Roald Engelbregt Gravning Amundsen (* 16. Juli 1872 in Borge, Norwegen; † vermutlich 18. Juni 1928 nahe der Bäreninsel) war ein norwegischer Seemann und Polarforscher und gilt als einer der erfolgreichsten Entdeckungsreisenden in Arktis und Antarktis. Er durchfuhr als Erster die Nordwestpassage, als Zweiter nach Adolf Erik Nordenskiöld auch die Nordostpassage und erreichte am 14. Dezember 1911, vor seinem britischen Rivalen Robert Falcon Scott, mit vier Begleitern als erster Mensch den geographischen Südpol. Er zählt auch zu den ersten Menschen am geographischen Nordpol, den er als Leiter einer transarktischen Fahrt im Luftschiff Norge zusammen mit 15 weiteren Expeditionsteilnehmern am 12. Mai 1926 überquerte. Amundsen kam 1928 bei einem Rettungsflug für den in Not geratenen italienischen Polarforscher Umberto Nobile ums Leben.
Amundsen war der jüngste von vier Söhnen des Schiffseigners und Kapitäns Jens Ingebrigt Amundsen (1820–1886) und dessen Frau Hanne Henrikke Gustava (geb. Sahlquist 1837–1893). Sein Vater hatte durch den Krimkrieg und Transportfahrten chinesischer Hilfsarbeiter nach Mittelamerika in den 1860er Jahren ein beträchtliches Vermögen erworben. Gustava Amundsen, die Tochter eines Verwaltungsbeamten, lebte ebenfalls in China. Der erste Sohn der beiden, Jens Ole Antonius (genannt „Tonni“, 1866–1927), wurde 1866 dort geboren. Erst danach kehrte das Ehepaar zurück nach Norwegen, wo es ein Haus in Hvidsten, knapp 50 km südlich von Kristiania (heute Oslo), bezog. Es folgten 1868 und 1870 zwei weitere Söhne, Gustav (genannt „Busken“, 1868–1930) und Leon Henry Benham (1870–1934). Als vierter Sohn wurde 1872 Roald geboren. Sein Name ist altnordisch und bedeutet so viel wie „der Ruhmvolle“.
Kurz nach Roalds Geburt zog die Familie auf Gustava Amundsens Drängen nach Kristiania. Dort trat sein Vater eine Stelle im Handelsministerium an, und die Familie bezog eine herrschaftliche Villa gleich hinter dem Schloss von Kristiania.
Bereits in seiner Kindheit interessierte sich Roald Amundsen für Berichte von Polarreisenden. Besonders gefesselt war er von den Büchern John Franklins, eines britischen Polarforschers, der bei seinem Versuch, die Nordwestpassage zu entdecken, 1847 ums Leben kam. Durch sein Interesse an diesen Berichten sanken Amundsens Schulleistungen dramatisch ab und er hatte bereits damals den Wunsch, Polarforscher zu werden. Ab 1881 ging er auf das „Gymnasium Otto Andersen“ in Kristiania. Fünf Jahre später, 1886, starb sein Vater auf einer Reise nach England. Somit musste sich seine Mutter allein um den Haushalt und die Familie kümmern. Roald zeigte sich durch den Tod seines Vaters allerdings nur wenig betrübt. Durch die Arbeit des Vaters im Handelsministerium war dieser nur sehr selten zu Hause gewesen, so dass keine enge Bindung zwischen den beiden hätte entstehen können.
Im Laufe der Zeit nahm Amundsens Interesse für die Polargebiete weiter zu. Auch versuchte er, sich den körperlichen Strapazen von Polarreisen auszusetzen. Im Winter 1889 wagte der 16-Jährige mit drei weiteren Schulkameraden eine mehrtägige Wanderung durch die Berge westlich von Kristiania. Seine schulischen Leistungen litten weiterhin unter der Leidenschaft für die Polarforschung und 1890 legte er sein Abitur nur mit der Note 4 ab.
Studium und erste Expeditionen
Seine Mutter beäugte das Interesse des Jungen mit Argwohn und stand dem sehr kritisch gegenüber. Amundsen beschloss daher, sich vorerst mit diesem Thema nur in der Freizeit zu beschäftigen, und begann ein Studium in Medizin, jedoch brach er dieses nach kurzer Zeit ab und wandte sich der Polarforschung zu.
Am 9. September 1893 starb seine Mutter. Amundsen schrieb später darüber: „Mit großer Erleichterung verließ ich kurz darauf die Universität, um mich mit ganzer Seele in den Traum meines Lebens zu stürzen.“ Er heuerte auf verschiedenen Schiffen als Matrose an und bereiste so zwischen 1894 und 1896 weite Teile der Welt. 1895 legte er in Kristiania sein Steuermannspatent ab. Außerdem bereiste er, solange er in Norwegen war, die meisten der unzähligen norwegischen Gletscher.
1896 bis 1899 nahm Amundsen an der Belgica-Expedition in die Antarktis des Belgiers Adrien de Gerlache auf der Belgica teil. Es war seine erste Expedition. Da sich Gerlache als unfähig erwies, war Amundsen als Zweiter Offizier de facto Leiter der Expedition, bei der Teile der westantarktischen Küste vermessen und erforscht wurden. Durch diese Tat wurde Fridtjof Nansen auf ihn aufmerksam und unterstützte ihn in den folgenden Jahren. Nach seiner Rückkehr nach Norwegen unternahm er unter anderem eine Fahrradtour durch Westeuropa und leistete seinen Wehrdienst ab. Unter anderem reiste er nach Hamburg, um sich vom angesehenen Physiker Georg von Neumayer in geomagnetischen Messtechniken unterweisen zu lassen.
Von 1903 bis 1906 erkundete Amundsen die Nordwestpassage mit Hilfe des kleinen Segelschiffes Gjøa, einer nur etwa 20 m langen Hardangerjakt. Dafür erhielt er 1906 das Großkreuz des Sankt-Olav-Ordens. Norwegen war erst kurz zuvor, nämlich 1905, unabhängig geworden und feierte Amundsen als Nationalhelden. Zwar war die Nordwestpassage inzwischen strategisch nicht mehr so bedeutsam wie in früheren Jahrhunderten, doch die Durchquerung zeugte von der hohen Leistung Amundsens als Kapitän.
In der Folgezeit plante Amundsen eine Expedition zum Nordpol. Sein Interesse erlosch jedoch, nachdem Peary behauptet hatte, den Nordpol erreicht zu haben. Schließlich beschloss Amundsen, den Südpol als Erster zu erreichen. Zur selben Zeit versuchte dies jedoch auch der Brite Robert Falcon Scott und es kam zu einem Wettlauf zwischen den beiden.
Norwegen erlangte erst 1905 seine heutige Unabhängigkeit und war damals außenpolitisch bereits mit dem Vereinigten Königreich freundschaftlich verbunden. So hielt Amundsen seinen Südpol-Plan geheim, da er annahm, dass es politisch ungünstig wäre, wenn mit der Bekanntgabe seines Ziels – den Südpol als Erster zu erreichen – die britische Regierung düpiert werden könnte und er deshalb auch Schwierigkeiten mit der norwegischen Regierung bekommen würde. Erst unterwegs teilte Amundsen seiner Mannschaft sein Ziel mit, wobei er ihnen freistellte, ihn weiter zu begleiten; alle folgten ihm jedoch.
Im Januar 1911 erreichte Amundsen die Antarktis, aber erst am 20. Oktober startete seine Expedition zum Südpol nach einem Fehlstart aufgrund zu kalter Witterung. Bereits am 14. Dezember kam er am Südpol an und erreichte damit sein Ziel 35 Tage früher als sein Rivale Scott.
Zeit nach der Südpolexpedition bis zum Tod
In den folgenden Jahren war Amundsen ein gefragter Mann; er veröffentlichte seine Reiseberichte und hielt Vorträge. Am 2. Februar 1914 sprach er z. B. im Großen Kaisersaal in Frankfurt (Oder). Hunderte Besucher strömten zu dem Großereignis, der Eintritt betrug 1,05 bis 3,15 Mark. Amundsen sprach einerseits auf Deutsch, andererseits beeindruckte er mit seiner liebenswürdigen Art. Er stellte sich nicht in den Vordergrund, sondern gedachte seiner Mitarbeiter und Helfer „in rührender Weise“. Sein Vortrag war ein voller Erfolg. Noch am selben Tag reiste er nach Warschau weiter.
Während des Ersten Weltkrieges engagierte sich Amundsen auch politisch. Er kritisierte den U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches scharf und gab dem deutschen Botschafter in Oslo persönlich eine Ehrung des Deutschen Kaisers zurück. Außerdem investierte er sein Geld in Schiffsbeteiligungen. Dabei zeigte er eine geschickte Hand und hatte nach zwei Jahren die für damalige Verhältnisse beträchtliche Summe von einer Million Kronen erwirtschaftet.
Zwischen 1918 und 1920 versuchte Amundsen, sich mit einem Schiff durch die Arktis treiben zu lassen. Wegen gesundheitlicher Probleme schlug die Expedition jedoch fehl, dafür wurde die Nordostpassage durchquert. In den folgenden Jahren erforschte Amundsen Teile Nordkanadas und beschäftigte sich intensiv mit der Luftfahrt, die er als die „Zukunft des Reisens und Erforschens“ ansah.
1925 startete Amundsen gemeinsam mit dem US-Amerikaner Lincoln Ellsworth seine erste Flugexpedition in die Arktis. In den folgenden Jahren entdeckte Amundsen das Flugzeug als ein Instrument zur Polarforschung. Mit dem Italiener Umberto Nobile und Ellsworth wagte Amundsen 1926 die Überquerung der Arktis im Luftschiff Norge.