Rudolf Karl Bultmann (* 20. August 1884 in Wiefelstede; † 30. Juli 1976 in Marburg) war ein deutscher evangelischer Theologe und Professor für Neues Testament. Bekannt wurde er durch sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. Seine Auffassungen wurden von der Systematischen Theologie und der Philosophie aufgegriffen.
Rudolf Bultmann war ein Sohn des evangelischen Pfarrers Arthur Kennedy Bultmann und dessen Ehefrau Helene, geborene Stern. Während der Vater sich der liberalen Theologie zuwandte, behielt seine Mutter zeitlebens eine pietistische Einstellung bei. Von 1895 bis 1903 besuchte Bultmann das humanistische Gymnasium in Oldenburg und war während dieser Zeit Mitglied der Schülerverbindung Camera obscura Oldenburgensis.
Nach dem Abitur studierte er Evangelische Theologie und Philosophie zunächst in Tübingen, wo er mit besonderem Interesse der Vorlesung Karl Müllers über Kirchengeschichte folgte. In Tübingen wurde Bultmann Mitglied der Akademischen Verbindung Igel. Nach drei Semestern wechselte er 1904 nach Berlin, wo er unter anderem bei Adolf von Harnack und Hermann Gunkel studierte. Schon im Sommer 1905 zog Bultmann nach Marburg, wo er sich zunehmend auf sein späteres Spezialgebiet konzentrierte, das Neue Testament. Einflussreiche Lehrer dieser Zeit waren Adolf Jülicher, Johannes Weiß und Wilhelm Herrmann.
Nachdem er 1907 das erste theologische Examen abgelegt hatte, erlangte Bultmann 1910 in Marburg mit einer Arbeit über den Stil der paulinischen Predigt die Doktorwürde. Zwei Jahre später habilitierte er sich mit einer Untersuchung über die Exegese des Theodor von Mopsuestia, ebenfalls in Marburg. Der Titel seiner Antrittsvorlesung lautete: Was läßt die Spruchquelle über die Urgemeinde erkennen? Bultmann lehrte zunächst als Privatdozent. 1916 erhielt er einen Ruf nach Breslau, im Jahr darauf heiratete er Helene Feldmann. Die Novemberrevolution 1918/19 löste bei Bultmann einen politischen Denkprozess aus, der ihn in die Nähe der politischen Linken führte und für sozialistische Ideale öffnete. Er las zustimmend Lenins Staat und Revolution, und engagierte sich in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Im Jahr 1922 publizierte er in den Sozialistischen Monatsheften ein Plädoyer für die Verbindung von Religion und Sozialismus. Im Jahr 1924 trat er in das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ein. 1920 folgte Bultmann einem Ruf nach Gießen, kehrte als Nachfolger von Wilhelm Heitmüller jedoch schon 1921 nach Marburg zurück. Dort setzte er sich intensiv mit der Philosophie Martin Heideggers auseinander, der 1923 bis 1928 eine außerordentliche Professur in Marburg innehatte.
In der Zeit des Nationalsozialismus schloss Bultmann sich der Bekennenden Kirche und dem Pfarrernotbund an. Er wies in Predigten auf Widersprüche zwischen nationalsozialistischer Ideologie und christlichem Glauben hin. Er übte jedoch keinen offenen Widerstand und blieb daher bis zu seiner Emeritierung 1951 im Amt. Im Zuge der Entnazifizierung der Philipps-Universität Marburg setzte er sich für die Entlassung von NS-belasteten Hochschullehrern ein (Georg Wünsch, Wilhelm Mommsen). Im Herbst 1944 nahm Bultmann bis zum Kriegsende die spätere Theologieprofessorin Uta Ranke-Heinemann in seinen Haushalt auf, eine Tochter Hilda Heinemanns, die 1926 bei ihm ihr theologisches Staatsexamen abgelegt hatte, und des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann.
Bultmanns bedeutender Vortrag über Neues Testament und Mythologie (1941) fällt in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die mit diesem Vortrag begonnene Entmythologisierungsdebatte wurde nach dem Krieg kontrovers geführt und führte auf der Flensburger Synode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands 1952 zu einer bischöflichen Erklärung, die sich gegen Bultmanns Ansatz der Entmythologisierung des Neuen Testaments richtete. Es handelte sich jedoch nicht um eine Lehrverurteilung und der Landesbischof Eduard Lohse drückte Bultmann einige Jahre vor dessen Tod das Bedauern der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers über die zwanzig Jahre zuvor abgegebene Erklärung aus. 1957 erhielt Bultmann den Reuchlin-Preis der Stadt Pforzheim.
Ab 1958 war er korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und seit 1960 der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Die Accademia Nazionale dei Lincei nahm ihn 1968 als auswärtiges Mitglied auf.
Das Grab Helene und Rudolf Bultmanns befindet sich auf dem Marburger Hauptfriedhof.
Rudolf Bultmann heiratete 1917 Helene K. W. B. Feldmann (1892–1973), sie hatten vier Töchter:
Emma (1915–1977), verheiratet mit dem Schweizer Theologen Christophe Senft (1914–1988)
Antje Bultmann Lemke (1918–2017), Bibliothekarin
Gesine Diesselhorst, geborene Bultmann (1920–2017), Flötistin, verheiratet mit dem Juristen Malte Diesselhorst
Heilke Bultmann (1924–2006), Cellistin.
Der Cellist Jan Diesselhorst (1954–2009) war Rudolf Bultmanns Enkel.
Bultmann hatte eine Schwester. Sein Bruder Peter Bultmann (1888–1942) war Bibliothekar und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und starb im französischen Internierungslager Septfonds.
Formkritik des Neuen Testaments
1921 veröffentlicht Bultmann seine Geschichte der synoptischen Tradition, die bis heute als Standardwerk zur Exegese des Neuen Testaments gilt. Er liefert darin eine gründliche formgeschichtliche Analyse der synoptischen Evangelien, in der er versucht, einzelne Quellen zu identifizieren, die Eingang in die Evangelien gefunden haben. Ähnlich wie Martin Dibelius vertritt er dabei die Ansicht, dass auch die ältesten Schriftquellen, die auf diese Art rekonstruiert werden, aus einer vorliterarischen Überlieferungsphase hervorgegangen sind. Sie dürften daher nicht als objektive historische Berichte betrachtet werden, sondern seien bereits vom Glauben der Jerusalemer Urgemeinde geprägt. Für das richtige Verständnis sei es nötig, ihren „Sitz im Leben“ der Urgemeinde zu berücksichtigen. Bultmann war der Ansicht, Paulus (und Johannes) hätten sich nicht für den Menschen Jesus bzw. für sein Erdenleben interessiert, sondern nur noch für den geglaubten Christus, was er primär mit 2 Kor 5,16 begründete: „auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir [ihn] doch nun nicht mehr [auf diese Weise]“. Bultmanns Sicht gilt in der historischen Jesusforschung als überholt.
Übergang von der liberalen zur dialektischen Theologie