwerben. In ähnlicher Weise beteiligte sich die Stadt an Transportunternehmen und Unternehmen der öffentlichen Gasversorgung. Schwander befürwortete ein gemischtwirtschaftliches System, bei dem die Stadt Aktionärin, oft sogar Mehrheitsaktionärin, war, die Leitung des Unternehmens jedoch dem privaten Unternehmer überließ.
Nach Konstitueriung des ersten elsass-lothringischen Landtags nach der Landtagswahl 1911 war Schwander kraft Amtes Mitglied der ersten Kammer des Landtags. Während des Ersten Weltkrieges kümmerte er sich um die Organisation der Versorgung der Straßburger Bevölkerung.
1917 bekleidete er drei Monate das Amt eines kommissarischer Staatssekretär im Reichswirtschaftsamt. Ende 1917 hatte Reichskanzler Georg von Hertling eine Reihe von Instanzen zum künftigen Status Elsass-Lothringens konsultiert, und Schwander hatte sich bei dieser Gelegenheit wie die Mehrheit der Befragten (Statthalter, Staatssekretär für Elsass-Lothringen usw.) für einen Anschluss des Reichslandes an Preußen ausgesprochen. Im Juni 1918 kehrte er ins Straßburger Rathaus zurück. Gegen Kriegsende wurde er am 14. Oktober 1918 zum Statthalter im Reichsland Elsaß-Lothringen ernannt. Geplant war die Bildung einer parlamentarischen Regierung unter Karl Hauss, in einem letzten Versuch, die drohende Annexion Elsass-Lothringens durch Frankreich zu verhindern.
Dazu kam es jedoch nicht mehr und am 11. November 1918 reichten sowohl Schwander als auch Hauss ihren Rücktritt ein. Schwander verließ das Elsass Richtung Deutschland noch vor dem Einmarsch der Franzosen.
Schon am 8. Juli 1919 trat Schwander das Amt des Oberpräsidenten der preußischen Provinz Hessen-Nassau mit Amtssitz in Kassel an. Außerdem war er als Staatskommissar der hessischen Universitäten Marburg und Frankfurt am Main tätig. Er war an der Gründung zahlreicher Organisationen der Elsässer und Lothringer im Reich beteiligt: 1919 am Hilfsbund für Elsaß-Lothringer im Reich und 1923 an der Alt-Elsass-Lothringischen Vereinigung, die sich für eine Entschädigung der 1918 durch die neuen französischen Machthaber aus Elsaß-Lothringen Ausgewiesenen einsetzte, ein Ziel, das 1928 durch ein Reichsgesetz erreicht wurde. Schwander war auch an der Gründung des Wissenschaftlichen Instituts der Elsass-Lothringer im Reich (Kassel 1920) beteiligt, das 1922 seinen Sitz in Frankfurt nahm. Politisch war er der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) verbunden, der zahlreiche emigrierte Elsässer und Lothringer angehörten. Anfänglich setzte sich Schwander dafür ein, dass die Partei das Ziel der Rückgewinnung Elsass-Lothringens, oder zumindest eine Volksabstimmung über dessen staatliche Zugehörigkeit, in das Parteiprogramm aufnahm. Nach dem Vertrag von Locarno modifizierte er seinen Standpunkt in Richtung einer Forderung nach kultureller Autonomie. Im April 1930 wurde er pensioniert und nahm seinen Wohnsitz in Frankfurt. Dort übernahm er den Vorsitz im Verwaltungsrat der Societäts-Druckerei, die die große liberale Frankfurter Zeitung herausgab.
Während des Nationalsozialismus
Schwander beteiligte sich an der Herausgabe der unter der Leitung von Georg Wolfram veröffentlichten Reihe „Das Reichsland Elsass-Lothringen“ und verfasste dafür 1938 einen Artikel über die Regierungen und die Verfassung des Reichslandes.