Royal Air Force (offizielle Abkürzung RAF, inoffiziell auch R. A. F.) ist die Bezeichnung für die Luft- und Weltraumstreitkräfte des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland, seiner Überseegebiete und Kronbesitzungen. Die „Royal Air Force“ war die erste als selbständige Teilstreitkraft organisierte Luftwaffe der Welt.
Geschichte der Royal Air Force
Die ersten militärisch genutzten Luftfahrzeuge in den „Armed Forces of the Crown“, den Streitkräften des Vereinigten Königreichs, unterstanden dem Flugstab des Corps of Royal Engineers, den Pioniertruppen der British Army. Diese Einheiten wurden durch königliche Anordnung am 13. April 1912 in das Royal Flying Corps (RFC) überführt, das offiziell die direkte Vorläuferorganisation der späteren Royal Air Force war. Am Ende des Jahres 1912 unterstanden dem RFC bereits 12 bemannte Ballons und 36 Doppeldecker-Kampfflugzeuge. Zeitgleich stellte die „Royal Navy“ im Jahr 1912 unautorisiert ihren eigenen Marinefliegerverband auf, den „Royal Naval Air Service (RNAS)“, der am 1. Juli 1914, einen knappen Monat vor Beginn des Ersten Weltkrieges, offiziell anerkannt wurde. Beim Eintritt des Vereinigten Königreichs in den Ersten Weltkrieg am 4. August 1914 hatte der „Royal Naval Air Service“ mehr Flugzeuge unter seiner Kontrolle als das „Royal Flying Corps“. Die „Royal Navy“ unterhielt 12 Luftschiffhäfen entlang der britischen Küste vom im Nordosten in Schottland gelegenen Dorf Longside in Aberdeenshire bis zur im Westen gelegenen walisischen Insel Anglesey.
Die Herausforderungen des Ersten Weltkrieges – das Vereinigte Königreich hatte unter seiner Zivilbevölkerung durch die Bombenangriffe deutscher Zeppeline und Bombenflugzeuge annähernd 3500 Tote und viele Verwundete zu beklagen – trugen entscheidend dazu bei, bereits 1916 erste Überlegungen einer Zusammenführung der britischen Heeresflieger des „Royal Flying Corps (RFC)“ mit den britischen Marinefliegern im „Royal Naval Air Service (RNAS)“ aufkommen zu lassen, um künftig eine wirksame Verteidigung des britischen Luftraums zu gewährleisten. Diese Überlegungen wurden schließlich am 1. April 1918 mit dem Zusammenschluss beider Fliegerverbände zu einer von Land- und Seestreitkräften unabhängigen Teilstreitkraft, der „Royal Air Force“, in die Tat umgesetzt. Damit war die britische „Royal Air Force“ die erste als selbstständige Teilstreitkraft organisierte Luftwaffe der Welt. Sie unterstand dem Befehl des „Air Ministry“, des britischen Luftfahrtministeriums. Ihr erster militärischer Oberbefehlshaber wurde Hugh Trenchard.
Zum Zeitpunkt der Gründung der RAF im April 1918 hatte das RFC über 150 Fliegerstaffeln verfügt. Der RNAS hatte zu diesem Zeitpunkt eine Personalstärke von 67.000 Mann und über 2.949 Flugzeuge, 103 Luftschiffe und 126 Küstenstationen verfügt. Damit war sie die größte Luftwaffe der Welt, ihr Hauptquartier befand sich im ehemaligen Hotel Cecil in London. Der Angriff auf die Luftschiffhallen von Tondern am 19. Juli 1918 war der militärgeschichtlich erste Luftangriff von einem Flugzeugträger auf ein Ziel an Land. Gegen Ende des Krieges verfügte die RAF über 4.000 Kampfflugzeuge und 114.000 Soldaten. Im Oktober 1918 war die RAF in 217 Squadrons organisiert. Zu den erfolgreichsten Jagdfliegern im Ersten Weltkrieg zählten die RAF-Piloten James McCudden und Edward Mannock.
Siehe auch: Abschnitt „Erster Weltkrieg“ im Artikel „Luftkrieg“
Zwischenkriegszeit (1918–1939)
Die Überzeugung Trenchards, der bis 1929 Chief of the Air Staff war, dass „die moralische Wirkung eines Bombardements in einem Verhältnis von 20:1 zur materiellen Wirkung steht“, wurde zum Grundstein des strategischen Denkens der RAF nach dem Ersten Weltkrieg. Der Bombenkrieg wurde ihr ganzer Daseinszweck. Die Zusammenarbeit mit Heer und Marine verlor in der Zwischenkriegszeit an Bedeutung. Die Worte des Premierministers Stanley Baldwin „der Bomber kommt immer durch“ nahm Züge eines Glaubensdogmas an und beeinflusste die Planungen stark.
Zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten Weltkrieg übernahm die RAF auch Transportaufgaben für die Post und beim Gütertransport. Militärisch wurde sie in dieser Zeit für sogenannte Polizeiaufgaben in den britischen Kolonien eingesetzt. So evakuierte die „Royal Air Force“ im Jahr 1928 zum ersten Mal Zivilisten aus Afghanistan, wo es damals einen Bürgerkrieg gab.
Am 1. April 1924 wurde der Fleet Air Arm of the Royal Air Force gegründet. Dieser umfasste all jene Einheiten der RAF, welche auf Flugzeugträgern und Kampfschiffen stationiert waren.
Organisatorisch gliederte sich die RAF seit 1936 in die Oberkommandos „Fighter Command“, „Bomber Command“ und „Coastal Command“, die 1938 um das „Maintenance Command“ erweitert wurden. Zum ersten Oberkommandeur des neu geschaffenen „Fighter Command“ wurde Hugh Dowding berufen. Der „Fleet Air Arm“ stand ab 14. Mai 1937 wieder unter dem Kommando der Royal Navy.
Als 1934 ein künftiger Krieg gegen das Deutsche Reich allmählich in den Bereich der Möglichkeiten kam, formulierte die britische Regierung einen auf fünf Jahre angelegten Plan („Plan A“) zur Erweiterung der britischen Luftstreitkräfte, der die Aufstellung einer starken Streitmacht von Bombern zum Angriff auf Deutschland sowie die Schaffung eines Luftverteidigungssystems zur Abwehr deutscher Luftangriffe vorsah. Dieser Plan wurde in wesentlichen Teilen entsprechend dem ursprünglichen Entwurf umgesetzt. Der Aufbau eines Netzes von Fliegerhorsten in Südengland und die Ausbildung eines Kaders von Piloten und Besatzungen hatten dabei Priorität. Die Ausrüstung der Royal Air Force mit modernen Kampfflugzeugen konnte dagegen erst gegen Ende des Planungszeitraums stattfinden. Das Fehlen einer einsatzbereiten Luftwaffe beeinflusste die britische Politik und wird häufig als einer der Gründe für Chamberlains Appeasement-Politik angesehen. Demgegenüber war sich die Führung des Deutschen Reiches der von seinen aufgerüsteten Streitkräften ausgehenden Drohwirkung bewusst. Das traf im Besonderen auf die neu geschaffene deutsche Luftwaffe zu.
Nachfolger von Viscount Swinton als „Secretary of State for Air“ (Luftfahrtminister) wurde im Zuge einer Kabinettsumbildung Kingsley Wood, der das Amt von 1938 bis 1940 innehatte. Kurz nach Amtsantritt gab er bekannt, die „Air Expansion Scheme“ (Luftrüstungsplanung) des Vereinigten Königreichs revolutionieren zu wollen.
Nach erfolgreichen Testergebnissen steckte man viel Geld in die britische Radarentwicklung. Bereits im Januar 1936 waren für alle Aspekte der Radarortung (Entfernung, Höhenwinkel und Ortungsrichtung) Lösungen gefunden. Sogar das Prinzip eines Zielfolgeradars konnte am 20. Juni 1939 vor Winston Churchill praktisch demonstriert werden.
Im Jahre 1937 begann man, an der Ostküste der britischen Insel eine Kette von 20 Küsten-Radar-Stellungen, die sogenannte Chain Home, zu installieren. Sie arbeitete bei 10 bis 13,5 m Wellenlänge (22 bis 30 MHz), sendete 25 Pulse pro Sekunde mit 200 kW Leistung und hatte eine Reichweite von 200 km. Ab Karfreitag 1939 war diese Radarkette im 24-Stunden-Dauerbetrieb.
Am 1. September 1939 hatte die Wehrmacht den Überfall auf Polen begonnen. Das Vereinigte Königreich und Frankreich erklärten dem Deutschen Reich daraufhin nach Ablauf eines Ultimatums am 3. September 1939 gemeinsam den Krieg.
Erst zu Beginn des Zweiten Weltkrieges begann das Vereinigte Königreich, seine Flugabwehrkanonen durch neue Modelle zu ersetzen. Das schwedische 40-mm-Bofors-Geschütz erwies sich hierbei als effektive Waffe (Reichweite 4000 m).
1939 wurde bei den ersten RAF-Angriffen auf deutsche Kriegsschiffe und Marinestützpunkte an der Nordsee deutlich, dass durch Suchradar geführte Jagdflugzeuge der Luftwaffe die Bomber zum Kampf stellen und den Bomberformationen trotz ihrer Abwehrbewaffnung vernichtende Verluste zufügen konnten. Bei einem britischen Luftangriff am 4. September 1939 auf Wilhelmshaven und Brunsbüttel kam es zu einem Luftgefecht; sieben von 24 Bombern des RAF Bomber Command wurden abgeschossen. Beim ersten großen Einsatz gegen den deutschen Flottenstützpunkt Wilhelmshaven am 18. Dezember 1939 kam es zum Luftgefecht über der Deutschen Bucht; dabei „starb“ der Mythos, dass ein massiver Bomberangriff, bei dem sich die Flugzeuge mit ihren Abwehrwaffen gegenseitig deckten, immer „durchkam“. Diese Erfahrung ließ das britische Luftverteidigungssystem als wesentlich wichtiger erscheinen als man vor dem Krieg erwartet hatte. Bomber erwiesen sich als weniger wirkungsvoll als gedacht. Trotzdem hielten die Briten an der Erwartung fest, dass Bombenangriffe gegen die Zivilbevölkerung kriegsentscheidend sein würden („morale bombing“).