Sir Roderick Impey Murchison, 1. Baronet (* 19. Februar 1792 in Tarradale, Ross and Cromarty, Schottland; † 22. Oktober 1871 in London) war ein schottischer Geologe und Paläontologe. Er war langjähriger Vorsitzender der Geological Society of London, der Royal Geographical Society sowie Leiter des Geological Survey und einer der führenden Geologen seiner Zeit. Seine Forschungsarbeiten legten die Grundlage für die geologische Erforschung Englands, Frankreichs, Deutschlands und Russlands; er ist einer der Begründer der heutigen stratigraphischen Skala des Paläozoikums.
Murchison stammte aus einer alten schottischen Familie, die sich mindestens bis 1541 zurückverfolgen lässt, als Evin M'Kynnane Murchison die Burg Eilean Donan Castle, die Festung der MacKenzies an der Mündung von Loch Duich, zusammen mit einigen Nachbarn niederbrannte. Sein Vater Kenneth Murchison hatte als praktischer Arzt in Indien ein kleines Vermögen verdient, ehe er nach Schottland in den Stammsitz Tarradale House zurückkehrte. Als sein Vater erkrankte, zog die Familie 1795 in den Süden Englands nach Dorsetshire. Kurze Zeit darauf starb sein Vater, und seine Witwe zog mit Roderick und seinem Bruder Kenneth, dem späteren Gouverneur von Singapur, nach Edinburgh. Dort heiratete sie wieder, und folgte ihrem Mann Colonel Robert Macgregor Murray nach Irland. Roderick konnte das Paar nicht begleiten, und so wurde er 1799, im Alter von sieben Jahren, nach Durham geschickt, um dort die Durham Grammar School für sechs Jahre zu besuchen – ohne großen Erfolg.
Angeregt vom Beispiel seines Stiefvaters schlug er zunächst eine militärische Laufbahn ein. Die Ausbildung dazu erhielt er am Military College of Great Marlow in Buckinghamshire, so dass er mit 15 Jahren dem 36. Infanterieregiment beitreten konnte. Unter Sir Arthur Wellesley nahm er 1808 für kurze Zeit an den Napoleonischen Kriegen auf der Iberischen Halbinsel teil, die mit der Konvention von Cintra endeten. Im anschließenden Feldzug unter Sir John Moore ertrug Murchison beim Rückzug nach La Coruña wie alle seine Kameraden große Strapazen, und Murchisons Gruppe entkam den Franzosen nur knapp.
Nach der Rückkehr des Regiments in die Heimat im Jahr 1809 ging Murchison als Aide-de-camp seines Onkels, General Roderick Mackenzie, nach Sizilien, wo es jedoch nicht zu Kämpfen kam. Die Napoleonischen Kriege endeten schließlich mit dem Wiener Kongress, und Murchison kehrte nach acht Jahren aktiven Dienstes nach England zurück. Dort heiratete er am 29. August 1816 Charlotte Hugonin (8. April 1788 – 9. Februar 1869), die Tochter von General Hugonin aus Nursted House, Hampshire. Für Murchison begann nun eine Zeit, die er als die „Fuchsjagd-Periode“ seines Lebens bezeichnete: er widmete sich in Hampshire der Jagd in verschiedenen Ausprägungen, und es bedurfte des sanften Einflusses seiner Frau, dass er einige ausgedehnte Reisen auf dem Kontinent unternahm. Er besuchte zahlreiche Kunstausstellungen und machte umfangreiche Notizen zu allem, was er in öffentlichen und privaten Sammlungen sah. Auf den Einfluss seiner Frau ging schließlich auch seine Hinwendung zur Geologie zurück: sie interessierte sich sehr für naturwissenschaftlich-historische Themen und brachte ihren Mann in Kontakt mit Sir Humphry Davy, der ihm die aufsteigende Wissenschaft der Geologie als passendes Betätigungsfeld ans Herz legte.
Das Ehepaar zog nach London, und Murchison begann mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, verschiedene wissenschaftliche und geologische Vorträge zu besuchen, vor allem die an der Royal Institution. Seine finanzielle Unabhängigkeit erlaubte es ihm, sich völlig unbehindert von den wissenschaftliche Kontroversen seiner Zeit – es tobte gerade der Streit zwischen dem Plutonisten James Hutton und dem Neptunisten Abraham Gottlob Werner, der das Feld der Geologen in zwei verfeindete Lager trennte – seinen eigenen geologischen Interessen zu widmen. 1825 trat er der Geological Society bei und begann seine Arbeit in Südengland, stets begleitet von seiner Frau, die den Hauptteil des Fossiliensammelns erledigte und 1825 einige Zeit mit Mary Anning in der Umgebung von Lyme Regis umherzog. Im selben Jahr noch veröffentlichte er seinen ersten geologischen Aufsatz über den Nordwesten von Sussex und die angrenzenden Teile von Hants und Surrey. Durch diesen Vortrag hatte er seine Fähigkeiten als Geologe und Autor bewiesen, so dass er kurze Zeit später zu einem der beiden Sekretäre der Geological Society gewählt wurde.
1826 trieb er geologische Studien im Norden Englands, und machte dort die Bekanntschaft von William Smith. Dieser zeigte ihm die Abfolge der Schichten in Yorkshire, und Murchison begann die Bedeutung der Fossilien zu begreifen: jede der einzelnen Gesteinseinheiten besaß ihre charakteristischen Formen, die die Einordnung auch dann erlaubten, wenn die Gesteine eines Aufschlusses nicht auf typische Weise ausgebildet waren, die Aufschlussverhältnisse Beobachtungen schlecht zuließen oder der Zusammenhang mit anderen Einheiten nicht auf der Hand lag. Von Yorkshire aus reiste er zur Isle of Arran und weiter nach Norden, bis nach Sutherlandshire. Die Gesteine waren ihm neu, Granit, der Old Red Sandstone, harte Kalksteine, und sie waren sichtlich älter als die jungen Gesteine Südenglands, aber sie faszinierten ihn auf eine Weise, die seine weitere Forschungstätigkeit bestimmen sollte. Sein eigentliches Ziel, die Einstufung der Kohlen von Brora, konnte er innerhalb kürzester Zeit erreichen – sie sind aus dem Jura und nicht, wie vorher vermutet, aus dem Karbon – und kehrte nach London zurück. Die Ergebnisse der Reise wurden 1827 veröffentlicht.
Angeregt von dieser Reise ging er 1827 mit Adam Sedgwick wieder in die schottischen Highlands. Sie unternahmen ausgedehnte Studien der alten Gesteine, vor allem des Old Red Sandstone, in dem sie die reiche Fauna fossiler Fische beschrieben, und dehnten sie in den folgenden Jahren auf Gesteinsformationen in Frankreich, Belgien und Deutschland aus. Die Forschungen fanden ihren Weg in zahlreiche Veröffentlichungen. Mittlerweile wuchs Murchisons Interesse an den geologischen Verhältnissen außerhalb Englands, und so bereiste er 1828 mit seiner Frau und Charles Lyell den Kontinent. Nach einem Aufenthalt in Paris, wo sie sich mit den führenden französischen Geologen trafen, unter anderem Georges Cuvier, Alexandre Brongniart, Gérard Paul Deshayes, Élie de Beaumont, Nicolas Desmarest, Armand Dufrénoy und Constant Prévost, ging die Reise in die Vulkangebiete der Auvergne im französischen Zentralmassiv und von da aus über Nizza, Italien und Tirol in die Schweiz. Die Alpen faszinierten ihn, und 1829 wagte er sich mit Sedgwick an ihre geologische Erforschung. Ihre 1830 gemeinsam veröffentlichte Arbeit wurde zu einem Standardwerk in der frühen geologischen Literatur über die Alpen, auch wenn sie, wenig erstaunlich, die komplizierten und verworrenen geologischen Verhältnisse oft fehlinterpretierten. Die Reise führte sie nicht nur in die Berge, sie besuchten auch die Vulkaneifel, das Rheinische Schiefergebirge und den Harz. Auch im nächsten Jahr reiste Murchison wieder in die Alpen, diesmal nur von seiner Frau begleitet, um einige Örtlichkeiten genauer zu untersuchen. Diese Reisen brachten ihn in Kontakt mit weiteren europäischen Geologen, so Leopold von Buch, Karl von Oeynhausen und Ernst Heinrich Carl von Dechen in Deutschland oder Jean Baptiste Julien d’Omalius d’Halloy und André Hubert Dumont in Belgien. 1832 war er mit Adam Sedgwick in den Westalpen.
Weitere Arbeiten sahen ihn die nächsten Jahre wieder in England, und er veröffentlichte 1834 eine kurze Broschüre über die Geologie von Cheltenham, die 1845 eine zweite, wesentlich erweiterte Auflage erlebte. Bei seinen Reisen durch England fand Murchison die Erkenntnisse William Smiths über die Abfolge der Schichten des Sekundärs (heute die Gesteine des heutigen Mesozoikums) immer wieder bestätigt. Dabei war ihm jedoch eine Gruppe von Gesteinen aufgefallen, die zum Primär (der damaligen, auf Giovanni Arduino zurückgehenden Bezeichnung für die alten Schiefer und Granite unter dem Sekundär, heute im Wesentlichen Paläozoikum) überleitete, über die fast nichts bekannt war. Er beschloss, sich dem Studium dieser Gesteine zu widmen, und wählte das Grenzgebiet zwischen England und Wales als Studiengebiet, das in der Frühzeit Englands vom Stamme der Silurer bewohnt wurde. Sein Ziel war es, die scheinbare Unordnung der Gesteinsabfolge aufzulösen, und eine sinnvolle stratigraphische Abfolge nachzuweisen. Diesem Ziel widmete er sich fünf Jahre lang, sandte hin und wieder kurze Meldungen darüber an die Geological Society, und veröffentlichte 1839 schließlich seine Ergebnisse in einer Monographie über das Silurian System. Murchison unterteilte das System in Untereinheiten, die er nach Orten in seinem Arbeitsgebiet benannte, und deren Namen – etwa Wenlock oder Ludlow – zum Teil heute noch gültig sind, und fand eine reiche Fauna in den silurischen Gesteinen, unter anderem einige Fischarten sowie zahlreiche Trilobiten und Brachiopoden, die er zur Gliederung der Gesteinsabfolge nutzte. Er war überzeugt davon, einige der frühesten Zeugnisse des Lebens auf der Erde gefunden zu haben.