Rio Gavin Ferdinand (* 7. November 1978 in Peckham, London) ist ein ehemaliger englischer Fußballspieler. Der frühere Nationalstürmer Les Ferdinand ist ein Cousin von Rio, Bruder Anton war ebenfalls Profifußballer.
Rio Ferdinand entstammt einer großen Familie und ist Sohn von Janice, einer Frau irisch-englischer Herkunft, und dem im Karibikstaat St. Lucia geborenen Julian Ferdinand. Beide Elternteile arbeiteten im eigenen Haus in Peckham; Janice in der Kinderbetreuung und Julian als Schneider. Als Rio 14 Jahre alt war, trennten sich seine unverheirateten Eltern. Die Verbindung des Vaters mit seinen Kindern blieb jedoch auch nach dessen Auszug eng und er nahm die Sprösslinge regelmäßig zum Fußballtraining und in nahe gelegene Grünanlagen mit. Wohlstand war im Hause Ferdinand wenig gegeben und Rio verbrachte seine Jugend in einem Leben ohne Luxus in Peckham, einem Stadtteil von London, in dem fast die Hälfte der Bewohner entweder arm oder an der Grenze zur Armut lebten. Die Gewalt war allgegenwärtig, aber Ferdinands Eltern gelang es, die eigenen Kinder von den dunklen Ecken fernzuhalten. Rio selbst interessierte sich neben dem Fußball in der Schule gleichermaßen für Mathematik und Theaterstücke.
Er besuchte die Blue Coats High School in Blackheath – die Schule, die 1994 durch den landesweit Aufsehen erregenden, mutmaßlich rassistisch motivierten Mord an Stephen Lawrence, einem knapp vier Jahre älteren Schulkamerad von Ferdinand, größere Bekanntheit erlangte. Bereits in jungen Jahren zeigte sich Ferdinand vielfältig talentiert; er spielte im Alter von zehn Jahren bei den Queens Park Rangers vor und wurde im Jahr darauf von der renommierten Londoner Central School of Ballet aufgenommen. Vier Jahre nahm er jeweils vier Tage in der Woche Ballettstunden, aber es zeigte sich, dass seine Leidenschaft mehr dem Fußball gehörte. Bei seinem Jugendklub Eltham Town agierte er zunächst in der offensiven Mittelfeldrolle, aber die Talentscouts sahen früh in ihm mehr das Potential in der zentralen Innenverteidigung. Zu den Klubs, mit denen er als Teenager trainierte, zählten nicht nur die in London beheimateten Charlton Athletic, FC Chelsea, FC Millwall und Queens Park Rangers, sondern auch der nordenglische FC Middlesbrough, für den Ferdinand sogar einen Großteil seiner Ferienzeit opferte. Im Jahr 1992 wurde er Teil der renommierten Nachwuchsabteilung von West Ham United und im Januar 1994 unterzeichnete er hier seinen ersten Jugendspielervertrag bei der Akademie, an der zu dieser Zeit weitere spätere Nationalspieler wie Frank Lampard heranreiften. Als einer der besten Spieler seiner Altersklasse wurde er im Alter von 16 Jahren erstmals in die Juniorennationalmannschaft berufen und sammelte bei der U-17-Europameisterschaft erste internationale Turniererfahrungen.
Der ursprünglich von Frank Lampard senior entdeckte Ferdinand entwickelte sich positiv in den Nachwuchsmannschaften und erhielt anschließend bei West Ham United einen Profivertrag. Sein Debüt in der ersten Mannschaft absolvierte er am 5. Mai 1996, als er beim 1:1-Remis gegen Sheffield Wednesday – der letzten Ligapartie der Saison 1995/96 – eingewechselt wurde. Noch in Teenager-Jahren wurde aus Ferdinand bei den „Hammers“ ein zentraler Leistungsträger und nach Ablauf der Spielzeit 1997/98 erhielt er die vereinsinterne Auszeichnung zum besten Spieler der abgelaufenen Saison.
Im November 2000 wechselte er für die damalige britische Rekordablöse in Höhe von 18 Millionen Pfund von West Ham zu Leeds United; gleichzeitig war er damit weltweit der zu der Zeit teuerste Abwehrspieler. Trotz eines 0:3-Fehlstarts gegen Leicester City an der Elland Road akklimatisierte sich Ferdinand schnell in der neuen Umgebung und zog nach einem Viertelfinalkopfballtor gegen Deportivo La Coruña ins Halbfinale der Champions League ein.
Im August 2001 ersetzte Ferdinand Lucas Radebe als Mannschaftskapitän und auch die Leistungen blieben im zweiten Jahr auf beständig hohem Niveau, wenngleich er mit Leeds auf dem fünften Abschlusstabellenrang die anvisierte erneute Qualifikation für die europäische Königsklasse verpasste. Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die Finanzplanung des Klubs; während der WM 2002 mehrten sich die Gerüchte um die wirtschaftlichen Probleme in Leeds und die mögliche Auswirkung für den neuen Trainer Terry Venables, seinen Führungsspieler Ferdinand für eine hohe Summe verkaufen zu müssen. Nachdem sich dieser auch bei der Weltmeisterschaft in guter Form gezeigt hatte, einigten sich Leeds United und Manchester United auf ein Transfergeschäft.
Am 22. Juli 2002 unterzeichnete Ferdinand in Manchester einen Fünfjahresvertrag und war damit wieder sowohl teuerster Spieler in Großbritannien als auch weltweit der teuerste Verteidiger – die beiden Höchstmarken hatten zwischenzeitlich Juan Sebastián Verón und Lilian Thuram erobert. Dass in Leeds von einem Transfer von „über 30 Millionen Pfund“ gesprochen werden konnte, lag daran, dass die Modalitäten neben der Kaufsumme von über 20 Millionen Pfund weitere leistungsabhängige Zusatzzahlungen vorsahen. Die Vereinsführung von Leeds United favorisierte aber aufgrund der massiven Finanzprobleme schnell in Verzicht auf zukünftige Zahlungen eine höhere „Sofort-Ablösesumme“, die abzüglich diverser Gebühren 29,1 Millionen Pfund betrug.
Die Anfangsphase in Manchester verlief zunächst holprig; vor allem seine Leistungen in der Champions League gegen Real Madrid und die sechs Gegentore in den beiden Viertelfinalpartien sowie der Auftritt bei der 0:1-Niederlage gegen seinen Ex-Klub aus Leeds waren Gegenstand von Kritik. Dennoch errang er bereits in seinem ersten Jahr für „United“ mit der englischen Meisterschaft den ersten wichtigen Titel in seiner Karriere. Die Probleme zu Beginn in Manchester waren nicht nur sportlicher Natur, denn Ferdinand machte im Jahr 2003 Schlagzeilen aufgrund eines Dopingvergehens. Er vergaß die Abgabe eines Dopingtests, wofür er Stress bei einem Wohnungsumzug verantwortlich machte. Obwohl ein nachträglich durchgeführter Dopingtest keine besonderen Werte aufwies, wurde er daraufhin für acht Monate gesperrt, da nach den Regularien die Nichtabgabe der Probe oder eine Verweigerung mit einem Dopingmissbrauch gleichzusetzen war. Er wurde im Nationalteam durch John Terry ersetzt und versäumte die Europameisterschaft 2004 in Portugal. Trotz vieler Proteste von Manchester United, die sich auf vergleichsweise geringere Strafmaße in ähnlich gelagerten Fällen stützten, wurde die Sperre auch im Nachgang nicht verkürzt. Allerdings trat die Strafe erst am 12. Januar 2004 in Kraft, so dass Ferdinand die Hinrunde der Saison 2003/04 bestreiten konnte.
Erst im Jahr 2006 folgte der nächste sportliche Erfolg. Die englische Meisterschaft ging zwischen 2004 und 2006 drei Mal nach London und nach den zwei Pokalfinalniederlagen 2003 (Ligapokal) und 2005 (FA Cup) sicherte sich Ferdinand mit einem 4:0-Endspieltriumph gegen Wigan Athletic am 26. Februar 2006 den Ligapokal. Gegen denselben Gegner hatte er gut zwei Monate zuvor sein erstes Tor für United erzielt – Endergebnis war ebenfalls ein 4:0-Erfolg gewesen; endgültig in Manchester „angekommen“ war Ferdinand aber letztlich mit seinem Siegtreffer in letzter Minute gegen den FC Liverpool, der ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu direkten Qualifikation für die Champions League war. Um Ferdinand herum fand United anschließend zu alter Stärke zurück, was in der Spielzeit 2006/07 durch die Rückholung des Meistertitels in den englischen Nordwesten demonstriert wurde; auch deswegen wurden nicht weniger als acht United-Spieler (inklusive Ferdinand) in die „Mannschaft der Saison“ gewählt.
In einer ereignisreichen Saison 2007/08 zeigte sich die United-Defensive um Ferdinand früh sehr stabil und ließ in sechs aufeinander folgenden Partien keinen Gegentreffer zu. Am 8. März 2008 musste Ferdinand im FA-Cup-Viertelfinale gegen den FC Portsmouth kurzzeitig das Tor hüten, nachdem sowohl Edwin van der Sar wegen einer Leistenverletzung als auch sein polnischer Vertreter Tomasz Kuszczak nach einer Notbremse das Feld hatten verlassen müssen – den fälligen Elfmeter des gegnerischen Sulley Muntari konnte er nicht parieren und United schied mit einer 0:1-Niederlage aus dem Wettbewerb aus. Vier Tage nach dem Gewinn seiner dritten englischen Meisterschaft verlängerte Ferdinand seinen Kontrakt in Manchester um weitere fünf Jahre und führte sein Team am 21. Mai 2008 beim Champions-League-Endspielsieg gegen den FC Chelsea aufs Feld. Weitere Trophäen sammelte Ferdinand kurz darauf mit dem Gewinn der Klub-Weltmeisterschaft und im Jahr 2009 mit dem erneuten Premier-League-Titel nebst einer weiteren Ligapokalausgabe. Bei der angestrebten Champions-League-Titelverteidigung scheiterte er mit seinem Team an Finalgegner FC Barcelona. Die nächsten Jahre sollten erfolgreich für ihn und Manchester verlaufen, denn es folgten noch zwei Meisterschaften (2010/11 und 2012/13), ein Ligapokalsieg (2009/10) sowie ein englischer Superpokalsieg (2011). Ein weiterer Triumph in der Champions League blieb Ferdinand nicht vergönnt, als er 2011 im Finale wie schon 2009 am FC Barcelona scheiterte.