An diesem Tag

Rosa von Praunheim

Deutscher Filmregisseur und LSBTIQ-Aktivist (1942–2025)

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Rosa von Praunheim (bürgerlich Holger Bernhard Bruno Mischwitzky; * 25. November 1942 in Riga als Holger Radtke; † 17. Dezember 2025 in Berlin) war ein deutscher Film- und Theaterregisseur, Produzent, Autor, Professor für Regie sowie Aktivist der LGBTQ-Bewegung in Deutschland. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films und wird auch den Autoren- und Avantgardefilmern zugerechnet. In über 50 Jahren drehte er über 150 Kurz- und Langfilme vorrangig mit queeren Sujets. Durch sein langes künstlerisches Schaffen wurde Rosa von Praunheim zu dem Namen, der symbolisch für den deutschen queeren Film steht. Auch international gilt er als bedeutender und Grundlagen schaffender Pionier des queeren Kinos.

Mit seinem Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von 1971 war von Praunheim der öffentliche Wegbereiter und Mitbegründer der politischen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, die sich ab Anfang der 2010er-Jahre zunehmend unter Bezeichnungen wie LGBTQ- und Queer-Bewegung weiterentwickelt hat. Bis in die 1990er-Jahre hinein galt er in der Öffentlichkeit und in den Medien als einer der wichtigsten Köpfe der Schwulen- und Lesbenbewegung. Nach der Streichung des § 175 StGB im Jahr 1994, der ursprünglich sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte, zog sich von Praunheim zunehmend aus der öffentlichen Debatte zurück und konzentrierte sich auf die Filmarbeit.

Neben Homosexualität und Transidentität sowie verschiedenen marginalisierten Gruppen waren seine Themen unter anderem Camp, „ältere vitale Frauen“ (zum Beispiel Evelyn Künneke, Lotti Huber und Helene Schwarz) und seit Mitte der 1980er-Jahre die AIDS-Prävention.

Von Praunheim wurde 1942 als Holger Radtke während der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis in Riga geboren. Seine leibliche Mutter Edith Charlotte Radtke verhungerte 1946 in einer psychiatrischen Klinik der Wittenauer Heilstätten in Berlin. Nach der Geburt wurde Radtke zur Adoption freigegeben. Hierüber informierte ihn seine Adoptivmutter Gertrud Mischwitzky († 2003) erst im Jahr 2000, als sie 94 Jahre alt war. Kenntnisse vom Tod seiner leiblichen Mutter erhielt er nach längeren Recherchen im Jahr 2006.

Seine Nachforschungen dokumentierte von Praunheim in dem Film Meine Mütter – Spurensuche in Riga (2007). Der Film wurde unter anderem 2008 beim Göteborg International Film Festival gezeigt und im selben Jahr beim Tribeca Film Festival in New York City für den Jury-Award nominiert. Im Jahr 2010 wurde Meine Mütter – Spurensuche in Riga für den Grimme-Preis nominiert und im Jahr 2023 in die Filmsammlung der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem aufgenommen.

Holger Mischwitzky wuchs im brandenburgischen Teltow-Seehof auf. 1953 flüchtete die Familie aus der DDR in den Westen, zunächst nach Wesel, anschließend zog sie nach Frankfurt am Main.

Dort besuchte Mischwitzky die Wöhlerschule. Seine Lehrer verstanden ihn nicht und fanden keinen Zugang zu ihm, bis auf seinen Deutschlehrer Heinz Nickel, der ihn ermutigte, mehr aus seinem künstlerischen Talent zu machen. Am Theater des Gymnasiums inszenierte er schließlich eine Aufführung: Pyramus et Thisbe aus Ovids Metamorphosen. Zudem befreundete er sich noch während der Schulzeit mit der etwa 20 Jahre älteren Gräfin Nora von Stolberg-Stolberg, die sich in künstlerischer Hinsicht zu einer wichtigen Bezugsperson entwickelte und eine Art Muse für ihn war. Er verließ die Wöhlerschule vor der Mittleren Reife, um sich voll und ganz einer kreativen Ausbildung zu widmen.

Von Praunheim ging für ein Jahr an die Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Im Anschluss nahm ihn die Hochschule der Künste in West-Berlin in der Abteilung Freie Malerei auf, die er vor dem Abschluss verließ, weil ihn erneut das Gefühl überkam, sich innerhalb der vorgegebenen Strukturen und Aufgaben nicht frei entfalten zu können.

Nach der Hochschule arbeitete Mischwitzky als freischaffender Künstler in Berlin. Mitte der 1960er nahm er den Künstlernamen „Rosa von Praunheim“ an, eine Reminiszenz an den Rosa Winkel, den homosexuelle Männer in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslagern tragen mussten, sowie an den Frankfurter Stadtteil Praunheim, in dem er als Jugendlicher aufgewachsen war.

Die Schauspielerin Luzi Kryn war von Praunheims Tante 2. Grades.

Gegen Ende der 1960er-Jahre debütierte von Praunheim mit Experimental- und Kurzfilmen, mit denen er sich schnell einen Namen machte.

Mitte 1969 erzielte er mit dem zweiten Teil seines Films Rosa Arbeiter auf goldener Straße einen Achtungserfolg bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Er gewann nach seinem ersten Fernsehfilm Von Rosa von Praunheim (1968) im HR mit der Ausstrahlung von Rosa Arbeiter auf goldener Straße im ZDF auch viel Beachtung im bundesweiten (bzw. deutschsprachigen) Sendegebiet.

Mit seinem langjährigen Künstlerfreund Werner Schroeter drehte von Praunheim 1968 den Kurzfilm Grotesk – Burlesk – Pittoresk mit Magdalena Montezuma in der Hauptrolle. Von Praunheim besetzte Montezuma erneut in seinem Film Macbeth Oper von Rosa von Praunheim (1971), der nach seiner Premiere in dem New Yorker Filmkunstmuseum Anthology Film Archives unter anderem im Programm der documenta 5 (1972) gezeigt wurde. Durch ihre Rollen bei von Praunheim und Schroeter bekannt geworden, arbeitete Montezuma auch mit anderen Regisseuren des Neuen Deutschen Films zusammen und stieg zeitweilig zu einer Kultfigur der politisch linken Kulturszene auf.

1969 heiratete von Praunheim die Schauspielerin Carla Egerer (alias Carla Aulaulu), die unter anderem in seinem ersten Erfolgsfilm Rosa Arbeiter auf goldener Straße die Hauptrolle gespielt hatte. Der Pop-Art-Künstler und Comic-Zeichner der 68er-Bewegung Alfred von Meysenbug griff das Paar in einigen seiner Werke auf. 1971 ließen sich Egerer und von Praunheim scheiden, die eine reine Zweckehe wegen eines Ehestandsdarlehens geführt hatten.

Ende der 1960er begann von Praunheims Freundschaft mit Elfi Mikesch, die bei vielen seiner Filme als Kamerafrau mitgewirkt hat. Der Film Leidenschaften (1972), der bei der Hamburger Filmschau seine Uraufführung hatte, ist das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit zwischen der Kamerafrau und dem Regisseur. Der avantgardistische Reisefilm wurde in 12 verschiedenen Städten rund um den Globus gedreht. Die Dreharbeiten in Hongkong wurden von Journalisten der South China Morning Post begleitet, die neugierig auf den bekannten Nachwuchsregisseur aus Deutschland waren. Vorausgegangen war dem Projekt von Praunheims erstes Buch Männer, Rauschgift und der Tod – Die Leidenschaften der Rosa von Praunheim (1967).

1969 drehte von Praunheim ein experimentelles Kurzfilm-Porträt über Samuel Beckett, mit dem er vor allem in der Nachwuchsfilmbranche erneut Aufmerksamkeit und Beachtung gewann.

Von Praunheims Anspruch, Homosexuelle im Sinne einer Emanzipationsbewegung zu politisieren, machte sich nach Rosa Arbeiter auf goldener Straße auch in seinem viel beachteten, für die gesellschaftliche Akzeptanz von Minderheiten plädierenden Film Schwestern der Revolution bemerkbar. Für diesen erhielt er im Erscheinungsjahr 1969 seinen ersten Filmpreis, beim Internationalen Filmfestival Mannheim. Die Cargo-Filmzeitschrift schrieb in einer Rückschau, der Film würde eine Gender- und Queerness-Theorie entwickeln, ohne von den damals gerade erst einsetzenden Elaborierungen dieser Konzepte schon viel wissen zu können. Schwestern der Revolution wurde unter anderem 1972 im Museum of Modern Art in New York City aufgeführt und wird bis heute gezeigt. Nennenswerte Aufführungen fanden zum Beispiel 2002 bei der Berlinale, 2005 im Rahmen einer Filmreihe im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, die von Harun Farocki kuratiert wurde, und 2011 erneut beim Internationalen Filmfestival Mannheim statt.

1971 erregte von Praunheim großes Aufsehen mit seinem Spielfilm Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, der unter anderem die Gründung zahlreicher Homosexuelleninitiativen auslöste. Das Werk gilt als Initialzündung der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland und machte von Praunheim zu ihrer medialen Leitfigur: „Mit dem Film wird Rosa von Praunheim quasi über Nacht zur Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung in Deutschland.“ (Deutsche Welle) Die Geschichtsprofessorin Dagmar Herzog schrieb in einem Artikel für die Bundeszentrale für politische Bildung: „Die Bedeutung dieses Films für die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.“ Der US-amerikanische Filmkritiker Joe Hoeffner ergänzte in einem Artikel über die weltweit wichtigsten Filme des queeren Kinos: „Viele Filme wurden als ‚revolutionär‘ bezeichnet, aber Nicht der Homosexuelle … verdient diese Beschreibung wirklich. Der Breakout-Film des Regisseurs und Aktivisten Rosa von Praunheim (alias Holger Mischwitzky) wurde zum Fundament der deutschen Schwulenrechtsbewegung, und sein Aufruf zur Befreiung hallte durch die Geschichte des queeren Kinos.“ In der Schweiz erwachte nach dem Film ebenfalls eine neue, selbstbewusstere homosexuelle Emanzipationsbewegung.

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