Robert-André Andréa de Nerciat (* 17. April 1739 in Dijon; † 1800 in Neapel) war ein französischer Schriftsteller, Soldat, Architekt und Bibliothekar.
Kindheit und Jugend (1739–1764)
Über Kindheit und Jugend Nerciats ist wenig bekannt. Sicher ist, dass er mit elf Jahren Halbwaise wurde, weil sein Vater starb. Bis 1758 durchlief er eine militärische Ausbildung und brachte es dabei bis zum Leutnant in einem Militärbataillon in der Provinz Burgund. Von 1758 bis 1764 hielt er sich in Dänemark auf und diente im Infanterie-Regiment von Oldenburg, wo er es bis zum Rang eines Capitaine brachte. Während dieser Zeit reiste er viel umher und lernte Italienisch und Deutsch.
Militärische Karriere und erste schriftstellerische Versuche (1764–1776)
Nachdem er nach Frankreich zurückkehrte, verlieren sich seine Spuren für einige Zeit. Belegt ist, dass er von 1771 bis 1775 als Capitaine en second zur Garde du corps du roi des französischen Königs Ludwig XVI. gehörte. Dabei ging er bei den Hofgesellschaften ein und aus und erlebte dabei die vom Adel praktizierten freien Formen der Sexualität quasi als Gesellschaftsspiel, welches die Jagd nach immer wollüstigeren Sensationen als Hauptbeschäftigung beinhaltete. Was Nerciat hier beobachtete, begann er literarisch zu verarbeiten. So entstanden in der Folge zahlreiche Gedichte, Theaterstücke, Erzählungen und Romane, in denen er den freizügigen und ausschweifenden Lebensstil der französischen Oberschicht beschrieb. Während dieser Zeit war er häufiger Gast im Salon des Marquis de La Roche, der später den Namen Luchet annahm (Jean-Louis Barbot de Luchet, chevalier de Saint-Louis). Dieser sollte einige Jahre später sein zeitweiliger Förderer am Hof von Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel, werden.
Nerciats erster Roman Félicia oder meine Jugendtorheiten erschien 1772 (nach anderen Quellen 1775) und wurde ein sofortiger Erfolg. Im Gegensatz dazu fiel sein erstes Bühnenstück, die Komödie Dorimon oder der Marquis de Clarville bei der Premiere in Versailles, am 18. Dezember 1775, beim Publikum glatt durch.
1776 verlor der Autor seinen Offiziersposten und geriet in finanzielle Probleme. An einigen Charakteren seines 1793 erschienenen dokumentarischen Romans les Aphrodites, in dem er über die Klubs der „Aphrodites“ berichtet, deren Mitglieder, Angehörige der damaligen Oberschicht, Decknamen trugen (die Herren solche aus dem Mineralwasserbereich, die Damen aus der Flora), lässt sich erschließen, welchen Groll er gegenüber dem Grafen hegte, der ihn in diese prekäre Situation gebracht hatte.
Aufenthalt im Ausland (1776 bis 1783)
Nerciat verließ nun Paris und begab sich auf Reisen. Zeitweilig lebte er in der Schweiz und in Deutschland, wo er sich in adeligen Kreisen verdingte. Man nimmt an, dass er ähnlich wie Gabriel de Riqueti, comte de Mirabeau und Dumouriez als Geheimagent wirkte. Doch für wen hat er gearbeitet? Angesichts der großen politischen Instabilität in den verschiedenen Staaten im Europa jener Zeit und in Anbetracht der Geldnot Nerciats darf man annehmen, dass er gleichzeitig für mehrere Herrscherhäuser als eine Art Doppelagent tätig war.
Um das Jahr 1777 hielt er sich für einige Zeit in Flandern beim Prinzen von Ligne auf, wo er seine Contes nouveaux in Lüttich veröffentlichte. Auf Empfehlung des Marquis Luchet kam Nerciat 1779 in Verbindung zum Hof Friedrichs II., Landgraf von Hessen-Kassel. Hier wirkte der Marquis als Zeremonienmeister und organisierte die Aufführungen festlicher höfischer Veranstaltungen. Dafür sollte Nerciat neue Theaterstücke schreiben. Der Landgraf war ein Förderer von Kunst, Architektur und Wissenschaften. Ihm stellte Nerciat seine komische Oper in drei Akten Constance ou l’heureuse témérité vor, deren Fassung in der Bibliothek in Stuttgart erhalten geblieben ist. Die Uraufführung dieses Werkes fand 1781 im Theater in Kassel statt. Sie schien dem Landgrafen zu gefallen, der stolz darauf war, dass Stücke in französischer Sprache ihre Premieren in Kassel feierten.
Durch diesen Erfolg beflügelt, erhoffte sich Nerciat nun einen lukrativen Posten am Kasseler Hof, doch zu seiner Enttäuschung wurde ihm lediglich die Funktion eines Unterbibliothekars im Fridericianum angeboten. Dennoch übernahm er diese Funktion und siedelte Anfang 1780 ganz nach Kassel über. Durch Anbiederung und Opportunismus wurde er zwar bald einer der angesehenen Günstlinge bei Hofe, dennoch erfüllte sich sein Berufsziel nicht: Der Posten des Unterintendanten für Musik und Theaterveranstaltungen am Hof, den ihm Luchet in Aussicht gestellt hatte, wurde durch den Marquis de Trestondam besetzt, der als erster Jagdrittmeister bereits seit 1772 bei Hofe wirkte. Dass Nerciat eine weiter gehende Karriere versagt blieb, mag damit zusammenhängen, dass man am Hof von Hessen-Kassel – im Gegensatz zum sonstigen Geschmack an deutschen Herrscherhäusern der damaligen Zeit – die französische Musik bevorzugte, wohingegen Nerciat eher die italienische Musikrichtung favorisierte. In Félicia kommt es denn auch zu einer Debatte zwischen den Liebhabern der italienischen und der französischen Musik, in dem die italienische den Vorrang erhält.
Nerciats Tätigkeit als Unterbibliothekar verlief indes wenig glücklich. Seine Aufgabe, die Bestände der Museumsbibliothek neu zu ordnen, missglückte, denn es fanden sich zahlreiche Fehler in der Bibliotheksordnung, für die man Nerciat verantwortlich machte. Apollinaire hat zeitgenössische Quellen ausfindig gemacht, in denen Nerciat ein eklatanter Mangel an literarischen Kenntnissen vorgeworfen wurde. Dieser reagierte verärgert und verteidigte sich, indem er auf die Verantwortung des Marquis de Luchet verwies. Im Juni 1782 quittierte er seine Stelle in Kassel und kam an den benachbarten Hof des Prinzen Karl Emanuel nach Rotenburg an der Fulda, wo er ein Jahr lang die Funktion eines Hofarchitekten ausfüllte. In dieser Zeit entdeckt er die Liebe zur deutschen Literatur, insbesondere zur Anakreontik.
Im Jahre 1782 heiratete er Marie Anne Angélique Condamin (1760–1830), ihre Kinder waren Auguste Andréa de Nerciat (1782–1846) André Louis Philippe Andréa, Baron de Nerciat (1783–1855) und Caroline Dorothée Robertine Andréa de Nerciat (* 1793).
Als Geheimagent in Diensten der französischen Armee (1783 bis 1789)
1783 kehrte er nach Paris zurück und nahm hier vermutlich erneut seinen Dienst bei der Armee auf. Wieder war er als Geheimagent tätig. Im März 1783 wurde er zum Baron des Heiligen Römischen Reiches (baron du Saint-Empire) ernannt. Im Auftrage des französischen Königshauses begab er sich 1786 in die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, also in die Niederlande, um aufständische Republikaner zu unterstützen, die – von der Aufklärung beflügelt – gegen das regierende Haus Oranien opponierten. Offenbar hatte Frankreich ein Interesse an einer Destabilisierung dieses Herrscherhauses.
Hier trat Nerciat in die Légion de Luxembourg ein, die für die Versorgung der Niederländischen Ostindien-Kompanie gegründet worden war: Einer seiner Aufträge lautete, als Kapitän ein Handelsschiff nach Ceylon zu bringen. Die Abfahrt des Schiffes verzögerte sich jedoch immer wieder und wurde schließlich ganz abgesagt. Nerciat beschloss daraufhin in den Niederlanden zu bleiben. Im Winter 1787 hielt er sich in Den Haag auf und wartete vergebens auf eine Anstellung beim Rheingrafen Salm, die ihm in Aussicht gestellt worden war. Dank seiner militärischen Fähigkeiten verdingte er sich stattdessen bei der Stadt Amsterdam und kämpfte er als Stabsoffizier, später als Oberstleutnant eines Infanterie-Regimentes, für die Verteidigung von Utrecht, Naarden und Muyden gegen die regierenden Oranier. Persönliche Erlebnisse dieser Zeit hat Nerciat in seinem Roman Juli verarbeitet.
Doch trotz einiger Erfolge wendete sich das Kriegsglück zugunsten des Hauses Oranien. Da sich die Republikaner außerstande sahen, ihm Sold zu zahlen, war Nerciat 1787 gezwungen, nach Brüssel umzusiedeln, von wo aus er im August 1788 nach Paris zurückkehrte. Hier wurde er mit dem croix de Saint-Louis, dem Kreuz von St. Louis, ausgezeichnet.