Rio Reiser (* 9. Januar 1950 als Ralph Christian Möbius in West-Berlin; † 20. August 1996 in Fresenhagen) war ein deutscher Sänger, Musiker, Komponist, Liedtexter und Schauspieler.
Von 1970 bis 1985 war er Sänger und Haupttexter der Band Ton Steine Scherben. Nach Auflösung der Band setzte er seine Karriere als Solokünstler fort. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören Macht kaputt, was euch kaputt macht, Keine Macht für Niemand und Rauch-Haus-Song mit Ton Steine Scherben sowie König von Deutschland, Alles Lüge und Junimond aus seiner Solozeit.
Rio Reiser wurde 1950 in West-Berlin geboren. Sein Vater war Ingenieur für Kartonverpackungen bei der Siemens AG; die Familie musste infolge seiner Versetzungen mehrmals umziehen. Außer in seiner Geburtsstadt lebte die Familie in Traunreut, Nürnberg, Brühl, Fellbach und Rodgau. Seine Brüder sind Peter Möbius (1941–2020) und Gert Möbius (* 1943).
Reiser brach die Schule am Melanchthon-Gymnasium Nürnberg ab, um in Offenbach-Bieber eine Ausbildung in einem Fotografenstudio zu machen. Er brachte sich selbst das Cello-, Gitarre- und Klavierspielen sowie das Spielen weiterer Instrumente bei. Seinen bürgerlichen Namen änderte er in Anlehnung an die Hauptfigur des psychologischen Romans Anton Reiser von Karl Philipp Moritz in Rio Reiser. In seiner Jugend war er Fan der Beatles und später der Rolling Stones.
Um 1970 hatte er sein Coming-out und lebte in seinem privaten Freundeskreis offen schwul. Er thematisierte seine Beziehungen zu Männern bis Mitte der 1980er Jahre nicht öffentlich; ab 1986 begann er in Interviews und Talkshows dazu Stellung zu nehmen.
Im Januar 1966 fragte R. P. S. Lanrue Rio Reiser, ob sie mal miteinander Musik machen sollten. Lanrue erhielt damals eine Empfehlung durch den Kunstmaler und Mitbegründer von Hoffmann’s Comic Teater, Blalla W. Hallmann, der in Verbindung zur in Nieder-Roden wohnhaften Familie Möbius stand, sich an den sehr jungen begabten Musiker zu wenden. Die Band, die sie schließlich gründeten, nannte sich Beat Kings und coverte hauptsächlich Beatmusik. Der meist gespielte Titel aus der Anfangszeit war Hang On Sloopy. Noch im selben Jahr gründeten Reiser und Lanrue gemeinsam die Rockband De Galaxis, in der sie ab und zu auch eigene Stücke spielten. Später brach Reiser seine Ausbildung im Fotostudio ab, um nach West-Berlin zu ziehen. Dort komponierte er im Auftrag seiner Brüder die Lieder für die „erste Beatoper der Welt“ – Robinson 2000, der aber kein kommerzieller Erfolg beschieden war.
1970 gründete Reiser zusammen mit Lanrue sowie Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel die Band Ton Steine Scherben. Im selben Jahr hatte die Gruppe den ersten Liveauftritt auf dem von Beate Uhse gesponserten Love-and-Peace-Festival. Mit den beiden im Selbstvertrieb erschienenen Alben Warum geht es mir so dreckig (1971) und vor allem Keine Macht für Niemand (1972) brachte die Band Gedanken der radikalisierten Linken in Westdeutschland nach 1968 auf den Punkt. Sie nannten das „Agitrock“, ein Wortspiel aus „Agitprop“ und „Acidrock“ mit deutschen Texten. Die Band erlangte in Berlin-Kreuzberg und westdeutschen Städten, in denen sie auftraten, schnell Kultstatus, beispielsweise mit dem Rauch-Haus-Song, dem Soundtrack zur linken Hausbesetzer-Szene. Im Anschluss an Ton-Steine-Scherben-Konzerte kam es meist vor Ort zu einer Hausbesetzung.
1974 trat die Band bei einem Konzert mit Rosa von Praunheim auf, der Reiser immer wieder künstlerische Impulse gegeben hat. So regte von Praunheim unter anderem den persönlichen Stil des Albums Wenn die Nacht am tiefsten … (1975) an sowie die Besinnung der Band auf schwulenpolitische Themen.
Als die Band sich zunehmend als „Jukebox der Linken“ in West-Berlin missbraucht sah, zog sie aufs Land nach Fresenhagen in Schleswig-Holstein. Dort entstand 1975 das Doppelalbum Wenn die Nacht am tiefsten … – eine Abkehr von den Politparolen der Anfangszeit und eine Hinwendung zu privaten, melancholischen Themen – bevor die Band eine langjährige Auszeit nahm, jedoch weiter als Kommune zusammenlebte. In dieser Zeit entstanden Hörspiele, Kinderplatten und musikalische Beiträge für Theaterstücke der schwulen Theatergruppe Brühwarm (u. a. mit Corny Littmann), wie beispielsweise Mannstoll und Entartet.
1981 kam es zu einem Comeback mit der düsteren Doppel-LP IV. Um das Album zu bewerben, entschied man sich nach Jahren der Live-Abstinenz, wieder ausgedehnt auf Tour zu gehen. Die Resonanz war positiv und die Tournee größtenteils ausverkauft. Aufgrund der Fehlkalkulation eines externen Tourmanagers konnten die Kosten für die Licht- und Tonanlage sowie die Unterkünfte bei Eintrittspreisen unter 10 DM nicht eingespielt werden; die Band stand am Ende mit einem Verlust von ca. 300.000 DM da. Das neue Management von Claudia Roth und Misha Schoeneberg sollte helfen, den Schuldenberg abzutragen. Nachdem die eher eingängige LP Scherben 1983 erschienen war, folgte Tournee auf Tournee (u. a. auch im Wahlkampf für die Grünen). 1985 löste sich die Band nach der Veröffentlichung ihres bis dahin einzigen „Live“-Albums Live in Berlin 84 unter anderem wegen der finanziellen Misere auf.
Ton Steine Scherben und Rio Reiser hatten rund 200.000 Mark Schulden, sie wollten sich aber als „Ikone der Linken“ nicht an „die Industrie verkaufen“. Annette Humpe (Ex-Ideal), die 1984 bereits Rios erste Single Dr. Sommer/B-Seite produziert hatte, stellte den Kontakt zu George Glueck her, Reisers späterem Manager.
Udo Arndt produzierte 1985/1986 zusammen mit Humpe Reisers erstes Soloalbum Rio I. für CBS. Das Album baute auf den zahlreichen Demos auf, die die Scherben für eine mögliche weitere LP aufgenommen hatten. Reisers Solokarriere begann mit seinen beiden größten Hits König von Deutschland und Junimond und war so erfolgreich, dass er nach kurzer Zeit schuldenfrei war.
Viele Fans von Ton Steine Scherben kritisierten, dass Reiser als „Idol der linksalternativen Szene“ nun ein kommerziell erfolgreicher Musiker im Fahrwasser der Neuen Deutschen Welle geworden sei. Dabei verkannten sie, dass die meisten Lieder, die Reiser im Laufe seiner Solokarriere aufgenommen und gespielt hat, alte Scherben-Lieder waren (Junimond, Menschenfresser, Jetzt schlägt’s Dreizehn, Irrenanstalt und König von Deutschland waren schon 1976 live gespielt worden). Nur waren sie nun glatter und gefälliger arrangiert und besser produziert. Eingespielt wurden die Platten von einer Reihe professioneller Studiomusiker, anstatt wie bis dahin im Kollektiv. Bei den Liveauftritten wurde Reiser aber von zahlreichen Musikern aus dem Scherben-Umfeld begleitet, so spielte bis zum Jahr 1988 Lanrue in seiner Live-Band mit.
1986 beendete Reiser mit einer Allstar-Band (u. a. mit Herbert Grönemeyer, den Rodgau Monotones, den Toten Hosen, Purple Schulz und Herwig Mitteregger) vor über 100.000 Zuschauern das Anti-WAAhnsinns-Festival. Als letztes Lied spielte er allein am Klavier eine Version von Over the Rainbow.
Die Verkaufszahlen der Nachfolge-LP Blinder Passagier (1987) konntem die hohen Erwartungen nicht erfüllen, die das Debüt geweckt hatte. Statt einen Nachfolge-Hit für König von Deutschland zu produzieren, schrieb Reiser neben Rocksongs lieber Seemanns-, Sehnsuchts- und Schlaflieder. Die Tournee zum Album war aber ein Erfolg und führte ihn im Oktober 1988 für zwei Konzerte auf Einladung der FDJ auch nach Ost-Berlin. Für diese beiden Konzerte, die am 1. und 2. Oktober 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle stattfanden, hatte Reiser noch ein paar Scherben-Klassiker mehr als üblich ins Programm aufgenommen. Die Konzerte, die mit Alles Lüge begannen, wurden aufgezeichnet und vom DDR-Jugendradiosender DT 64 ausgestrahlt. Allerdings fehlte bei der Ausstrahlung der Scherben-Song Der Traum ist aus: Die Zeilen „Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? […] Ich weiß es wirklich nicht – Ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: Dieses Land ist es nicht!“ – ursprünglich der Bundesrepublik gewidmet – wurden von tausenden Ost-Berlinern „mehr mitgebrüllt als mitgesungen“ und das zeigte, ein Jahr vor der politischen Wende, wie wenig sich die anwesenden Zuhörer mit ihrem Staat identifizieren wollten. Als Vorgruppe spielte Lutz Kerschowski, der später als Gitarrist in Rios Band spielte und heute sein musikalischer Nachlassverwalter ist.