Rudolf Iwanowitsch Abel (russisch Рудольф Иванович Абель, * als William Genrichowitsch Fischer 11. Juli 1903 in Benwell/Newcastle upon Tyne, Vereinigtes Königreich; † 15. November 1971 in Moskau), alias Rudolf Ivanovich Abel, William („Willie“) Genrikowitsch (August) Fisher (auch Fischer), Emil Robert Goldfus (auch Goldfuss oder Goldfuß), Frank, Marc, Andrew Kayotis, Martin Collins, war einer der erfolgreichsten Agenten der UdSSR in den USA. Unter anderem spionierte er für die Sowjetunion amerikanische Atomgeheimnisse aus.
1957 enttarnt und verhaftet, wurde er am 10. Februar 1962 auf der Glienicker Brücke an der Grenze von Potsdam (DDR) zu West-Berlin gegen den amerikanischen U-2-Piloten und CIA-Spion Captain Francis Powers ausgetauscht. Spätestens dieser Vorgang machte ihn weltweit bekannt.
Abels Vater war der russlanddeutsche Heinrich (Genrich) Matwejewitsch Fischer (* 1871 in Andrejewskoje, Gebiet Jaroslawl, Russland; † 1935 in Moskau), ein Weggefährte Lenins und Revolutionär, der 1889 verhaftet und zu drei Jahren Exil verurteilt wurde. 1901 emigrierte er nach Großbritannien, wo er 20 Jahre lang als Sekretär die Fabrikarbeiter in Newcastle organisierte. Er schmuggelte Waffen nach Russland und war der Autor des Buches В России и в Англии / W Rossii i w Anglii (In Russland und in England, Bericht über sein Leben und Wirken in Newcastle, 1922). Abels Mutter war die aus Saratow stammende Hebamme Ljubow Wassiljewna. Außerdem hatte er noch einen älteren Bruder, Heinrich (Genrich) Fischer.
1919 bestand Abel die Aufnahmeprüfung der Universität von London und wurde britischer Staatsbürger. 1921 kehrte Abels Familie zurück nach Russland. Kurz nach der Rückkehr ertrank Abels Bruder. Abel arbeitete zunächst als Übersetzer für die Komintern und wurde bei der Tscheka ausgebildet.
Nach Lenins Tod 1924 verlor Abels Vater seine guten Beziehungen und zog von Moskau in die Region Wologda. Abel wurde 1925 in die Rote Armee eingezogen, wo er bis 1926 in einem Fernmeldebataillon als Funker diente. Durch eine Empfehlung seiner Schwägerin bekam er 1927 eine Stelle im Sicherheitsdienst GPU. Später arbeitete er dort in der Auslandsabteilung, überwiegend als Funker.
Abel heiratete Jelena Stepanowna Lebedewa, eine Cellistin im Orchester eines Kindertheaters. Die gemeinsame Tochter Evelyn wurde 1929 geboren. 1931 ging Abel mit Frau und Tochter zu seinem ersten Einsatz nach Norwegen. Er arbeitete dort unter dem Codenamen Frank, erhielt einen neuen, echten britischen Pass und reiste unter seinem eigenen Namen in verschiedene europäische Länder (so nach Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Türkei). Dort organisierte er ein Netz konspirativer Funkstationen. Gelegentlich trat er zur Tarnung als Künstler auf. 1934 kehrte Abel in die Sowjetunion zurück. Er wurde als Funker und Chiffrierer 1935 nach Großbritannien geschickt und übermittelte von dort Informationen der Gruppe um Kim Philby nach Moskau.
Auf Abels Initiative nahm sein langjähriger Weggefährte Kirill Chenkin Kontakt zu dem renommierten russischen Physiker Pjotr Kapiza (Nobelpreis für Physik 1978) auf. Chenkin glaubte, dass es für Abel wichtig sei, wenn er Kapiza, der damals in England lebte, überredete, in die Sowjetunion zurückzukehren. Kapizas Pass wurde eingezogen, als er aus familiären Gründen im Jahr 1934 die Sowjetunion besuchte. Er wurde so an der Ausreise gehindert, da er ausreisen wollte, obwohl er sonst viele Privilegien genoss und für ihn sogar ein eigenes Institut gebaut wurde. In den Memoiren von Andrei Sacharow bestätigte Kapiza den Vorfall und erwähnte darin auch Abels richtigen Namen Fischer.
1936 leitete Abel eine Ausbildungsstätte für Funker, die in geheimen Residenturen eingesetzt werden sollten.
Im Zuge der großen Säuberungsaktionen unter Stalin wurde Abel am 31. Dezember 1938 aus dem Nachrichtendienst entlassen. Nur gute Beziehungen seines Stiefbruders verhinderten, dass er zum Volksfeind (russ. враг народа) erklärt und verbannt wurde, nachdem sein ehemaliger Chef in Großbritannien, Alexander Michailowitsch Orlow, in die USA geflohen war, um einer wahrscheinlichen Erschießung in Moskau zu entgehen. 1939 arbeitete Abel als Patenttechniker und später als Ingenieur in einer Flugzeugfabrik. Der NKWD stellte ihn im September 1941 wieder ein und übertrug ihm die Leitung der Funkabteilung „Otdelnaja Brigada NKWD“ in Pawel Sudoplatows „4. Direktion für spezielle Aufgaben“ (Sudoplatow war Kopf einer speziellen Abteilung für Information und Sabotage „MGB“, ab 1950 bekannt als Büro MGB N1 für Auslandssabotage). Abel war 1942 verantwortlich für den Spielsender „Monastery“, eine Einrichtung, die mit gezielten Falschmeldungen die deutsche Abwehr täuschen sollte. Während dieser Zeit teilte er seine Moskauer Wohnung mit dem echten Rudolf Abel und dem späteren Dissidenten Kirill Chenkin. Der echte Rudolf Abel war sein Kollege (* 23. September 1900, Riga, Lettland, nicht am 2. Juli 1902, wie es Abel später beim FBI angab). Abel wechselte 1946 zum Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) unter der Leitung von Alexander Korotkow, stand aber weiterhin Sudoplatow zur Verfügung. 1948 bekam Abel eine Spezialausbildung für seinen späteren Einsatz in den USA.
Am 12. Oktober 1948 reiste Abel unter dem Codenamen „Arach“ über Frankreich und Kanada in die USA. Zum Aufbau seiner Tarnung erhielt er einmalig 5.000 US-Dollar und ein monatliches Gehalt von 500 US-Dollar. Abel bestieg in Le Havre, Frankreich, ein Schiff und schiffte sich am 14. November 1948 in Québec, Kanada aus. Als Tourist erreichte Abel am 16. November 1948 die USA. Er reiste mit dem US-Pass von Andrew Kayotis. Der verwendete Name und der Pass war der eines amerikanischen Staatsbürgers (* 10. Oktober 1895, Einwanderung in die USA Oktober 1916, US-Staatsbürger ab dem 30. Dezember 1930 in Grand Rapids, Michigan), der in einem Krankenhaus in der Litauischen SSR (Sowjetunion) gestorben war.
Abels Aufgabe war die Reorganisation und Erweiterung eines illegalen Spionagenetzes. Agenten mit „legaler“ Abdeckung, die Pässe als Konsularangehörige besaßen oder Mitglieder des Diplomatischen Corps waren, unterstanden ihm nicht. Er sollte ein eigenständiges System von Funkverbindungen nach Moskau aufbauen. Außerdem errichtete er ein Sabotagenetz, eigentlich zwei Einzelnetze: Westküste und Ostküste. Das „Westnetz“ rekrutierte Agenten in Kalifornien, Brasilien, Argentinien und Mexiko. Die lateinamerikanischen Agenten waren Sabotagespezialisten mit besonderer Erfahrung im Guerillakampf gegen Deutschland. Eine von ihnen, Maria de la Sierra (África de las Heras, Codename „Patria“), war Leo Trotzkis frühere Sekretärin (alias „Afrika“).
Michael und Anna Filonenko waren Abels Kontaktpersonen in Brasilien. Michael Filonenko war ein äußerst erfolgreicher Sowjetagent in Südamerika. Er war dort 1951 über die Volksrepublik China als Einwanderer eingeschleust worden. Seine mathematischen Kenntnisse und Erfahrung im Sprengen von Brücken und Eisenbahnanlagen brachten ihn ins Geschäft mit der brasilianischen Regierung und dem Diktator Alfredo Stroessner in Paraguay. Nach Abels Verhaftung 1957 wurden Filonenkos Kontakte über ein spezielles „Fischerboot“, einem als Fischdampfer getarnten sowjetischen Spionageschiff, im Atlantik aufrechterhalten.
Abels erste Ziele waren die Militäreinrichtungen an der Westküste bei Long Beach. Seine Agenten hatten Kontakt zu US-Chinesen, die auf Schiffen Sprengstoff in den Fernen Osten brachten und von dort holten. An der Ostküste wurde Abel von Kurt Wissel unterstützt, Oberingenieur einer Schiffswerft in Norfolk, der seine Sabotageerfahrung aus dem Vorkriegseuropa einbrachte. Sie bauten ein Sabotagenetz aus Werftarbeitern, Service-Personal und Deutschstämmigen auf.
Abel leitete 1949 die Versuche zur Kontaktaufnahme mit führenden Atomwissenschaftlern, um sie zu einer Unterstützung der „Internationalen Antifaschistischen Wissenschaftlichen Gemeinschaft“ zu bewegen. Inzwischen war der „Kalte Krieg“ ausgebrochen und den Amerikanern war klar, dass die Sowjets bereits Kernwaffen hatten. In New York traf er Theodore Alvin Hall, um Zweifel zu zerstreuen, die Hall gegenüber Spionage hatte. Der gerade 19-jährige Hall (Codename Perseus, Mlad), wurde eine der wichtigsten Quellen der Informationsbeschaffung über das Los Alamos National Laboratory. Er lieferte Informationen für die sowjetische Aufklärung, weil er „um die Gefahren eines amerikanischen Monopols der Atomwaffen besorgt war“. Zusätzlich zu den „Spezialaufgaben“ hielt Abel Kontakt zu dem bestehenden Atomspionage-Ring. Er versuchte Beziehungen zu Atomphysikern und Wissenschaftlern bei Atomprojekten zu erweitern und auszubauen. Er leitete die Aktivitäten der bekannten Spione Lona Cohen und Morris Cohen (Codenamen: Volunteer, Lesly), mit denen er eng befreundet war. Die Cohens waren überzeugte Stalinisten und warben etliche Informanten an. Sie hielten den Kontakt zu Theodore A. Hall und zu sowjetischen Führungsoffizieren.