Die Rote Arbeiter- und Bauernarmee (russisch Рабоче-крестьянская Красная армия (РККА)/Rabotsche-krestjanskaja Krasnaja armija (RKKA), kurz russisch Красная армия (КА) Rote Armee (RA)) war die Bezeichnung für das Heer und die Luftstreitkräfte Sowjetrusslands bzw. ab 1922 der Sowjetunion. Sie stammte aus der unmittelbaren Zeit nach der Oktoberrevolution, als die Bolschewiki eine Armee konstituierten, die im Russischen Bürgerkrieg den Militärverbänden ihrer Gegner (insbesondere die unter dem Oberbegriff Weiße Armee zusammengefassten Gruppen) gegenüberstand. Ab Februar 1946 trug die Rote Armee, die zusammen mit der sowjetischen Marine den Hauptbestandteil der Streitkräfte der Sowjetunion darstellte, den offiziellen Namen Sowjetarmee (russisch Советская армия (СА)/Sowjetskaja armija).
Obwohl die Rote Armee – bzw. ab 1946 die Sowjetarmee – ausschließlich die Teilstreitkräfte Landstreitkräfte, Luftstreitkräfte, Luftverteidigung (ab 1948) und Strategische Raketentruppen (ab 1960) umfasste, standen beide Begriffe in der allgemeinen Wahrnehmung oftmals für die gesamten sowjetischen Streitkräfte.
Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 übernahm Russland den Großteil der verbliebenen personellen und materiellen Ausstattung der Sowjetarmee und der übrigen sowjetischen Streitkräfte zur Bildung der Russischen Streitkräfte.
Die Rote Armee wurde durch einen Beschluss des Rates der Volkskommissare am 15. Januarjul. / 28. Januar 1918greg. auf Grundlage der Roten Garde gegründet. Die Umsetzung erfolgte unter der maßgeblichen Beteiligung des Volkskommissars für Militärwesen, Leo Trotzki, der dazu auf die Hilfe von Militärspezialisten der ehemaligen zaristischen Armee zurückgriff.
Bei ihrer Gründung war die Rote Armee eine Freiwilligenarmee ohne Dienstgrade (Ränge), ohne Rangabzeichen oder besondere Hervorhebung einzelner Funktionsträger. Dadurch sollte das Ideal der Gleichheit aller Menschen betont werden. Kommandierende wurden demokratisch gewählt, und die Befehle der Offiziere konnten durch die Untergebenen diskutiert und abgelehnt werden. Dies lag erstens begründet in der Organisation der Roten Garden, aus denen sich die Rote Armee teilweise zusammensetzte, zweitens in der bolschewistischen Friedenspropaganda vor der Oktoberrevolution, welche die Soldaten der Zarenarmee zu Widerstand gegen ihre Offiziere aufrief.
Um die militärische Effizienz zu steigern, wurde dieses System kurz nach der Gründung der Roten Armee von Kriegskommissar Trotzki mit Unterstützung des Politbüros aufgehoben. Die Kommandeure wurden jetzt wieder von oben ernannt und nicht mehr gewählt. Es gab danach die Bezeichnung von Dienststellungen, aus denen sich Dienstgrade entwickelten (siehe Dienstgrade der sowjetischen Streitkräfte 1918–1935). Am 29. Mai 1918 wurde mitten im Bürgerkrieg die allgemeine Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 40 Jahren eingeführt, um den Kampf gegen die Weißen Garden/Armeen der antibolschewistischen Bewegungen aufzunehmen.
Die Rote Armee führte neue Uniformen ein, darunter die Budjonowka als Kopfbedeckung. Das Kampflied während des Bürgerkrieges wurde Weiße Armee, schwarzer Baron.
Wegen des Mangels an Offizieren, vor allem in höheren Kommandofunktionen, wurden anfangs auf freiwilliger Basis Generale und Offiziere der zaristischen Armee gewonnen. Einige Generale, wie Alexei Brussilow, Michail Bontsch-Brujewitsch, Dmitri Parski, Wladislaw Klembowski, Alexei Gutor und der erste Oberbefehlshaber der neu gegründeten Roten Armee, General Jukums Vācietis, hatten unter dem Zaren Fronten und Armeen befehligt oder hatten in hohen Stabsfunktionen gedient. Der Generalstab setzte sich zunächst beinahe ausschließlich aus solchen Offizieren zusammen, später kamen neu ausgebildete Offiziere wie der spätere Oberbefehlshaber Sergei Kamenew hinzu.
Jedem Verband der Roten Armee bis zur Bataillonsebene wurde ein Politkommissar (Politruk, политический руководитель) zugeteilt. Er besaß die Autorität, Befehle von Kommandeuren aufzuheben, die gegen die Prinzipien der KPdSU verstießen. Dies verminderte zwar die militärische Effizienz, stellte aber die politische Zuverlässigkeit der Armee gegenüber der Partei sicher.
Mit der Einführung der Wehrpflicht wurden weitere Generale und Offiziere einberufen, darunter solche, die bereits kurzzeitig in der Weißen Armee gedient hatten. Am Ende des Bürgerkriegs dienten rund 75.000 ehemalige zaristische Generale und Offiziere in der Roten Armee, von denen rund 15.000 von der Weißen Armee kamen. Zu den zaristischen Offizieren, die noch im Zweiten Weltkrieg und danach in der Sowjetarmee dienten, gehören Boris Schaposchnikow, Alexander Wassilewski und Leonid Goworow.
Oberstes militärisches Gremium während des Bürgerkriegs war der Feldstab des Revolutionären Militärrates der Republiken, der sich bis zum Ende der Kampfhandlung auf 11.000 direkte Angehörige und weitere 9000 ihm zugeordnete Soldaten aufblähte. Wegen der Kosten für diese Strukturen und der nach dem Bürgerkrieg allgemeinen Verkleinerung der Roten Armee gab es innerhalb der Partei von 1920 an Überlegungen zur Reform und Verkleinerung des Stabes. Am 10. Februar 1921 befahl der Zentrale Militärrat, den Feldstab und den Revolutionären Kriegsrat zum Stab der Roten Arbeiter- und Bauernarmee zu vereinen. Das neue Gremium verfügte über ein deutlich breiteres Aufgabenspektrum als die Generalstäbe westeuropäischer Staaten, das in den folgenden Monaten noch ausgeweitet wurde. Der Stab der Roten Armee war unter anderem verantwortlich für die Planung von Einsätzen sowie die Ausbildung und die Steuerung des allgemeinen Dienstes im Frieden, ebenso für Ausrüstung und Bewaffnung, die Vorbereitung einer möglichen Mobilisierung und die Aufstellung neuer Verbände. Die Aufklärung fremder Streitkräfte gehörte zunächst auch zum Tätigkeitsfeld, wurde jedoch bald in die eigenständige Verwaltung Aufklärung der Roten Armee ausgelagert. Der Stab war zudem als Exekutivorgan für die Umsetzung von Beschlüssen des Zentralen Militärrats verantwortlich, unterstand aber dem Volkskommissar für Verteidigung. Die Offiziere des Stabs rekrutierten sich weitgehend aus der zaristischen Militärelite: Zwischen 1922 und 1930 dienten 929 ehemalige zaristische Generalstabsoffiziere in seinen Reihen.
Unmittelbar nach dem Ende des Bürgerkriegs galt Polen als wahrscheinlichster Gegner in einem möglichen nächsten Krieg. Aber auch Rumänien, Finnland, Lettland, Litauen, Estland sowie verbleibende zaristische Gruppen wurden als denkbare Feinde in der operativen Planung berücksichtigt. Dabei wurde ausschließlich die Verteidigung geplant. Diese Grundannahme blieb in den folgenden Jahren trotz mehrerer Überarbeitungen der Kriegspläne bestehen. Erst Ende der 1920er Jahre erstellte der Stab der Roten Armee Entwürfe für eine offensive Kriegsführung. Diese sahen im Fall zunehmender Spannungen eine verdeckte Mobilmachung und dann einen Überraschungsschlag in das Territorium des Gegners und dessen noch laufenden Aufmarsch hinein vor.
Unter der Leitung des Volkskommissars für Armee und Flotte, Michail W. Frunse – der kurz vor seinem Tod als „Vorsitzender des Revolutionären Militärrats“ noch zum Oberbefehlshaber der Armee aufstieg – wurde ab 1924 das Militär reformiert. Die Rote Armee wurde als gemischte Kader-/Milizarmee organisiert. Im Kaukasus und in Zentralasien wurden auch territoriale Truppenteile aus ortsansässigen Bevölkerungsgruppen gebildet. 1925 wurde das erste für die gesamte Sowjetunion gültige Wehrpflichtgesetz erlassen. Die Einberufung erfolgte mit dem vollendeten 21. Lebensjahr bei Dienstzeiten von zwei bis vier Jahren im stehenden Heer bzw. weniger als einem Jahr in den Milizverbänden. Zum Waffendienst wurden nur „Arbeiter und Bauern“ herangezogen; Personen anderer sozialer Herkunft wie Großbauern, Kosaken oder Bürger dienten in rückwärtigen Einheiten und Arbeitstruppen oder hatten eine Militärsteuer zu zahlen.
Teil der Reformen war auch eine Reorganisation des Stabs der Roten Armee. Dieser hatte sich aufgrund der Vielzahl von Aufgaben und des Fehlens einheitlicher operativer und militärpolitischer Grundsätze als wenig effizient arbeitendes Organ erwiesen. Ähnlich negativ bewertete das Zentralkomitee der RKP(b) die Arbeit des Revolutionären Militärrats. Dennoch erfolgte mit Befehl des Revolutionären Militärrats vom 28. März 1924 lediglich eine Zerschlagung des Armeestabs in drei Organisationen, die weiter dem Militärrat unterstanden. Der verbleibende Stab der Roten Armee blieb für die Operationsplanung und -steuerung zuständig, Verwaltungsaufgaben wurden in die neu geschaffene Verwaltung (später Hauptverwaltung) der Roten Armee verschoben und die Ausbildung der Truppe wurde fortan von der Inspektion der Roten Armee unter Sergei Sergejewitsch Kamenew geführt. Für seinen neuen Arbeitsschwerpunkt wurde der Stab der Roten Armee in die Verwaltungen Operationen, militärischer Nachrichtendienst, Organisation, Mobilmachung, Militärtopographie, Militärtransportwesen, gegliedert, dazu jeweils eine Abteilung für Befestigungswesen und Militärgeschichte sowie jeweils eine Kommission für die Mobilmachung und für Pionieraufgaben. Damit wurde im Wesentlichen ein mit westlichen Generalstäben vergleichbares Aufgabenspektrum bearbeitet. Am 1. April 1924 wurde Frunse Stabschef der Roten Armee, mit Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski und Boris Michailowitsch Schaposchnikow als Stellvertretern. In den folgenden Jahren kam es zu mehreren organisatorischen Veränderungen. So wurde noch im Oktober 1924 die Inspektion wieder in den Stab der Roten Armee eingegliedert, Ende 1925 aber wieder herausgelöst. 1925 übernahmen Anfang des Jahres Kamenew und im November Tuchatschewski den Posten des Stabschefs.