Rudolf Schulten (* 16. August 1923 in Oeding; † 27. April 1996 in Aachen) war ein deutscher Physiker und Visionär einer Energiewirtschaft, die Kernenergie in großem Umfang nutzen sollte.
Schulten war der Überzeugung, dass langfristig der Bedarf an elektrischer Energie, an Heizwärme/Prozesswärme und an Kraftstoff im Wesentlichen durch Kernenergie und Sonnenenergie gedeckt wird, beide zur Nutzung umgewandelt in elektrischen Strom oder chemische Energie, vor allem in Wasserstoff (Wasserstoffwirtschaft). Auch für Kernbrennstoff galt für ihn das Postulat des sparsamen Umgangs mit Energieträgern.
Schulten entwickelte das Kernkraftwerk mit Kugelhaufenreaktor. Er glaubte, so könne man Kernenergie effizient und sicher im Elektrizitätsmarkt, im Heizwärme/Prozesswärmemarkt und im Kraftstoffmarkt sicher nutzen, immer darauf verweisend, dass der Elektrizitätsmarkt nur etwa 20 % und der Wärme- und Kraftstoffmarkt etwa 80 % des Energiemarktes ausmachen.
Schulten schlug vor, den Transport von Elektrizität (mit ihren Problemen bei der Speicherung) durch den Transport von Energie mittels Wasserstoff, auch Synthesegas (beide erzeugt unter Verwendung von Kernenergie) zu ersetzen.
Der Spiegel schrieb in seinem Nachruf auf Rudolf Schulten am 6. Mai 1996: „Aus Atomkraftwerken wollte er eine ‚normale Technik‘ machen.“
Rudolf Schulten wurde am 16. August 1923 als Sohn des Textil-Fabrikanten Franz Schulten geboren. Sein westfälisches katholisches Elternhaus prägte sein Denken, Empfinden und Handeln zeitlebens. Schulte wurde im Zweiten Weltkrieg verwundet. Von 1945 bis 1949 studierte er Mathematik und Physik an der Universität Bonn mit dem Abschluss Diplom-Mathematiker. Er wurde 1952 unter Werner Heisenberg und Richard Becker an der Universität Göttingen mit der Dissertation Berechnungen der magnetischen Momente und Quadrupolmomente einiger leichter Kerne zum Dr. rer. nat. promoviert. Bis 1956 war er wissenschaftlicher Assistent bei Werner Heisenberg und Karl Wirtz am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen. Er gehörte der von Wirtz 1953 im Sinne der Rede Atoms for Peace von US-Präsident Eisenhower zusammengestellten, vor dem Deutschlandvertrag der Pariser Verträgen vom 5. Mai 1955 eigentlich nicht erlaubten Studiengruppe für Reaktorphysik an, die in Wirklichkeit bereits eine Planungsgruppe für Reaktorkonstruktion war.
Ab 1956 war Schulten beim Industrieunternehmen Brown, Boveri & Cie (BBC) in Mannheim tätig, wo er die Abteilung Reaktorentwicklung aufbaute, deren Leiter er war. 1957 bis 1961 war Schulten Geschäftsführer einer Arbeitsgemeinschaft von Brown, Boveri & Cie (BBC) und Friedrich Krupp AG zur Planung eines Kernkraftwerks. Von 1961 bis 1964 war Schulten Geschäftsführer der Brown Boveri/Krupp Reaktorbau GmbH (BBK) in Mannheim. 1957 wurde Schulten Lehrbeauftragter für Kernenergiegewinnung und Reaktorkonstruktion und 1961 Honorarprofessor für Reaktorphysik, beides an der Technischen Hochschule Karlsruhe.
Ab 1964 bis zu seiner Emeritierung 1989 war Schulten Ordinarius des Lehrstuhls für Reaktortechnik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und zugleich Direktor am Institut für Reaktorentwicklung der vormaligen Kernforschungsanlage Jülich. Von 1973 bis 1974 war Schulten Dekan der Fakultät für Maschinenwesen und von 1983 bis 1985 Prorektor für Forschung und Technik, beides an der RWTH Aachen. Von 1969 bis 1985 war Schulten mit Unterbrechungen insgesamt acht Jahre Vorsitzender des Wissenschaftlich-Technischen Rates der KFA Jülich.
Von 1965 bis 1970 war Schulten für die THTR-Assoziation (EURATOM, BBK, KFA) der Leiter des Projektes Prototypreaktor THTR-300.
Von 1981 bis 1984 war Schulten Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) der deutschen Bundesregierung und der RSK-Ausschüsse „Leichtwasserreaktoren“ und „Hochtemperaturreaktoren“.
Von 1958 bis 1995 war Schulten zunächst Mitherausgeber und dann Mitglied des Herausgeberbeirats der Fachzeitschrift atw – atomwirtschaft – atomtechnik (heute atw – International Journal for Nuclear Power), des offiziellen Fach- und Mitteilungsblatts der Kerntechnischen Gesellschaft e.V.
Rudolf Schulten war verheiratet mit Elisabeth geb. Stützel aus Düsseldorf. Das Ehepaar Schulten hat eine Tochter und zwei Söhne, darunter Dr. rer. pol. Rudolf Schulten, Senior Adviser der Roland Berger Strategy Consultants, ehedem Abteilungsleiter der Berliner Stromversorger BEWAG, kaufmännischer Vorstand der GASAG Berliner Gaswerke Aktiengesellschaft, Vorsitzender des Vorstandes der MVV Energie AG, Mannheim, und Finanzvorstand der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, Stuttgart.
Ab 1955 war Schulten mit der Planung des ersten deutschen Kernreaktors, des Forschungsreaktor 2, befasst, der bei der 1956 gegründeten Reaktorbau- und -betriebsgesellschaft mbH in Karlsruhe gebaut wurde. Deshalb hielt sich Schulten verschiedentlich in den USA, vor allem beim Oak Ridge National Laboratory, und in Großbritannien auf, um die laufenden Kernreaktor-Entwicklungen zu studieren. Dies geschah auch schon 1954, verbotenerweise vor dem Deutschlandvertrag der Pariser Verträge vom 5. Mai 1955, durch den der Bundesrepublik Deutschland Forschung und Entwicklung der zivilen Nutzung der Kernenergie erlaubt wurde.
Anfang der 1950er-Jahre kam weltweit die Angst vor einer Energieknappheit auf. So sahen die Deutschen ihr Wirtschaftswunder gefährdet. Auf der 1. Internationalen Konferenz der friedlichen Nutzung der Kernenergie vom 8. bis 20. August 1955 in Genf, an der Deutschland nach dem Ende seines Besatzungsstatus am 5. Mai 1955 teilnehmen durfte, wurde die zivile Nutzung der Kernenergie als Lösung für die Überwindung der vermeintlichen Energieknappheit identifiziert. 68 Mitglieder zählte die deutsche Delegation aus überwiegend Wissenschaftlern sowie einigen Vertretern aus den Bundesministerien und der Wirtschaft. Der 32-jährige Schulten nahm an der Konferenz teil.
Die deutschen Teilnehmer waren entsetzt über den Rückstand, den Deutschland im Wissen um die zivile Nutzung der Kernenergie hatte. Die Wissenschaft im Einvernehmen mit der Politik regte an, dass in Deutschland alle Kräfte gebündelt werden müssten, um diesen Rückstand zu überwinden. Allenthalben folgte eine Zeit des Aufbruchs in Sachen Kernenergie, quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen.
Auch Rudolf Schulten fühlte sich zum Handeln aufgerufen, die zivile Nutzung der Kernenergie zu verwirklichen, im Elektrizitäts- wie auch im Heizwärme/Prozesswärme- sowie im Kraftstoffmarkt, so wie es die Konferenz in Genf gefordert hatte.
Schulten entschied sich von Anfang an für den Thorium-Uran-Zyklus und gegen den Uran-Plutonium-Zyklus, wie er beim Leichtwasserreaktor LWR zur Anwendung kommt. Er verfolgte die Möglichkeit, im Kernreaktor den Kernbrennstoff Uran-233 aus dem Brutstoff Thorium-232 zu erzeugen und in situ zu nutzen, ohne Plutonium zu bilden. Ein Grund war der allgemein befürchtete Preisanstieg des natürlichen Kernbrennstoffs Uran-235 durch dessen vermeintliche nachfragebedingte Verknappung. Thorium ist in der Erdkruste etwa doppelt bis dreimal so häufig wie Uran. Schulten hatte außerdem grundsätzliche Vorbehalte gegenüber den gesundheitlichen Gefährdungen durch Plutonium. Neueste Entwicklungen heute sehen den Thorium-Uran-Brennstoffzyklus in Salzschmelzenreaktoren besser verwirklichbar, ebenfalls kontinuierlich beschickt wie der Kugelhaufenreaktor.
1956 wurde Schulten die Aufgabe gestellt, ein Kernkraftwerk für den kommunalen Energieversorger Stadtwerke Düsseldorf zu entwickeln. Sein Gegenüber dort war Werner Cautius, technischer Leiter der Elektrizitätswerke der Stadtwerke Düsseldorf. Cautius wünschte ein Kernkraftwerk mit Wirkungsgrad und Verfügbarkeit, wie sie bei fossilen Kraftwerken üblich sind.